Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Palästinenser im Libanon: Die Zwangs-Schwarzarbeiter

Von Bodo Straub, Tel Aviv

Sie sind im Libanon geduldet, mehr aber auch nicht: Nirgendwo haben palästinensische Flüchtlinge weniger Rechte. Sie können nur illegal arbeiten, weil sie ihren Beruf nicht ausüben dürfen. Dabei leben viele von ihnen schon seit mehr als 60 Jahren in dem Land.

Palästinenser: Rechtlos im Libanon Fotos
Bodo Straub

Auch hier gibt es Träume. Sie sind versteckt unter einem Lärmteppich aus Stromgeneratoren, elektrischen Wasserpumpen und Kindergeschrei, hinter engen dunklen Gassen zwischen fünf- und sechsstöckigen Häusern. Hier, im Kinder- und Jugendzentrum von Shatila, hängt im halbdunklen Flur eine Buntstiftzeichnung: ein lachender Mann steht an einer Art Werkbank, in der Hand einen Schraubenschlüssel. Darunter steht: "Wenn ich groß bin, werde ich Ingenieur". Ein unerfüllbarer Traum.

Im palästinensischen Flüchtlingslager Shatila im Süden Beiruts leben 19.000 Menschen auf einem Quadratkilometer. 19.000 von geschätzt 330.000 Palästinensern im Libanon, vier Millionen weltweit. Doch nirgendwo haben sie so wenige Rechte wie im Libanon. Obwohl das Land als eines der ersten die Uno-Menschenrechtscharta unterzeichnet hat, verweigert es palästinensischen Flüchtlingen das Recht auf Arbeit und auf freie Berufswahl.

Khaled Moujahed hatte auch einmal einen Traum: Der 25-Jährige wollte Apotheker werden - aussichtslos für einen Palästinenser im Libanon. Jetzt arbeitet er schwarz, wie die meisten, die überhaupt eine Arbeit gefunden haben. Er ist Pharmazie-Assistent in einer Apotheke an der Autobahn, die von Beirut nach Süden führt. Sein Chef sagt: "Khaled ist ehrlich, zuverlässig und lernt schnell." Was er nicht sagt: Khaled ist billig. Von 16 Uhr bis Mitternacht arbeitet der Palästinenser, sechs Tage pro Woche, für 600 Dollar im Monat. Ein Libanese bekäme 1000 Dollar.

Mit Flüchtlingen überfordert

Die Palästinenser leben zwar schon seit ihrer Flucht und Vertreibung bei der Gründung Israels 1948 im Libanon, zum Teil bereits in der dritten Generation. Aber bis heute brauchen sie für alle Berufe eine Arbeitserlaubnis. Die benötigt jeder Ausländer im Land, die sind teuer und mit hohen bürokratischen Hürden verbunden. Im Jahr 2009 stellte der Libanon nur 99 für Palästinenser aus. Er ist der einzige arabische Staat, der die Palästinenser als Ausländer behandelt.

Dazu kommt: 30 Berufe, vom Ingenieur und Apotheker bis zum Taxifahrer und Friseur, dürfen nur von Mitgliedern der jeweiligen Berufsverbände ausgeübt werden. Dort können Palästinenser jedoch nicht Mitglied werden. Entweder ist der Zugang nur den Libanesen reserviert, oder es gilt das Prinzip der Reziprozität: Ausländer können nur dann Mitglied werden, wenn Libanesen in deren Herkunftsstaat in ihrem Beruf arbeiten dürfen. Doch noch ist Palästina ja nicht als Staat anerkannt. Vor allem deshalb haben nach Angaben des Uno-Flüchtlingswerks nur 37 Prozent der Flüchtlinge zwischen 15 und 65 Jahren Arbeit.

Gedankenverloren spielt Khaled Moujahed mit einem Schlüsselanhänger. Eine Friedenstaube ist darauf zu sehen. Sie schwebt über einer Stadt mit einer goldenen Moschee in der Mitte: Jerusalem. Für Khaled die Hauptstadt Palästinas, seiner Heimat, die er nur aus den Erzählungen seines Großvaters kennt. "Am liebsten würde ich den Libanon verlassen, irgendwo hin nach Europa oder in die Golfstaaten."

Palästinenser-Gesetz in Warteschleife

Bisher wagt der Pharmazie-Assistent den Absprung noch nicht. Auch wenn es das ist, was die libanesische Regierung mit der Perspektivlosigkeit erreichen will. Offiziell gibt Beirut zwar vor, den Druck auf Israel und die Weltgemeinschaft aufrecht erhalten zu wollen, damit diese eine Lösung für das palästinensische Flüchtlingsproblem finden. In Wahrheit aber wäre der Vier-Millionen-Staat Libanon mit der Integration von 330.000 Flüchtlingen ganz einfach überfordert.

Sie sind auch jetzt schon eine Gefahr, sagt Souheil Natour, Leiter der Nicht-Regierungsorganisation Human Development Center: "Die Verarmung der Palästinenser treibt einen Teil der Jugend in die Arme des Extremismus. Sie beginnen, die Sicherheit in den Lagern, aber auch den Libanon zu bekämpfen."

Deshalb hat sich das libanesische Parlament im August 2010 zum ersten Mal in seiner Geschichte mit den Palästinensern im Land befasst. Es beschloss ein Gesetz, das deren Arbeitssituation verbessern soll. Allerdings ist das auch mehr als ein Jahr später immer noch nicht in Kraft: Die Regierung steckt in einer anhaltenden Krise, niemand fühlt sich für das Gesetz zuständig. Darüber hinaus greift es ohnehin viel zu kurz - die Palästinenser hätten immer noch keinen Zugang zu den in Verbänden organisierten Berufen oder zur Sozialversicherung.

Khaled Moujahed könnte damit jedoch - zumindest theoretisch - legal als Pharmazieassistent arbeiten. Für Yasmin Sayyah würde sich dagegen immer noch nichts verbessern. Die 24-Jährige wollte eigentlich Mathematik studieren: ihr Traumfach, aber eine Palästinenserin darf im Libanon nicht Lehrerin werden. Jetzt leitet sie das Labor des al-Aqsa-Krankenhauses im Flüchtlingslager Ain al-Helweh, nahe der Hafenstadt Sidon. Das darf sie nur, weil das Hospital eine ausländische Einrichtung ist. Ihre Ausbildung hat sie in einem Zentrum des Uno-Flüchtlingswerks absolviert, libanesische Labors bilden keine Palästinenser aus. "Natürlich könnte ich auch außerhalb des Lagers arbeiten, schwarz", sagt sie, "aber was erwartet mich da? Schlechte Bezahlung, Illegalität, Diskriminierung durch die Libanesen."

Selbsternannter Lager-General

Nur 80 Kilometer weiter südlich von Ain al-Helweh beginnt Israel. Das Lager ist das größte im Libanon. Geschätzt 70.000 Menschen leben hier auf 2,5 Quadratkilometern. Während die Fläche der palästinensischen Camps seit 1948 gleich geblieben ist, hat sich die Bevölkerung in der Zwischenzeit verdreifacht. Daher bauen die Flüchtlinge in die Höhe. Ihre Häuser erinnern an Patchworkdecken - hier wurde ein Zimmer dazugeflickt, dort der kleine Raum zwischen zwei Häusern mit einem Gang überbrückt.

Mitten in dem undurchdringlichen Wirrwarr von Häusern und Gässchen wohnt der selbsternannte General Abu Hassan. Er bezeichnet sich als "Militärischer Führer der Fatah im Libanon". Tatsächlich ist er ein international gesuchter Terrorist. Wenn er und seine mit Maschinenpistolen bewaffnete Sechs-Mann-Leibwache durch das Lager marschieren, grüßen die Bewohner freundlich, manche gar unterwürfig. Abu Hassan ist reich. Allein der Salon seines Hauses ist größer als die meisten Häuser Ain al-Helwehs.

"Wir bereiten die jungen Leute auf die Befreiung Palästinas vor", sagt er und blickt auf das Poster mit dem Jerusalemer Tempelberg an der Wand. "Diese Generation ist die Generation der Freiheit. Wir haben hier doch nichts. Keine Rechte, keine Perspektive, keinen Platz." Deshalb sagt er den Jugendlichen: "Geht zurück nach Palästina oder sterbt als Märtyrer."

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 26 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Libanon
demut 24.09.2011
Der Libanon stellt damit lediglich sicher, dass die Flüchtlinge und Ihre Nachkommen in Ihre Heimat zurückkehren werden. Es ist schließlich nicht die Schuld des Libanons, dass Israel seit mehr als einem halben Jahrhundert als Besatzungsmacht die Rückkehr der Flüchtlinge mit aller Gewalt verhindert. Und es ist nicht die Aufgabe des Libanon Fakten zu schaffen, die die Vertreibung unumkehrbar macht. Israel wird damit leben müssen, dass mehrere Millionen Menschen in die "besetzten" und zum Teil ethnisch gesäuberten Gebiete zurückkehren werden und die Siedlungen der Juden in Ostjerusalem und dem Westjordanland aufzugeben sind.
2. Zu den Schwierigkeiten Libanons diese Menschen zu
atherom 24.09.2011
Zitat von sysopSie sind im Libanon geduldet, mehr aber auch nicht: Nirgendwo haben palästinensische Flüchtlinge weniger Rechte. Sie können nur illegal arbeiten, weil sie ihren Beruf nicht ausüben dürfen. Dabei leben viele von ihnen schon seit mehr als 60 Jahren in dem Land. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,785823,00.html
integrieren muss man noch hinzufügen: Vor 60 Jahren waren es keine 330000 Menschen, die nach Libanon kamen, vermutlich waren es etwa 50000. Libanon war reicher als heute -nicht zufällig wurde der Staat als "die Schweiz des Nahen Ostens" bezeichnet und hatte mehr Einwohner gehabt (viele Libanesen sind ausgewandert, was mit inter-religiösen Konflikten zu tun hatte). Nach der Staatsgründung wurden arabische Juden aus ihren Herkunftsländern vertrieben. Ohne jede, dass sie ihr Gut und Habe mitnehmen konnten. Es waren etwas mehr, als die arabischen Flüchtlinge aus Israel. Sie wurden alle integriert. Entschädigt wurden sie übrigens bis Heute nicht.
3. Ein Artikel ohne Hintergründe!
dirkgruenwald 24.09.2011
Die Situationsbeschreibung ist vollkommen richtig, aber es fehlen die Hintergründe, die die Situation erklären. Und das ist sehr schade, dass der Autor sich die Mühe nicht gemacht hat. Darum einige Anmerkungen: 1. Das politische System im Libanon beruht auf der Volkszählung von 1932 und der Aufteilung der Ämter nach Religionen. Ein Einbürgerung der merhheitlich muslimischen Palästinenser würde das System tiefgreifend verändern. Das ist im Libanon auf absehbare Zeit nicht möglich und war auch in der Vergangenheit nicht möglich. 2. Eine Einbürgerung der Flüchtlinge würde politisch nur Israel nützen und warum sollte der Libanon, der wiederholt Angriffszeil gewesen ist, dies überhaupt tun. Ohne jede Gegenleistung aus Israel! Eine Einbürgerung der Flüchtlinge bedeutet nämlich, dass die Fiktion der Rückkehr in die Heimat aufgegeben wird und damit die Okkupation und der Siedlungsbau abzeptiert wird. 3. Wer würde denn den Libanon bei der Einbürgerung so vieler Flüchtlinge und der Integration in seine Gesellschaft unterstützen. Oder andersherum gefragt: wer würde daraus politisches Potential schlagen wollen: Syrien? Saudi-Arabien? Wer also die Lage der Flüchtlinge (berechtigt) beklagt, sollte sich mehr Gedanken machen, warum es so gekommen ist und wie es weitergehen sollte.
4. xxx
Wayne88 24.09.2011
Zitat von sysopSie sind im Libanon geduldet, mehr aber auch nicht: Nirgendwo haben palästinensische Flüchtlinge weniger Rechte. Sie können nur illegal arbeiten, weil sie ihren Beruf nicht ausüben dürfen. Dabei leben viele von ihnen schon seit mehr als 60 Jahren in dem Land. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,785823,00.html
Ein weiterer Beweis für die dringende Notwendigkeit eines eigenen palästinensischen Staates.
5. Apartheit
tvc64 24.09.2011
Seit vielen Jahren wundere ich mich über die Sprachlosigkeit, mit der man im Westen diese Apartheit im Libanon übersieht. Die deutsche Politik scheint dieser ewige Quell an Flüchtlingsschicksalen nicht zu interessieren. Man ärgert sich höchstens ein bisschen, dass man die Palästinenser aus dem Libanon nicht dorthin wieder abschieben kann, da Libanon sie in der Regel nicht zurücknimmt. Wegen ihrer „ungeklärten“ Staatsangehörigkeit haben sie es sogar besonders schwer, etwa nach einer geglückten Flucht und einer erfolgreichen Integration z.B. in Deutschland die deutsche Staatsangehörigkeit zu erlangen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Geschichte des Libanon
Eine Chronologie der leidvollen Vergangenheit des Landes an der Mittelmeerküste:
1958: Erster Bürgerkrieg
Bis in die fünfziger Jahre gilt der 1943 von Frankreich in die Unabhängigkeit entlassene Libanon als "Schweiz des Nahen Ostens". Die Wirtschaft blüht, die religiösen Gruppen leben in Frieden miteinander.

Danach jedoch prägen Turbulenzen und Gewalt die Geschichte des Landes. Der erste Bürgerkrieg bricht 1958 nach Spannungen zwischen Muslimen und Christen aus. Auf Ersuchen von Staatspräsident Camille Chamoun entsandte US-Marineinfanteristen sorgen eine zeitlang für relative Ruhe.

1968: Kairoer Abkommen
1968, ein Jahr nach dem arabisch-israelischen Sechstagekrieg, greifen Palästinenser vom Südlibanon aus immer wieder Israel an. 1969 schließen der Libanon und Palästinenserführer Jassir Arafat das Kairoer Abkommen zur Eindämmung der Guerilla-Aktivitäten.
1975 bis 1990: Zweiter Bürgerkrieg
Im Libanon herrscht Bürgerkrieg zwischen christlichen Milizen und muslimischen Verbänden. Die Folge sind schwere Verwüstungen - und 150.000 Tote. Einige der Milizen wechseln im Verlauf des Krieges die Fronten. 1976 greift die syrische Armee ein, 1978 besetzt Israel den Süden (bis zum Jahr 2000).
1982: Israelische Militäraktion
Die Israelische Militäraktion "Frieden für Galiläa" zur Zerschlagung der Palästinensische Befreiungsorganisation PLO von Jassir Arafat. Israel duldet dabei Massaker christlicher Milizen in den Palästinenserlagern Sabra und Schatila in Beirut.
1991: Syrien-Bündnis
Libanon schließt Freundschafts- und Sicherheitsabkommen mit Syrien, die dem libanesischen Nachbarland bis 2005 maßgeblichen Einfluss sichern. Aufteilung der Macht zwischen Christen und Muslimen. Unter Ministerpräsident Rafik al-Hariri, der bis 2004 mit Unterbrechungen regiert, erlebt das Land einen wirtschaftlichen Aufschwung.
1993 und 1996: Angriffe Israels
Israel beantwortet Raketenbeschuss jüdischer Siedlungen mit massiven Angriffen auf Stützpunkte der schiitischen Hisbollah im Südlibanon. 2000 Abzug der israelischen Armee aus dem Südlibanon.
2005: Zedernrevolution
Ein Bombenanschlag erschüttert Beirut im Februar 2005: Das Attentat gilt Ex-Ministerpräsident Rafik al-Hariri, er stirbt. Daraufhin brechen massive Proteste gegen die syrische Präsenz los ("Zedernrevolution").

Die syrische Armee zieht schließlich ab. Doch der Libanon wird von einer neuen Attentatswelle überzogen. Zu den vielen weiteren anti-syrischen Mordopfern zählt Industrieminister Pierre Gemayel (2006).

2006 bis heute: Krieg und Regierungskrise
Im Juli und August 2006 erlebt der Libanon einen Krieg zwischen Israel und der Hisbollah mit schweren Zerstörungen und mehr als 1000 Toten. Danach sichert eine Uno-Friedenstruppe die südliche Grenze des Landes.

Sechs pro-syrische Minister treten im November 2006 zurück, es folgen Demonstrationen der Opposition und eine anhaltende Regierungskrise. Erst mit dem Doha-Versöhnungsabkommen und der Wahl von Ex-Armeechef Michel Suleiman zum Präsidenten wird die Staatskrise im Mai 2008 beendet.

Im November 2009 wird der Sohn des ermordeten Rafik al-Hariri, Saad al-Hariri, als neuer Premier vereidigt - sein pro-westliches Lager hat bei den Parlamentswahlen die Mehrheit behaupten können. An der Regierung ist auch die pro-iranische Hisbollah beteiligt. Sie bringt die Koalition schließlich zu Fall, als sie am 11. Januar 2011 erklärt, ihre Minister aus dem Kabinett abzuziehen. Der Grund: Hariri habe sich nicht von dem Uno-Tribunal distanziert, das den Mord an seinem Vater aufklären soll.


Fläche: 10.452 km²

Bevölkerung: 4,228 Mio.

Hauptstadt: Beirut

Staatsoberhaupt:
Michel Suleiman (Amtszeit abgelaufen); Tammam Salam (amtierend)

Regierungschef: Nadschib Mikati (zurückgetreten; amtierend); Tammam Salam (designiert)

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Arabien-Reiseseite

Geschichte Israels

DER SPIEGEL
Interaktiv: Das Heilige Land im Wandel



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: