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Palästinenser im Siedlungsbau: Guter Job, verhasster Job

Aus Sindschil berichtet Ulrike Putz

Fliesenlegen für den Feind: Wie viele tausend seiner Landsleute hat der palästinensische Bauarbeiter Haitham Asfur einen politisch höchst heiklen Job. Er baut ausgerechnet die umstrittenen jüdischen Siedlungen, die dem Friedensprozess im Weg stehen.

Bagger beim Siedlungsbau in Westjordanland: "Ich bin gezwungen, Palästina zu verraten" Zur Großansicht
AFP

Bagger beim Siedlungsbau in Westjordanland: "Ich bin gezwungen, Palästina zu verraten"

Prinzipien muss man sich leisten können. Im palästinensischen Westjordanland sind sie für viele unerschwinglich.

"Natürlich hasse ich meinen Job", sagt Haitham Asfur. "Aber was kann ich tun? Ich bin gezwungen, Palästina zu verraten."

Haitham Asfur ist Palästinenser, er baut jüdische Siedlungen im von Israel besetzten Westjordanland. Tagein, tagaus legt er Fliesen in Häusern, die nach internationalem Recht nicht existieren dürften.

Asfur baut die Hindernisse, die einem Frieden in Nahost im Weg stehen. Die erst im September unter der Ägide der USA wieder angelaufenen Friedensverhandlungen drohen zu scheitern - weil Israel darauf besteht, weiter Siedlungen im Westjordanland zu bauen.

"Ich habe einen Job, der mich unglücklich macht"

Siedlungsbaustopp ist das Schlüsselwort der aktuellen Runde der Friedensverhandlungen in Nahost. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas hat angedroht, die Gespräche abzubrechen, sollte Israel wieder massiv anfangen, auf palästinensischem Territorium zu bauen. Ein zehn Monate dauernder sogenannter Baustopp ist gerade ausgelaufen - dass er seinen Namen nicht verdient hatte, weiß keiner so gut wie Asfur. "Ich habe die ganzen zehn Monate durchgearbeitet. Etwas weniger als sonst, aber stetig." Der Hintergrund: Häuser, die schon im Bau waren, durften auch während des Moratoriums fertiggestellt werden. In Ost-Jerusalem konnte gar ungehindert weiter expandiert werden. Seit vergangenem Wochenende gelten diese Einschränkungen nicht mehr.

Dass der erwartete Bauboom in den Siedlungen noch auf sich warten lässt, liegt am jüdischen Laubhüttenfest; in der Zeit ruht die Arbeit, überall. "Aber ab nächster Woche geht es wieder los, mein Terminkalender ist schon voll", sagt Asfur. 25.000 Palästinenser arbeiten regelmäßig für den Feind, in den jüdischen Siedlungen. "Und ich bekomme viele Anrufe von Männern", berichtet Asfur, "die auch gern dort arbeiten würden."

Für Empörung über das Ende des Baustopps hat der 33-Jährige keine Geduld: "Ich muss meine Familie ernähren, und die Siedler zahlen nun mal das Doppelte." Loyalität für die palästinensische Sache ist für ihn ein Zahlenspiel: Einen Tag Fliesen legen in einem palästinensischen Dorf bringt ihm umgerechnet 40 Euro ein. In einer jüdischen Siedlung bekommt er dafür 80 Euro.

"Ich will, dass mein Sohn sein Leben nicht wie ich auf den Knien verbringt", sagt Asfur, dessen Ältester zehn Jahre alt ist. Doch die Schule kosten Geld, ebenso die Bücher, die Schuluniform, der Bus. "Ich habe einen Job, der mich unglücklich macht, ich tue ihn für meinen Sohn."

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1. Man hört immer
komajo 10.10.2010
illegaler Siedlungsbau. Gibt es dort keinen Grundstückskataster? Wurden die Hausplätze gekauft oder genommen? Woran scheitert es, dass dort zivilisierte Rechtsverhältnisse geschaffen werden?
2. Wer Gewalt sät wird durch Gewalt sterben.
Ernst August 10.10.2010
Zitat von sysopFliesenlegen für den Feind: Wie viele Tausend seiner Landsleute hat der palästinensische Bauarbeiter Haitham Asfur einen politisch höchst heiklen Job. Er baut ausgerechnet die umstrittenen jüdischen Siedlungen, die dem Friedensprozess im Weg stehen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,720698,00.html
Erst das Land mit Gewalt (Wir erinnern uns wer die Erfinder des koordinierten Bombenterrors der Neuzeit sind? Nein ? - fragen wir mal die Engländer nach den Fahndungsplakaten) und mit von irren Geistern gefälschten 3000 Jahre alten göttlichen Papieren (Irre Religion und Gewalt), nehmen und die Besitzer des Landes vertreiben, ermorden und einsperren und ständig bombardieren, dividieren und drangsalieren und aks Täter die Welt in der Opferrolle anjammern und sich von ihr mit Waffen und Held versorgen lassen und sie dann auch noch die Beraubten, Ermordeten und Eingesperrten weil die ja schließlich essen müssen auch noch zum weiteren Raub ihres eigenen Landes beschäftigen und der Welt was von Siedlern gegen die man nichts machen kann frech ins Gesicht lügen. Perfider geht es nicht und das Ende wird sein wie der Anfang war. Übrig bleiben wird den Räubern und Mördern nichts weil sie es zu bunt getrieben haben – und das ist dann auch gerecht so.
3. Fassungslos....
marifu 10.10.2010
"Einen Tag Fliesen legen in einem palästinensischen Dorf bringt im umgerechnet 40 Euro ein." Ein Tag = 40 Euro x 5 = 200 Euro pro Woche, x 4 = 800 Euro pro Monat ..? Und das ist ihm für seine Familie zu wenig ??? Ich arbeite für weniger als ein fünftel und habe auch zwei Kinder durchs Abi gebracht. Man sieht mal wieder, für Prinzipien, für Recht und Überzeugung leiden, kämpfen und sterben die falschen Palästinenser im Nahen-Osten. Kein Wunder wenn die Mehrheit der Bevölkerung im Gazastreifen mit der Fatah-Partei und ihren korrupten Anhängern im WJL nichts zu tun haben wollen. Man kann jede miese Arbeit annehmen und mit sehr wenigem leben, auch sich erniedrigen lassen, man tut eigentlich alles um die Kinder durchzubringen. Aber wer ein Funken Ehrgefühl im Leib hat, würde sich niemals selbst soweit erniedrigen um jüdischen Siedlern, die das eigene Land stehlen auch noch ihre Häuser und Siedlungen zu bauen. Wer an Unrecht mitarbeitet und mitverdient macht sich selbst mitschuldig, alles andere sind Ausreden. Asfour sagt: "Ich will, dass mein Sohn sein Leben nicht wie ich auf den Knien verbringt" ?? Aber wenn sein Sohn oder seine Enkel irgendwann kein Land mehr haben um darin aufrecht gehen zu können, das stört ihn anscheinend nicht ? Seltsame Logik. Kann bis heute nicht verstehen, dass manche Leute sich für rein gar nichts zu schade sind. Frage mich, wie solche Menschen nachts schlafen können wenn Israel Tag für Tag , Jahr aus Jahr ein Palästinenser diskriminiert, vertreibt und ihnen das Land wegnimmt während sie ihnen Toiletten in die Siedlungen auf dem gestohlenen Land ihres Bruders einbauen ? Wo bleibt ihr Gottvertrauen ? Und das bei ehrlich verdienten 800 Euro pro Monat in einem palästinensischen Dorf ? 160 Euro pro Tag von den Siedlern ?... und bringt ihm kein Glück. Es liegt eben kein Segen auf dem Geld !
4. .
Kassian 10.10.2010
LOL, es war ja zu vermuten, aber das die dort unten wirklich Palästinenser ausgerechnet diese Arbeiten verrichten lassen ist schon perfide.
5. ---
marifu 10.10.2010
Zitat von komajoillegaler Siedlungsbau. Gibt es dort keinen Grundstückskataster? Wurden die Hausplätze gekauft oder genommen? Woran scheitert es, dass dort zivilisierte Rechtsverhältnisse geschaffen werden?
Wie die Siedler bzw. die israelische Regierung ganz "legal" zu (palästinensischem) Land kommen, kann man hier nachlesen: http://www.palaestina.org/politik/offene_fragen/siedlungspolitik.php
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Jüdische Siedlungen: Kein Verbot hält sie auf
Geschichte Israels

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Interaktiv: Das Heilige Land im Wandel


Knackpunkte der Nahost-Gespräche
Sicherheit
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Israel betont, es werde keinen Palästinenserstaat geben, solange die Sicherheit des jüdischen Staates nicht garantiert sei. Obwohl es in den vergangenen Jahren kaum noch Selbstmordanschläge palästinensischer Terroristen gibt, fühlen sich die Israelis bedroht.

Die israelischen Grenzstädte werden immer wieder von Raketen der radikalislamischen Hamas beschossen. Schlagen diese Geschosse auf israelischer Seite ein, kommt es regelmäßig zu Vergeltungsschlägen auf palästinensischem Gebiet. Die Palästinenser machen ihrerseits Angriffe durch das israelische Militär geltend.

Flüchtlinge
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Als Folge der Kriege 1948/49 und 1967 gibt es in den palästinensischen Gebieten und Israels Nachbarländern 4,8 Millionen registrierte palästinensische Flüchtlinge und ihre Nachkommen.

Die Flüchtlinge beharren auf das Recht, in ihre Heimat im heutigen Israel zurückkehren zu dürfen, Israel verneint dieses Recht und will den Verzicht auf eine Rückkehr in einem Friedensvertrag festschreiben.

Grenzen
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Nach dem Willen der Palästinenser soll ihr Staat die 1967 von Israel besetzten Gebiete Westjordanland, Gaza und Ost-Jerusalem umfassen. Israel beansprucht jedoch Teile dieses Territoriums – entgegen internationalem Recht – für sich. Israel hatte den Gaza-Streifen 2005 zwar geräumt, sein Embargo seit der Machtübernahme der Hamas 2007 aber verschärft.

Israel will zudem an Teilen des Westjordanlands festhalten. Dort gibt es rund 120 jüdische Siedlungen mit etwa 300.000 Israelis. In Ost-Jerusalem leben nach Angaben israelischer Menschenrechtler weitere 200.000. Nach internationalem Recht sind diese Siedlungen auf besetztem palästinensischen Gebiet illegal und müssen geräumt werden.

Jerusalem
AP
Der künftige Status der Stadt mit heiligen Stätten von Juden, Muslimen und Christen ist besonders umstritten. Israel beharrt auf dem ungeteilten Jerusalem als Hauptstadt. Die Palästinenser beanspruchen den Ostteil als Hauptstadt ihres künftigen Staates. Im Jahr 2000 scheiterte der Nahost-Gipfel an der Jerusalemfrage.
Golan
AP
Syrien dringt darauf, dass die 1967 besetzten Golanhöhen im Rahmen einer Friedenslösung zurückgegeben werden. Von der 1150 Quadratkilometer großen Hochebene hat Israels Armee einen guten Blick nach Syrien und in den Libanon. Umgekehrt könnten die Syrer vom Golan aus große Teile Israels überwachen. Heute leben in dem Gebiet neben rund 20.000 Syrern auch etwa 20.000 jüdische Einwohner.
Scheba-Farmen
DPA
Das 30 Quadratkilometer kleine Gebiet an der Grenze von Syrien, Libanon und Israel ist seit langem umstritten. Die Vereinten Nationen und die USA sind der Ansicht, dass das Territorium als Teil der Golanhöhen zu Syrien gehört. Der Libanon und Syrien haben ihre Ansprüche bislang nicht eindeutig formuliert und wollen den Grenzdisput nach einem israelischen Rückzug klären.
Wasser
REUTERS
Schon vor 20 Jahren wurde vor einem drohenden Nahost-Krieg um Wasserquellen gewarnt. Wegen des Bevölkerungswachstums und der oft rücksichtslosen Ausbeutung der Ressourcen werden die Süßwasservorräte immer knapper. Amnesty International wirft Israel vor, Palästinenser bei der Nutzung der gemeinsamen Ressourcen zu benachteiligen, was die Regierung zurückweist. Die Kontrolle des von Israel genutzten Wassers ist auch ein Streitpunkt im Ringen um die künftige israelisch-syrische Grenze auf den Golanhöhen.
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