Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Westjordanland: Tausende Palästinenser protestieren nach Tod eines Kleinkinds

Droht eine neue Spirale der Gewalt im Nahen Osten? Bei einem Anschlag auf ein Haus starb ein palästinensisches Kleinkind. In Hebron kam es zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und israelischen Sicherheitskräften.

Der Brandanschlag auf Häuser im Westjordanland droht den Nahost-Konflikt wieder zu verschärfen. Bei dem Angriff in dem Dorf Duma kam ein 18 Monate altes palästinensisches Kleinkind ums Leben, seine Eltern wurden schwer verletzt. Die Täter waren mutmaßlich militante jüdische Siedler: Laut israelischer Armee beschmierten mindestens zwei Vermummte zwei Häuser mit hebräischen Graffiti, schlugen Fenster ein und warfen Brandbomben in die Gebäude.

Das israelische Militär hat seine Truppenzahl in der Region nun erhöht und sucht nach "zwei maskierten Terroristen". Die palästinensische Islamistengruppe Hamas forderte bereits Rache für den Angriff. Tausende Palästinenser gingen am Freitagabend auf die Straße. So kam es etwa in Hebron zu Zusammenstößen mit israelischen Sicherheitskräften.

Aus Angst vor Ausschreitungen in Jerusalem blockierte die Polizei den Zutritt zur Aksa-Moschee. Nur Männer über 50 und Frauen durften das Glaubenshaus betreten. Daraufhin kam es in der Altstadt Jerusalems zu Steinwürfen gegen die Polizei - ein Beamter wurde leicht verletzt.

Israelischer Polizist setzt Tränengas ein: Proteste in Hebron Zur Großansicht
REUTERS

Israelischer Polizist setzt Tränengas ein: Proteste in Hebron

Der Brandanschlag wurde in weiten Teilen Israels verurteilt. Premier Benjamin Netanyahu sagte, er sei von dem Vorfall geschockt und versprach "alle nötigen Mittel" einzusetzen, um die Täter zu fassen. "Israel stellt sich entschieden gegen den Terrorismus, egal woher die Täter stammen."

Palästinenserchef Abbas bezeichnete den Fall als "Kriegsverbrechen" und plant, den Brandanschlag vor den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu bringen. Man wolle "die kriminellen Taten und den Terrorismus der (israelischen) Siedler" zum Inhalt einer Uno-Resolution machen, hieß es in einer Mitteilung der Palästinenserführung nach einer Sondersitzung. Uno-Generalsekretär Ban Ki-Moon solle erneut aufgefordert werden, die besetzten Gebiete unter internationalen Schutz zu stellen.

Der Brandanschlag war der schwerste Übergriff dieser Art, seitdem vor einem Jahr drei israelische Jugendliche von radikalen Palästinensern im Westjordanland ermordet wurden. Aus Rache wurde daraufhin ein palästinensischer Jugendlicher in Jerusalem verbrannt. Im Anschluss kam zu schweren Ausschreitungen.

Soldaten erschießen palästinensischen Jugendlichen

Unabhängig von dem Attentat an der palästinensischen Familie erschossen israelische Soldaten am Freitag einen 17-jährigen palästinensischen Jugendlichen in der Nähe des Grenzzauns zum Gazastreifen. Eine Sprecherin der israelischen Armee sagte, mehrere Verdächtige hätten sich an zwei verschiedenen Stellen dem Grenzzaun im Norden genähert. Auf die Aufforderung von Soldaten anzuhalten, hätten sie nicht reagiert. Einer aus der Gruppe habe Steine auf den Zaun und die Soldaten geworfen. Diese hätten Warnschüsse abgegeben und dann "auf die unteren Extremitäten des Verdächtigen" geschossen, sagte die Sprecherin. Nach den jüngsten Vorkommnissen wächst die Furcht vor einer neuen Gewaltspirale.

Radikale Siedler attackieren regelmäßig Palästinenser und deren Häuser, umgekehrt sind Siedler auch immer wieder Ziel von Angriffen radikaler Palästinenser. Derzeit leben fast 400.000 israelische Siedler im seit 1967 von Israel besetzten Westjordanland und fast 200.000 weitere in Ost-Jerusalem. Die internationale Staatengemeinschaft betrachtet jüdische Siedlungen in den Palästinensergebieten als illegal.

amt/Reuters/AFP/AP

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Knackpunkte der Nahost-Gespräche
Sicherheit
DPA
Israel betont, es werde keinen Palästinenserstaat geben, solange die Sicherheit des jüdischen Staates nicht garantiert sei. Obwohl es in den vergangenen Jahren kaum noch Selbstmordanschläge palästinensischer Terroristen gibt, fühlen sich die Israelis bedroht.

Die israelischen Grenzstädte werden immer wieder von Raketen der radikalislamischen Hamas beschossen. Schlagen diese Geschosse auf israelischer Seite ein, kommt es regelmäßig zu Vergeltungsschlägen auf palästinensischem Gebiet. Die Palästinenser machen ihrerseits Angriffe durch das israelische Militär geltend.

Flüchtlinge
DPA
Als Folge der Kriege 1948/49 und 1967 gibt es in den palästinensischen Gebieten und Israels Nachbarländern 4,8 Millionen registrierte palästinensische Flüchtlinge und ihre Nachkommen.

Die Flüchtlinge beharren auf das Recht, in ihre Heimat im heutigen Israel zurückkehren zu dürfen, Israel verneint dieses Recht und will den Verzicht auf eine Rückkehr in einem Friedensvertrag festschreiben.

Grenzen
DPA
Nach dem Willen der Palästinenser soll ihr Staat die 1967 von Israel besetzten Gebiete Westjordanland, Gaza und Ost-Jerusalem umfassen. Israel beansprucht jedoch Teile dieses Territoriums – entgegen internationalem Recht – für sich. Israel hatte den Gaza-Streifen 2005 zwar geräumt, sein Embargo seit der Machtübernahme der Hamas 2007 aber verschärft.

Israel will zudem an Teilen des Westjordanlands festhalten. Dort gibt es rund 120 jüdische Siedlungen mit etwa 300.000 Israelis. In Ost-Jerusalem leben nach Angaben israelischer Menschenrechtler weitere 200.000. Nach internationalem Recht sind diese Siedlungen auf besetztem palästinensischen Gebiet illegal und müssen geräumt werden.

Jerusalem
AP
Der künftige Status der Stadt mit heiligen Stätten von Juden, Muslimen und Christen ist besonders umstritten. Israel beharrt auf dem ungeteilten Jerusalem als Hauptstadt. Die Palästinenser beanspruchen den Ostteil als Hauptstadt ihres künftigen Staates. Im Jahr 2000 scheiterte der Nahost-Gipfel an der Jerusalemfrage.
Golan
AP
Syrien dringt darauf, dass die 1967 besetzten Golanhöhen im Rahmen einer Friedenslösung zurückgegeben werden. Von der 1150 Quadratkilometer großen Hochebene hat Israels Armee einen guten Blick nach Syrien und in den Libanon. Umgekehrt könnten die Syrer vom Golan aus große Teile Israels überwachen. Heute leben in dem Gebiet neben rund 20.000 Syrern auch etwa 20.000 jüdische Einwohner.
Scheba-Farmen
DPA
Das 30 Quadratkilometer kleine Gebiet an der Grenze von Syrien, Libanon und Israel ist seit langem umstritten. Die Vereinten Nationen und die USA sind der Ansicht, dass das Territorium als Teil der Golanhöhen zu Syrien gehört. Der Libanon und Syrien haben ihre Ansprüche bislang nicht eindeutig formuliert und wollen den Grenzdisput nach einem israelischen Rückzug klären.
Wasser
REUTERS
Schon vor 20 Jahren wurde vor einem drohenden Nahost-Krieg um Wasserquellen gewarnt. Wegen des Bevölkerungswachstums und der oft rücksichtslosen Ausbeutung der Ressourcen werden die Süßwasservorräte immer knapper. Amnesty International wirft Israel vor, Palästinenser bei der Nutzung der gemeinsamen Ressourcen zu benachteiligen, was die Regierung zurückweist. Die Kontrolle des von Israel genutzten Wassers ist auch ein Streitpunkt im Ringen um die künftige israelisch-syrische Grenze auf den Golanhöhen.
Fotostrecke
Israels Regierungschefs: Wechselspiel der Macht


SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: