Palästinenserkämpfe Hamas stürmt Zentrale der Sicherheitskräfte

Die Situation im Gaza-Streifen ist von einem Bürgerkrieg nicht mehr zu unterscheiden: Milizionäre von Hamas und Fatah befinden sich im offenen Kampf, die Islamisten-Miliz stürmt die Zentrale der Sicherheitskräfte. Hamas-Premier Haniya überlebte am Morgen ein Attentat.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Ganz offen kämpfen die Milizionäre der islamistischen Hamas und der moderaten Fatah im Gaza-Streifen jetzt um die Macht. Am Mittag stellte der bewaffnete Arm der Hamas, die Kassam-Brigade, der Fatah ein Ultimatum: Wenn sie die Zentrale der Sicherheitskräfte nicht freiwillig räume, werde man sie stürmen. Eine Stunde später machte sie ernst und griff die Zentrale an. Dieser Griff nach der Kontrolle im Gaza-Streifen könnte den ohnehin eskalierenden Bruderkampf noch weiter anheizen.

Kämpfer der Hamas vor dem Büro des Premier Haniya: Jedes Vertrauen ist verloren
REUTERS

Kämpfer der Hamas vor dem Büro des Premier Haniya: Jedes Vertrauen ist verloren

Die beiden palästinensischen Fraktionen, die nominell gemeinsam die Regierung stellen, bekämpfen einander seit Monaten. Immer wieder brachen Kämpfe aus, jedes Mal einigte man sich danach auf einen Waffenstillstand. Doch die aktuelle Eruption stellt alles bisherige in den Schatten. Seit gestern starben 18 Menschen, über 60 wurden verletzt. Premierminister Ismail Haniye von der Hamas überlebte am Morgen ein Attentat, nach unklaren Berichten wurde angeblich auch auf Präsident Mahmud Abbas, auf jeden Fall auf seinen Amtssitz, ein Anschlag versucht. Ein hoher Fatah-Funktionär wurde gestern Abend ermordet, die Hamas behaupten derweil auf ihrer Website, ein Prediger sei hingerichtet worden.

Von Beginn an hatte sich der Konflikt zwischen Fatah und Hamas an der Frage entzündet, wer die Sicherheitskräfte kontrolliert. Obwohl Hamas Anfang 2006 die Parlamentswahlen klar gewonnen und daraufhin eine Alleinregierung gebildet hatte, hatte Präsident Abbas stets darauf beharrt, dass er der oberste Befehlshaber sei. Die Hamas stellte daraufhin eigene bewaffnete "Sicherheitskontingente" auf. Später bildeten beide Fraktionen eine Einheitsregierung, die Frage der Sicherheitsdienste wurde aber nicht gelöst.

Im Frühjahr eskalierte der Bruderstreit erstmals. Vor wenigen Wochen vermittelte Saudi-Arabien noch eine Übereinkunft, die das Blutvergießen beenden sollte - dieses "Mekka-Abkommen" ist spätestens seit gestern vollkommen obsolet. Ebenso muss die nominelle Regierung als faktisch aufgelöst gelten - die Palästinenser leben jetzt in einem politischen Vakuum.

Minister: Autonomiebehörde vor Kollaps

Angesichts dessen macht in den Palästinensischen Gebieten auch schon das Wort von einem "Coup" der Hamas die Runde. Ein Abbas-Sprecher wies diesen Begriff zwar zurück, die Angst geht jedoch um, dass es jetzt zum Äußersten kommt. "Im Gaza-Streifen", sagte ein hoher Offizier der Präsidentengarde in Ramallah heute SPIEGEL ONLINE, "ist Fatah schwach, Hamas aber stark. Die können uns fertig machen, wenn sie es wollen. Und das ist genau das, was sie ankündigen." Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Hamas in den vergangenen Monaten massiv aufgerüstet hat.

Der ägyptische Unterhändler Generalmajor Burhan Hammad, der seit Monaten versucht, die Verantwortlichen beider Seiten an einen Tisch zu bringen, ist entsetzt. Der englischen Ausgabe von al-Dschasira sagte er, die neuen Kämpfe seien "Selbstmord": "Diese Krise kann die gesamte palästinensische Sache zerstören." Er wisse, wer die Verantwortlichen seien, und werde nicht davor zurückschrecken, die Namen öffentlich zu machen. "Ich kenne jeden Einzelnen von ihnen", erklärte er.

Mustafa Barghuti, Informationsminister der "Regierung der nationalen Einheit", sagte demselben Sender, es stehe jetzt zu befürchten, dass die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) komplett zusammenbricht. Die PA ist der Regierungs- und Verwaltungsapparat der Palästinenser. Auch der Nahostgesandte der Uno, Terje Roed-Larsen, ist alarmiert über den neuerlichen Ausbruch der Gewalt. Es bestehe jetzt die Gefahr eines voll ausgebildeten Krieges, sagte er vor Journalisten.

Erst am 28. Mai hatten Fatah und Hamas eine Übereinkunft formuliert. Darin heißt es unter anderem, dass "alle Hinrichtungen, Verfolgungen und Festnahmen im Gaza-Streifen und der Westbank gestoppt" werden. Davon kann jetzt keine Rede mehr sein, und auch eine Neuauflage der schon so oft gescheiterten Waffenruhe-Vereinbarungen ist im Moment aussichtslos. Hamas und Fatah haben jedes Vertrauen zueinander verloren, jeder Mord führt zudem zu neuen Racheakten. Die Kassam-Brigaden der Hamas nennen die Fatah-Sicherheitskräfte mittlerweile nur noch "Abbas-Miliz", andersherum spricht die Fatah von den Verschwörern der Hamas.

Mit Material von reuters, AP



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.