IS-Video von erobertem Gefängnis Einblick in die Hölle von Palmyra

Die IS-Miliz hat ein Video aus dem berüchtigten Gefängnis von Palmyra veröffentlicht. Die Aufnahmen zeigen verheerende Zustände in der Haftanstalt des Assad-Regimes. Doch bemerkenswerter ist, was die Bilder nicht zeigen: Gefangene.

AFP/ WELAYAT HOMS

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Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) feiert sich als Befreier von Palmyra. Die Dschihadisten haben ein Video veröffentlicht, das das berüchtigte Gefängnis des syrischen Militärgeheimdienstes in der Wüstenstadt zeigt. Der IS hatte das Gelände in der vergangenen Woche von den Regierungstruppen erobert.

Das Video wurde offenbar mehrere Tage nach der Einnahme gedreht. Es zeigt menschenleere Gebäude. Kein einziger Gefangener ist zu sehen. Trotzdem vermitteln die Bilder einen Eindruck von den Qualen, denen die Häftlinge ausgesetzt gewesen sein müssen.

Die Zellen sind in einem verheerenden Zustand, in einigen vegetierten die Gefangenen offenbar ohne Tageslicht vor sich hin. Die Räume, in denen sich die Wärter aufhielten, sehen kaum besser aus. Zerstörte Möbel liegen auf dem Boden, offenbar flüchteten die Schergen des Assad-Regimes in Panik.

Zynische Losungen an den Gefängnismauern

Der Diktatoren-Clan ist allgegenwärtig in dem Gefängnis. Riesige Porträts von Baschar al-Assad, seinem 1994 verunglückten Bruder Basil und Vater Hafiz al-Assad prangen an den Mauern des Gefängnishofes. Dazu Losungen wie: "Es lebe das Syrien der Assads." Jeden Tag aufs Neue sollten die Gefangenen daran erinnert werden, wer sie dort ihrer Freiheit beraubt und foltert.

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Gefängnis von Palmyra: Assads Wüstenknast
Besonders zynisch: Über der Einfahrt zum Gefängnis prangt nicht nur die Losung der Baath-Partei: "Einheit, Freiheit, Sozialismus", sondern auch der Satz "Wir alle sind Zenobia". Zenobia war die legendäre Herrscherin über Palmyra, die im dritten Jahrhundert sogar das Römische Reich herausforderte und von der Geschichtsschreibung als gerechte Landesmutter gepriesen wird.

In dem Gefängnis in der Wüstenstadt hatte das Regime seit den Siebzigerjahren politische Gefangene interniert. Die meisten von ihnen waren Anhänger der islamistischen Muslimbrüder, die ohne Anklage und ohne fairen Prozess in dem Wüstengefängnis verschwanden.

Nach einem gescheiterten Attentatsversuch auf Assad senior ordnete dieser eine Vergeltungsaktion gegen die Islamisten im Gefängnis von Tadmur an (so lautet der moderne Name der antiken Stadt Palmyra). Unter dem Kommando von Hafiz' Bruder Rifaat drangen am Morgen des 27. Juni 1980 Soldaten in die Haftanstalt ein. In den folgenden Stunden töteten die Schergen des Diktators zwischen 500 und 1000 Insassen.

Vier Jahre später, 1984, wurde der Student Bara Sarraj in dem Gefängnis interniert. Neun Jahre lang war er ohne Anklage eingesperrt, nach seiner Freilassung emigrierte Sarraj in die USA und studierte Medizin in Harvard. In seinen Memoiren beschreibt er die Stadt Tadmur als "eine Symphonie der Angst". Insassen seien auf bestialische Art gefoltert worden, willkürlich hätten Wärter Gefangene für Hinrichtungen ausgewählt. Irgendwann fing Sarraj an, sich als Erster für Folterungen zu melden. "Die Angst ist schlimmer als der Schmerz", schreibt er.

"Das Gefängnis war nahezu leer"

Baschar al-Assad ließ das Gefängnis kurz nach seiner Amtsübernahme 2001 zunächst schließen. Es war einer der Schritte, die bei Oppositionellen in Syrien und Beobachtern im Ausland die Hoffnung aufkeimen ließen, der junge Staatschef könne mit dem brutalen Erbe seines Vaters brechen und einen Reformkurs einschlagen.

Diese Hoffnungen zerschlugen sich spätestens im Frühjahr 2011, als Assad seine Armee auf friedliche Demonstranten feuern ließ. Bald darauf, im Juni 2011, ließ der Diktator das Gefängnis in Tadmur wiedereröffnen. Hunderte Oppositionelle, die an Protesten gegen das Regime teilgenommen hatten, wurden dort eingesperrt. Menschenrechtsorganisationen berichten, dass seit Beginn der Proteste in Syrien unzählige Menschen "verschwunden" sind.

Wieviele Menschen in dem abgelegenen Gefängnis zuletzt einsaßen, weiß niemand. Angeblich soll das Regime Häftlinge freigelassen und bewaffnet haben, damit sie gegen die Dschihadisten kämpfen.

"Als wir in das Gefängnis eindrangen, war es nahezu leer, bis auf ein paar Gefangene", sagte ein IS-Kommandeur. Unter ihnen seien Christen gewesen, die nicht aus Syrien stammten. Angeblich seien sie nach ihrer Befreiung durch den IS zum Islam übergetreten. "Wir wissen nicht, wohin das verbrecherische Regime die anderen Häftlinge gebracht hat."

syd

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