Terrormiliz Der IS verliert und verliert

Der Verlust Palmyras ist nur die jüngste in einer Reihe von Niederlagen des IS: Die Terrormiliz hat in Syrien und Irak einen großen Teil ihres Territoriums eingebüßt. Das birgt jedoch neue Gefahren.

Assad-Soldaten
AP

Assad-Soldaten


Die Schlacht in Palmyra war erst vor wenigen Stunden gewonnen, da verkündete die Armee des syrischen Machthabers Baschar al-Assad schon die nächste Offensive: Palmyra werde die "Basis" sein, von der aus weitere Militäroperationen gegen die Terrorgruppe IS geführt würden. Als nächstes wollen sie Rakka und Deir al-Sor einnehmen, die zwei größten vom IS kontrollierten Städte in Syrien.

Die Niederlage in der Weltkulturerbe-Stadt Palmyra ist nur die jüngste in einer Reihe militärischer Niederlagen der Islamisten. Terroranschläge wie in Paris oder Brüssel verstellen den Blick darauf, dass der IS in seinem Stammgebiet in Syrien und Irak bereits seit Januar 2015 schwere Schlappen in Serie einsteckt.

  • Tikrit, die Heimatstadt des einstigen Machthabers Saddam Hussein, wird am 31. März 2015 von irakischen Regierungstruppen und schiitischen Milizen zurückerobert.

  • Am 13. November 2015 vertreiben kurdische Einheiten IS-Kämpfer aus dem irakischen Sindschar. Seitdem ist auch ein entscheidender Nachschubweg für die Terroristen zwischen ihren Stellungen in Syrien und im Irak unterbrochen.

  • Irakische Truppen erobern am 8. Dezember 2015 wichtige Bereiche der sunnitischen Stadt Ramadi. Zwei Wochen später, unterstützt von US-Luftangriffen, erreichen die Regierungseinheiten das Zentrum der Hauptstadt der Provinz Anbar, die seit Mai von der IS-Miliz besetzt war.

  • Der Verlust Palmyras beschert der IS-Miliz in Syrien ihre bis dahin schwerste Niederlage. Mit Palmyra geht dem IS de facto auch die syrische Wüste bis zur Grenze zum Irak verloren.

In Syrien dringen Assad-Truppen auf al-Bab vor, eine Hochburg der Terrrormiliz nahe Aleppo. Im Irak bedrohen Regierungssoldaten Mossul, die größte Stadt in IS-Hand. Das US-Militär schätzte im Januar, der IS habe im Vergleich zu seiner größten Ausbreitung im Jahr 2014 etwa 40 Prozent seines Territoriums verloren.

Seitdem hat der IS an zahlreichen Fronten weitere Niederlagen erlitten, gegen kurdische Milizen, gegen die Armeen des Irak und Syriens, die jeweils durch Luftangriffe des russischen und US-amerikanischen Militärs unterstützt werden. Im Nordirak hilft auch die Bundeswehr seit Anfang 2015 kurdischen Kämpfern im Anti-IS-Kampf.

Die Niederlagen scheinen auch auf die Moral der IS-Kämpfer zu drücken: "Wir hören ihren Funkverkehr ab. Die Anführer flehen ihre Soldaten an zu kämpfen, doch sie sagen, es sei eine verlorene Schlacht", sagte der Kommandant der irakischen Anti-Terror-Einheiten, Abdul-Ghani al-Assadi der "Washington Post". "Sie weigern sich, Befehle auszuführen und rennen weg."

Dazu kommt der Verlust mehrerer IS-Anführer, der die Terrormiliz schwächt: Am Samstag verkündete US-Verteidigungsminister Ashton Carter den Tod von Abdul al Kaduli. Kaduli verwaltete die Finanzen des IS, sein Tod dürfte die Finanzierung der verschiedenen Terroraktionen des IS erschweren. Erst vor wenigen Wochen hatten die USA den Tod von Omar al Schischani gemeldet, der Kriegsminister des IS war. "Wir eliminieren systematisch ihr Kabinett", sagte Carter bei einer Pressekonferenz im Pentagon.

"Sie schicken nur Autobomben und rennen weg"

Der irakische Anti-Terror-General al-Assadi beobachtet in der Folge einen Strategiewandel des IS: "Sie kämpfen nicht. Sie schicken nur Autobomben und rennen weg. Wenn wir sie umzingeln, geben sie entweder auf oder versuchen sich unter Zivilisten zu mischen."

Hier liegt jedoch auch eine Gefahr, die aus der Schwäche des IS resultiert: Die Islamisten könnten versuchen, ihre Misserfolge auf dem Schlachtfeld durch spektakuläre Anschläge auf Städte im Nahen Osten oder Europa zu kompensieren.

Außerdem fürchten Militärexperten, ein bedrängter IS könnte zu seiner äußersten Waffe greifen: Giftgas. In den vergangenen Monaten setzten IS-Kämpfer bereits mehrfach Senfgas im Kampf um irakische und syrische Städte ein.

Vor dem militärischen Zusammenbruch könnten die Terroristen versuchen, möglichst viel Leid in der Bevölkerung anzurichten. Um ein solches Drama zu verhindern, sind aber schnelle militärische Erfolge nötig.

Die "New York Times" berichtete Anfang März über einen irakischen Chemiewaffen-Experten des IS, den eine Spezialeinheit der US-Armee gefangengenommen hatte. Sein Verhör lieferte zwar Gewissheit, dass der IS selbst in der Lage ist, Giftgas herzustellen - aber auch Informationen, die die US-Luftwaffe für zwei Angriffe auf Chemiewaffenfabriken in und nahe Mossul nutzte.

ade



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.