Palästinenser töten Palästinenser Bruderkampf in Gaza

Schwer bewaffnete Kämpfer auf den Straßen, Tote und Verletzte bei Schießereien: Einen Tag nach dem Mordanschlag auf den palästinesischen Premier Hanija fragen die Menschen in Gaza nicht mehr, ob ein Bürgerkrieg kommen wird. Sie glauben, dass er schon angefangen hat.

Aus Gaza berichtet Ulrike Putz


Sie haben ihre Kalaschnikows im Anschlag oder Granatwerfer auf der Schulter: Die Männer, die im Zentrum von Gaza postiert sind, um die Pressekonferenz von Hamas-Sprecher Mushir al Masri zu sichern, sind keine gewöhnlichen Personenschützer. Unter den martialischen Sturmhauben mit Augenschlitzen stecken Kämpfer der Kassam, des militärischen Flügels der Hamas.

Sie haben an allen großen Straßenecken Stellung bezogen und damit das Leben in Gaza zum Erliegen gebracht: Wo normalerweise Passanten den Tag genießen, sind die Straßen wie ausgestorben. Die wenigen Autos, die noch unterwegs sind, kommen kaum voran: Willkürlich sperren die jungen Kämpfer die Straßen, lassen Fahrer aussteigen und minutenlang warten.

Krawalle in Gaza: Der Konflikt zwischen Fatah und Hamas eskaliert
AP

Krawalle in Gaza: Der Konflikt zwischen Fatah und Hamas eskaliert

"Jetzt ist das normale Leben endgültig vorbei, von jetzt an werden wir nicht mehr auf die Straße können", sagt Abu Ghassan, ein 42-Jähriger Lehrer. Er will nur kurz reden und das auch nur in einem Hauseingang: Aus Angst gesehen zu werden und aus Angst, in die Schusslinie einer möglichen Schießerei zu geraten. Abu Ghassan hat Nachhilfe gegeben, sein Gehalt wurde seit Monaten nicht ausgezahlt. "Früher haben uns die Israelis das Leben unmöglich gemacht. Von jetzt ab schießen Brüder aufeinander", beklagt der Vater von vier Kindern.

Schusswechsel auf der Straßenkreuzung

Er hat Recht behalten: Am Nachmittag, als sich Hunderttausende Hamas-Anhänger auf den Weg machen, um den 19. Gründungstag ihrer Organisation zu feiern, kommt es zu einem vier Minuten langen Schusswechsel mit Sicherheitsleuten der Fatah - just an der Straßenkreuzung im Zentrum, an der Abu Ghassan partout nur im Hauseingang reden wollte. Ein Hamas- Anhänger wurde getötet, drei weitere Menschen wurden verletzt.

Über ein Jahr nach dem Abzug der Israelis aus Gaza ist die Lage der Bewohner dieses an sich malerischen Küstenstreifen am Mittelmeer so brisant wie noch nie. Israel lässt nur selten Lastwagen mit Nahrungsmitteln und Medikamenten in das von eineinhalb Millionen Menschen besiedelte Gebiet. Es fehlt am Nötigsten, teilweise sogar an abgefülltem Trinkwasser. Der Grenzübergang nach Ägypten, die potentielle Nabelschnur Gazas, ist de facto unter israelischer Kontrolle und wird meist geschlossen gehalten.

Seitdem die radikale Hamas die Wahlen in den Palästinensergebieten gewonnen hat, haben internationale Geldgeber den Hahn zugedreht. Die Gemeinden und Kommunen, die von Hilfszahlungen abhängig sind, stehen vor dem Ruin.

Die Rivalität zwischen der radikalen Hamas und der gemäßigten Fatah hat sich in den vergangenen Wochen dramatisch zugespitzt. Da kamen an einem Tag die drei kleinen Söhne eines Fatah-Sicherheitsmanns bei einer Schießerei ums Leben, am nächsten Tag wurde ein prominenter Richter und Hamas-Anhänger vor seinem Büro regelrecht hingerichtet. Auch wenn bei den meisten Zwischenfällen nicht klar ist, ob es sich um politische Morde oder aber um persönliche Abrechnungen handelte: Jeder Tote in Gaza bekommt in diesen Tagen ein politisches Etikett, für jeden wird Rache geschworen und auch geübt.

Beschuldigung und Rache

Umso gefährlicher war das, was Hamas-Sprecher al Masri am Freitag neun Stockwerke über der Straße den Reportern erregt in die Mikrofone sprach: "Wir werden schwerwiegende Schritte gegen die Fatah und ihren Vertreter Mohammed Dahlan unternehmen. Wir werden es nicht zulassen, dass der Chef der gewählten palästinensischen Regierung ermordet wird."

Auf Premierminister Ismail Hanija war am Donnerstagabend am Grenzübergang zu Ägypten geschossen worden. Bei der Schießerei war ein Leibwächter ums Leben gekommen, Hanijas Sohn wurde im Gesicht von einer Kugel getroffen. Obwohl am Freitag noch gar nicht klar war, wer im allgemeinen Tumult am Grenzübergang zuerst geschossen hatte, beschuldigte Al Masri nicht nur die Fatah, sondern namentlich Mohammed Dahlan, den zweitstärksten Mann der Bewegung, später auch Präsident Abbas.

"Dies ist der schlimmste Monat in unserem Leben", sagt Nader El Schurafa, in dessen Büro bei der großen palästinensischen Nachrichtenagentur Ramattan der Hamas-Sprecher nach der Pressekonferenz noch schnell einen Kaffee getrunken hat. Als einer der Geschäftsführer von Ramattan beobachtet El Schurafa die politische Lage in Palästina seit Jahren – "und ich war noch nie so pessimistisch wie an diesem Freitag", sagt er. "Die Zeiten, wo nur gedroht wurde, um politischen Druck auszuüben, sind leider vorbei", sagt der Journalist. "Ich fürchte für die nächsten Tage das Schlimmste, wir werden gerade Zeuge, wie die Palästinenser den Schritt in den Abgrund tun."

Die Nerven der beiden rivalisierenden Parteien liegen seit Wochen blank. Die radikale Hamas sperrt sich gegen die Bildung einer Einheitsregierung, in der sie der gemäßigten Fatah unter Präsident Abbas wichtige Ministerposten überlassen soll. Die Hamas habe mit über 60 Prozent der Stimmen von den Wählern einen klaren Regierungsauftrag erhalten und werde nur durch den internationalen Boykott daran gehindert, diesen Auftrag zu erfüllen, so die Hamas. Abbas begründet seinen Machtanspruch mit der Weigerung Israels, nicht mit einer reinen Hamas-Regierung über einen Friedensplan verhandeln zu wollen.

"Die Politiker haben den Moment verpasst, indem sie aus dem Teufelskreis der Beschuldigungen hätten ausbrechen können", sagt El Schurafa."Im Grunde sind wir schon einen Schritt hinter dem Abgrund. Es gibt kein Zurück mehr."



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