Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Palästinenser in Israel: Vom Festival zur Trauerkundgebung

Aus Jaffa berichtet Ulrike Putz

Der Zorn der in Israel lebenden Araber über das Blutbad von Gaza droht in Gewalt umzuschlagen. Doch dass es zu einer dritten Intifada kommt, wie es der Hamas-Chefideologe fordert, ist unwahrscheinlich: Die Palästinenser sind politisch gespalten und in Angst erstarrt.

Parolen gegen Bomben: Palästinensisch-israelische Demo in Tel Aviv
AP

Parolen gegen Bomben: Palästinensisch-israelische Demo in Tel Aviv

Es war Samstagvormittag, im Tel Aviver Stadtteil Jaffa war das "Festival aller Feiertage" im vollen Gange. Tausende jüdischer Israelis waren in den arabischen Stadtteil gekommen, um sich beim alljährlich stattfindenden Straßenfest zu amüsieren. "Die arabischen Händler waren so beschäftigt, dass es dauerte, bis sich die Nachrichten aus Gaza herumsprachen", erzählt Sami Abu Schadeh am Tag darauf in Jaffa. Auch der Vertreter der linksdemokratischen "Balad"-Partei war auf der abgesperrten Hauptstraße des historischen Stadtviertels unterwegs, erst gegen Mittag kam er am ersten Fernseher vorbei. "Da gab es schon 120 Tote."

An die nächsten Stunden erinnert sich Abu Schadeh wie an einen Film in Schnellvorlauf: Wie sich die Honoratioren der 20.000 Menschen zählenden arabischen Minderheit in Jaffa zur Krisensitzung trafen, wie sie die Tel Aviver Stadtverwaltung beknieten, das Fest abzubrechen. "Je mehr sich die Nachricht herumsprach, desto mehr Spannung lag in der Luft. Wir hatten Angst, dass es zu Gewalt zwischen unseren Jugendlichen und den jüdischen Festivalbesuchern kommt", sagt er.

Die Männer schafften es, den schnell anschwellenden Volkszorn in eine ordentliche Demonstration zu kanalisieren. Zwei Stunden lang belegten die Lautsprecher der Minarette den Stadtteil mit einem Klangteppich aus Koransuren. Am Ort des hastig abgebrochenen Stadtfests gedachten etwa 2000 Palästinenser still der Getöteten, sagt Abu Schadeh. Als die Versammlung beendet werden sollte, fingen ein paar Jugendliche an, Steine zu werfen. Nur mit äußerster Anstrengung schafften die Organisatoren es, die Steinewerfer zur Räson zu bringen.

Im Nahen Osten herrscht Wut

Seitdem die Bilder der Zerstörung im Gaza-Streifen in Endlosschleifen auf allen arabischen Nachrichtensendern laufen, nimmt die Wut im Nahen Osten zu. In Beirut, in Damaskus, in Kairo, im Westjordanland und in Israel, wo Palästinenser mit israelischem Pass 20 Prozent der Bevölkerung stellen: Überall tragen die Menschen Zorn und Trauer auf die Straßen.

Dass es dabei ausgerechnet in Jaffa beinahe zu Gewaltausbrüchen kam, zeigt die Sprengkraft, die hinter den Protesten steckt. Denn Jaffa gilt als Vorzeige-Gemeinde: Ein Fischerort mit historischem Stadtkern und Künstlerflair, kleine Gassen am Meer, ein Ort, an dem Araber und Juden bislang weitgehend friedlich zusammenlebten. Der Buchladen mit Café-Ausschank, in dem Abu Schadeh erzählt, ist typisch für Jaffa: Arabischer Besitzer, hauptsächlich jüdische Gäste. Ebenso typisch das ökumenische "Festival aller Festtage", das gestern ein so jähes Ende fand. Mit ihm werden alle Feiertage des Dezember begangen: das islamische Opferfest, das jüdische Lichterfest Chanukka und das christliche Weihnachten.

Abu Schadeh fürchtet, dass es vorbei sein könnte mit der Harmonie. "So viel Wut, so viel Spannung – das stand gestern auf der Kippe", sagt der 33-Jährige. Der im Damaszener Exil lebende Chefideologe der Hamas, Chalid Maschaal, sah ob der hochkochenden Emotionen im gesamten Nahen Osten seine Stunde gekommen: "Dies ist die Zeit für eine dritte Intifada", versuchte der Palästinenserführer seine Anhänger aus der Ferne zum Aufstand zu bewegen.

Abbas in der Kritik für Schuldzuweisung an Hamas

Dass er damit Erfolg haben wird, ist jedoch unwahrscheinlich. Das palästinensische Volk ist zu tief gespalten, um sich geschlossen zu "erheben", wie es der arabische Begriff Intifada fordert. Politisch zeigte sich das erneut am Sonntag. Da sagte Palästinenserpräsident Mahmud Abbas in Kairo einen Satz, der nicht nur bei Abu Schadeh Abscheu ausgelöst hat: Abbas gab der Hamas indirekt Mitschuld an dem Blutbad von Gaza. "Wir haben mit ihnen (der Hamas, d. Red.) geredet und ihnen gesagt: Bitte, wir bitten Euch, lasst den Waffenstillstand nicht enden'", sagte Abbas. So hätte das, was nun passiert sei, "vermieden werden können".

"Das muss man sich vorstellen: Mehr als 200 seiner Landsleute werden getötet und er nutzt die Chance, es der Konkurrenzpartei in die Schuhe zu schieben", sagt Abu Schadeh. "Ich weiß wirklich nicht mehr, wie es weitergehen soll."

Tatsächlich könnte die palästinensische Gemengelage komplizierter kaum sein: Ein Volk aus Muslimen und Christen, das zwischen Beirut und Kairo im ganzen Nahen Osten versprengt lebt. Zersplittert in ein Spektrum, das vom gewaltbereiten Kämpfer bis zum kompromissbereiten Vertreter einer Bürgergesellschaft reicht. Zwei dominante Parteien, die sich bis aufs Blut hassen, dazu der übermächtige Gegner Israel: Palästina scheint handlungsunfähig, bevor es überhaupt aus der Taufe gehoben wurde. Brandstifter auf beiden Seiten reden bereits vom gewaltsamen Befreiungsschlag, der einen innerpalästinensischen Neuanfang möglich machen soll.

"Ob der Friede hält, wissen wir nicht"

In Jaffa hat sich angesichts der desolaten Lage Angst breit gemacht. "Wir machen hier Kebab, keine Politik", sagt ein Restaurantbesitzer und zieht sich die Finger über den Mund, als ob er einen Reißverschluss schließt. Auch der Handyverkäufer flüchtet sich in Gesten, um auszudrücken, was er von Israels Militäraktion hält. "Wenn ich was sage, dann passiert das hier", sagt er und legt, die Handgelenke aneinander, als würden ihm Handschellen angelegt. An seinem Laden fährt alle paar Minuten ein Streifenwagen vorbei: Nach der gestrigen Spontandemo ist die Tel Aviver Polizei in Jaffa bis auf weiteres in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt worden.

Auch Abu Schadeh macht sich Sorgen, was die kommende Nacht bringen mag. "Ob der Friede heute Nacht hält, wissen wir nicht", sagt er. An einen neuen Flächenbrand im Heiligen Land glaubt er trotzdem nicht. "Wir haben zweimal erlebt, was es heißt, sich mit Israel anzulegen," sagt er. "Beim letzten Mal hatten wir weder Milch, noch Strom, noch Telefon – und das als Stadtteil von Tel Aviv." Steine gegen Kampfflieger, die Rechnung ginge nicht auf, sagt Abu Schadeh. "Was dabei rauskommt, haben wir am Samstag in Gaza gesehen."

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Gaza-Krise: Reservisten und Panzer an der Grenze


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: