Palästinensische Versöhnung: Hamas und Fatah beenden Bruderkampf

Die verfeindeten Palästinenser-Gruppen wollen wieder mit einer Stimme sprechen. Überraschend schlossen Hamas und Fatah ein Abkommen - binnen eines Jahres sollen gemeinsame Wahlen durchgeführt werden. Die Einigung ist ein wichtiger Schritt zu einem eigenen Staat. Israel kritisiert die Versöhnung.

Palästinenser forderten im März in Ramallah eine Einigung zwischen Fatah und Hamas Zur Großansicht
AFP

Palästinenser forderten im März in Ramallah eine Einigung zwischen Fatah und Hamas

Kairo - Mit Hilfe von ägyptischen Vermittlern haben die lange verfeindeten Palästinenserorganisationen Fatah und Hamas wieder Frieden geschlossen. Nach Berichten aus Kairo haben die beiden Gruppen ein Versöhnungsabkommen unterzeichnet. Ägypten werde in Kürze die radikalislamische Hamas und die gemäßigtere Fatah zu einer Unterzeichnungszeremonie einladen.

Das Abkommen bezieht sich laut staatlichen ägyptischen Medien auf die meisten der bisher zwischen den Gruppen umstrittenen Punkte, darunter Fragen zum Grenzverlauf, der Sicherheit und Wahlen in den Palästinensergebieten.

Die Verhandlungsführer von Fatah und Hamas erklärten nach Angaben des ägyptischen Geheimdienstes, alle umstrittenen Themen seien gelöst. Dazu zähle die Bildung einer Übergangsregierung, Sicherheitsvorkehrungen und die Reform der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), damit die Hamas dieser beitreten könne. Binnen eines Jahres sollen Wahlen stattfinden, sagte ein Sprecher Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas.

Es gebe auch eine Einigung auf eine große Koalition, hieß es. Einzelheiten sollten später auf einer Pressekonferenz von Repräsentanten beider Fraktionen in Kairo mitgeteilt werden.

Die Beziehungen zwischen der als gemäßigt geltenden Fatah von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und der radikalislamischen Hamas hatten sich nach den Wahlen 2006 dramatisch verschlechtert. Nach einem blutigen Machtkampf hatte die bei den Wahlen siegreiche Hamas 2007 mit Gewalt die Kontrolle im Gazastreifen übernommen. Die Fatah kontrolliert das Westjordanland.

Im vergangenen Monat hatte die Hamas erstmals seit vier Jahren einem Besuch von Abbas im Gazastreifen zugestimmt. Die Palästinenser wollen im September mit Hilfe der Vereinten Nationen im Westjordanland, im Gazastreifen und im Ostteil Jerusalems einen unabhängigen Staat gründen. Der palästinensische Ministerpräsident Salam Fajad hatte die Kluft zwischen Hamas und Fatah als größtes Hindernis auf dem Weg zu einem eigenen Staat bezeichnet.

Eine Aussöhnung zwischen den beiden Palästinensergruppen gilt als entscheidende Voraussetzung für eine Wiederbelebung des festgefahrenen Friedensprozesses mit Israel. Einer der wichtigsten Streitpunkte zwischen ihnen ist jedoch die Frage, wie der jahrzehntelange Konflikt mit Israel beigelegt werden soll. Die Fatah ist für Friedensverhandlungen, die Islamisten lehnten dies bislang ab.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu reagierte negativ auf die Versöhnung der zerstrittenen Palästinenserfraktionen. "Die Palästinenserbehörde muss zwischen einem Frieden mit Israel oder einem Frieden mit der Hamas wählen", sagte Netanjahu am Mittwochabend nach Angaben seines Büros. Ein Frieden mit beiden sei unmöglich, weil Hamas offen die Zerstörung des Staates Israel anstrebe. Die im Gazastreifen herrschende radikal-islamische Organisation greife ständig Israels Städte und Kinder mit Raketen an.

lgr/Reuters/dpa

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 42 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Hauptproblem gelöst?
BlogBlab 27.04.2011
Leider gibt der Artikel keine Auskunft darüber, wie sich die beiden Parteien auf eine Anerkennung des Staates Israel geeinigt haben. Die Fatah ist dazu bereit, die Hamas war immer dagegen. Das ist doch immer das Hauptproblem zwischen beiden gewesen.
2. .
Medianet 27.04.2011
ach ne.. es bewegt sich was...sehr spannend.. Die veränderten Machtstrukturen im Nahen Osten beginnen schon zu wirken
3. Bislang?
Kniefall 27.04.2011
---Zitat--- Die Fatah ist für Friedensverhandlungen, die Islamisten lehnten dies bislang ab. ---Zitatende--- Bislang? Wieso suggeriert der Spiegel, die Hamas könnte irgendwann einem Frieden mit einem jüdischen Staat zustimmen? Die Hamas hat nie irgendwelche Anzeichen gemacht, daß man sich mit weniger als der völlständigen Zerstörung Israels zufrieden geben könnte. Wird hier (wie schon zuvor bei den ägyptischen Muslimbrüder) versucht, sie mal eben säkular zu reden?
4.
Muha 27.04.2011
hm, ich bin gespannt wie es hier weitergeht. Auch wie sich die Aktion im September entwickeln wird dürfte sehr interessant werden.
5. Palästinensische Versöhnung?
Roßtäuscher 27.04.2011
Zitat von sysopDie verfeindeten Palästinenser-Gruppen wollen wieder mit einer Stimme sprechen.*Hamas und Fatah schlossen ein Versöhnungsabkommen - binnen eines Jahres sollen gemeinsame Wahlen durchgeführt werden. Die Einigung ist ein wichtiger Schritt*zu einem eigenen*Staat. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,759380,00.html
Bis zum nächsten handfesten Krach. Darauf darf man gespannt sein. Zuerst dürfen wir im Westen abwarten, wie es in Tunis und Ägypten weitergeht. Ob dort tatsächlich eine richtige Demokratie entsteht. Was passiert mit den beiden merkwürdigen, blutrünstigen Diktatoren in Libyen und Syrien. Erst wenn etwas Handfestes entstanden ist, kann man die Wünsche glauben. Inshallah, oder auch nicht. Wird Israel die besetzten Gebiete samt seinen Siedlungen einebnen und einfach so zurückgeben? Auf Jerusalem als Hauptstadt will keine Seite verzichten, die Juden nicht, die Palästinenser nicht. Schaun mer mal.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Nahost-Konflikt
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 42 Kommentare
Fotostrecke
Demonstrationen: Protest in den Farben Palästinas

Knackpunkte der Nahost-Gespräche
Sicherheit
DPA
Israel betont, es werde keinen Palästinenserstaat geben, solange die Sicherheit des jüdischen Staates nicht garantiert sei. Obwohl es in den vergangenen Jahren kaum noch Selbstmordanschläge palästinensischer Terroristen gibt, fühlen sich die Israelis bedroht.

Die israelischen Grenzstädte werden immer wieder von Raketen der radikalislamischen Hamas beschossen. Schlagen diese Geschosse auf israelischer Seite ein, kommt es regelmäßig zu Vergeltungsschlägen auf palästinensischem Gebiet. Die Palästinenser machen ihrerseits Angriffe durch das israelische Militär geltend.

Flüchtlinge
DPA
Als Folge der Kriege 1948/49 und 1967 gibt es in den palästinensischen Gebieten und Israels Nachbarländern 4,8 Millionen registrierte palästinensische Flüchtlinge und ihre Nachkommen.

Die Flüchtlinge beharren auf das Recht, in ihre Heimat im heutigen Israel zurückkehren zu dürfen, Israel verneint dieses Recht und will den Verzicht auf eine Rückkehr in einem Friedensvertrag festschreiben.

Grenzen
DPA
Nach dem Willen der Palästinenser soll ihr Staat die 1967 von Israel besetzten Gebiete Westjordanland, Gaza und Ost-Jerusalem umfassen. Israel beansprucht jedoch Teile dieses Territoriums – entgegen internationalem Recht – für sich. Israel hatte den Gaza-Streifen 2005 zwar geräumt, sein Embargo seit der Machtübernahme der Hamas 2007 aber verschärft.

Israel will zudem an Teilen des Westjordanlands festhalten. Dort gibt es rund 120 jüdische Siedlungen mit etwa 300.000 Israelis. In Ost-Jerusalem leben nach Angaben israelischer Menschenrechtler weitere 200.000. Nach internationalem Recht sind diese Siedlungen auf besetztem palästinensischen Gebiet illegal und müssen geräumt werden.

Jerusalem
AP
Der künftige Status der Stadt mit heiligen Stätten von Juden, Muslimen und Christen ist besonders umstritten. Israel beharrt auf dem ungeteilten Jerusalem als Hauptstadt. Die Palästinenser beanspruchen den Ostteil als Hauptstadt ihres künftigen Staates. Im Jahr 2000 scheiterte der Nahost-Gipfel an der Jerusalemfrage.
Golan
AP
Syrien dringt darauf, dass die 1967 besetzten Golanhöhen im Rahmen einer Friedenslösung zurückgegeben werden. Von der 1150 Quadratkilometer großen Hochebene hat Israels Armee einen guten Blick nach Syrien und in den Libanon. Umgekehrt könnten die Syrer vom Golan aus große Teile Israels überwachen. Heute leben in dem Gebiet neben rund 20.000 Syrern auch etwa 20.000 jüdische Einwohner.
Scheba-Farmen
DPA
Das 30 Quadratkilometer kleine Gebiet an der Grenze von Syrien, Libanon und Israel ist seit langem umstritten. Die Vereinten Nationen und die USA sind der Ansicht, dass das Territorium als Teil der Golanhöhen zu Syrien gehört. Der Libanon und Syrien haben ihre Ansprüche bislang nicht eindeutig formuliert und wollen den Grenzdisput nach einem israelischen Rückzug klären.
Wasser
REUTERS
Schon vor 20 Jahren wurde vor einem drohenden Nahost-Krieg um Wasserquellen gewarnt. Wegen des Bevölkerungswachstums und der oft rücksichtslosen Ausbeutung der Ressourcen werden die Süßwasservorräte immer knapper. Amnesty International wirft Israel vor, Palästinenser bei der Nutzung der gemeinsamen Ressourcen zu benachteiligen, was die Regierung zurückweist. Die Kontrolle des von Israel genutzten Wassers ist auch ein Streitpunkt im Ringen um die künftige israelisch-syrische Grenze auf den Golanhöhen.