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Palästinensischer Bruderkampf: "Sie haben gelernt zu töten"

Das Auto war von Kugeln durchsiebt, seine drei Söhne starben. Bahaa Baluscha, hoher Geheimdienstoffizier der palästinensischen Autonomiebehörde, will ihr Grab erst besuchen, wenn die Terroristen besiegt sind. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview gibt er der Hamas höchstens noch vier Monate.

SPIEGEL ONLINE: Als langjähriger Geheimdienstkoordinator der Autonomiebehörde stehen sie auf der Todesliste der Hamas-Extremisten ganz oben. Bisher gab es sechs Attentate auf sie, am 11. Dezember vergangene Jahres starben ihre drei Söhne bei einem vermutlich von militanten Hamas-Anhängern ausgeführten Überfall. Werden sie trotzdem nach Gaza zurückkehren?

Balusha: "Es wird ein heißer Sommer"
Getty Images

Balusha: "Es wird ein heißer Sommer"

Baluscha: Ich habe etwas sehr Großes in Gaza zurückgelassen. Meinen Sohn Salam, drei Jahre alt. Meinen Sohn Ahmed, fünf Jahre alt. Und Usama, acht Jahre. Die Terroristen haben sie vor meinen Augen getötet, als ich sie von der Schule abholen wollte. Das Auto war mit 250 Kugeln durchsiebt. Ich habe nach ihrem Tod keine Träne geweint und auch ihr Grab noch nie besucht. Ich habe geschworen, ihr Grab erst zu besuchen, wenn die Terroristen besiegt sind. Um das zu tun, werde ich nach Gaza zurückkehren.

SPIEGEL ONLINE: Seit etwa sechs Monaten warnen Sie davor, dass die Hamas in Gaza die Macht übernehmen will. Wenn Sie den Coup der Hamas haben kommen sehen, wieso haben die Sicherheitskräfte der palästinensischen Autonomiebehörde ihn nicht verhindert?

Baluscha: Wir wussten, dass dieser Staatsstreich geplant ist, aber wir konnten ihn nicht verhindern. Das ist vor allem Schuld des Auslands: Nachdem die Hamas im Januar 2006 die Wahlen gewonnen hatte, wurden alle Hilfszahlungen an die palästinensische Autonomiebehörde gestoppt, als Kollektivstrafe. Doch genau das Geld hätten wir gebraucht, um unsere Sicherheitskräfte darauf vorzubereiten, die Hamas zu bekämpfen. Wir sind die einzigen, die die Hamas hätten stoppen können, aber man hat uns nicht gelassen.

SPIEGEL ONLINE: Der Sicherheitsapparat der Autonomiebehörde wurde doch auch nach den Sanktionen vom Westen unterstützt und trainiert?

Baluscha: Das ist eine Lüge, alles Lüge. Wir haben keine Waffen aus den USA mehr geliefert bekommen, nur ein bisschen Training.

SPIEGEL ONLINE: Iran macht keinen Hehl daraus, dass er die Hamas unterstützt. Wie sieht die iranische Hilfestellung für die militanten Islamisten konkret aus?

Baluscha: Während wir mit leeren Händen dasaßen, hat die Hamas mit Koffern voller Geld aus Iran aufgerüstet. Wir wissen, dass mehrere tausend Kämpfer der Hamas in Iran, in Syrien und im Libanon ausgebildet worden sind. Sie stammen aus verschiedenen Zweigen des bewaffneten Flügels der Hamas und firmieren unter dem Namen "Qassam-Armee". Sie haben dort nicht für den Kampf gegen Israel trainiert, sondern gelernt, wie man politische Gegner ausschaltet, mit Sprengsätzen und Überfällen. Sie haben dort gelernt zu töten.

SPIEGEL ONLINE: Gab es Ausländer, die nach Gaza gekommen sind, um an der Seite der Hamas zu kämpfen?

Baluscha: Es gibt in Gaza eine Zelle der Qaida, das wissen wir. Es gibt einige Ausländer, Pakistaner, Sudanesen, einige wenige Jemeniten. Als die Israelis aus Gaza abzogen, riss die Hamas die Grenzmauer zu Ägypten ein. Es dauerte einige Tage, bis die Grenze wieder unter Kontrolle war. Diesen Moment haben die Ausländer genutzt, um nach Gaza zu kommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist diese Gruppe?

Baluscha: Die Zahl spielt keine Rolle, es ist die Mentalität, die zählt. Während des Staatsstreichs hielten sich einige der Ausländer in der Kommandozentrale der Hamas auf und haben von dort aus den Krieg geführt und gelenkt. Auch andere extreme Splittergruppen waren involviert, eine davon steht der Hisbollah nah. Auch eine Abspaltung der Fatah, das Kommando Aiman Jude, hat sich auf die Seite der Hamas geschlagen.

SPIEGEL ONLINE: In einem palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon liefert sich die Qaida-nahe Fatah al-Islam seit über einem Monat Kämpfe mit der libanesischen Armee. Hängt der Gewaltausbruch in Gaza mit den Gefechten im Libanon zusammen?

Baluscha: Iran und Syrien fürchten einen Angriff der USA und Israel noch in diesem Sommer. Deshalb haben sie im Libanon und in Gaza Extremistengruppen aufgebaut, die direkt vor der Haustür Israels sitzen und die USA von einem Angriff abhalten sollen. Die politischen Morde im Libanon, der Staatsstreich in Gaza: Alles deutet in dieselbe Richtung. Als nächstes wird es Terroranschläge in Jordanien geben. Es wird ein heißer Sommer werden.

SPIEGEL ONLINE: Die Fatah-Milizen in Gaza haben sich geschlagen geben müssen, ihre Anführer sitzen – wie Sie - im Westjordanland im Exil. Kann die Fatah im Gaza-Streifen die Macht zurück gewinnen? Wie soll das gehen?

Baluscha: Die Hamas hält vier Monate durch, länger nicht. Danach wird sie durch interne Kämpfe zermürbt sein, dann ist sie weg. Die Hamas steht vor einem großen Problem: Sie haben 100.000 Kämpfer in Gaza bewaffnet und werden sie nicht unter Kontrolle halten können. Wenn es nun daran geht, die Macht zu verteilen, wird jeder seine Belohnung einfordern. Der Hamas-Führer Ismail Hanija ist jetzt schon quasi machtlos, keiner hört mehr auf ihn. Die Hardliner, die Hanija opfern musste, um die Einheitsregierung mit der Fatah bilden zu können, werden sich dafür an ihm rächen. Das gilt besonders für Mahmud al-Sahar, den ehemaligen Außenminister und Said Sijam, der Innenminister war, bevor er geschasst wurde.

Das Interview führte Ulrike Putz

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