Panama-Enthüllungen Putins wundersam reicher Cellist

Der Cellist Roldugin ist eine zentrale Figur der Panama-Papiere. Über seine Firmen fließen Millionenbeträge. Hat er seine Nähe zu Kreml-Chef Putin vergoldet - oder ist er nur Strohmann für Zahlungen von Oligarchen?

imago/ ITAR-TASS

Von , Moskau


Zu den wichtigsten Aufgaben von Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow gehört die Sorge um das Image seines Chefs Wladimir Putin.

Peskow muss immer öfter Anfragen westlicher Medien beantworten.

  • Hat Russlands Präsident den Aufstieg seines Bekannten Gennadij Timtschenko, einem Ölmagnaten, zu einem der reichsten Männer des Landes befördert?
  • Stimmt es, dass Putins Tochter Jekaterina einen jungen Milliardär geheiratet hat - und der wiederum von eben jenem Timtschenko wertvolle Konzernanteile überschrieben bekam? Oder:
  • Wusste der Kreml, dass Unternehmer angeblich jungen Frauen, die Putin nahestehen sollen, Luxuswohnungen vermacht haben?

Peskows Formulierungen variieren, aber die Antwort ist immer die gleiche: Nein, nichts dran, das könne er gar nicht kommentieren, so etwas höre er zum ersten Mal. Seit dem Mai 2015 geht das so, da warnte der Kreml erstmals öffentlich, Medien im Westen wollten Putin "anschwärzen".

In der vergangenen Woche dann schloss der Kreml aus Anfragen der "Süddeutschen Zeitung" und anderer an der Auswertung der Panama Papers beteiligten Medien, die Veröffentlichung stehe kurz bevor. Peskow bestellte Journalisten zum Gespräch ein und warnte vor der anstehenden "Informationsattacke", wie er es nannte.

Dieses Mal geht es jedoch nicht nur um Putins Image, Peskow ist selbst ins Visier geraten. Laut einem Bericht der Moskauer Zeitung "Nowaja Gaseta" taucht eine Briefkastenfirma in dem Datenschatz auf, die Peskows Ehefrau Tatjana Nawka zugerechnet wird. Nach Angaben des Blattes wurde die Carina Global Assets 2014 gegründet. Peskow hat Nawka zwar erst im Sommer 2015 geheiratet. Liiert waren sie allerdings schon länger.

Die an der Auswertung der Panama-Papiere beteiligten Medien haben Spuren zu zahlreichen russischen Politikern rekonstruiert. Die Nutzung von Offshore-Firmen ist in Russlands Elite offenbar weit verbreitet:

  • Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew wird ein Unternehmen mit dem Namen Ronnieville Ltd. zugeordnet. Als Chef fungierte ab 2004 Uljukajews damals 21 Jahre alter Sohn Dmitrij. Die Firma wurde 2009 aufgelöst.
  • Vize-Innenminister Alexander Machonow kommt gleich auf fünf Offshore-Firmen, obwohl er als Regierungsmitglied keiner unternehmerischen Tätigkeit nachgehen und keine Firmen im Ausland besitzen dürfte.
  • Zwei Gouverneure tauchen in dem Datensatz auf. Einer davon ist Andrej Turtschak, Gebietschef von Pskow, einer Großstadt im Norden Russlands, und früher Kader der Kreml-Jugend. Turtschak steht im Verdacht, Auftraggeber eines brutalen Überfalls auf den Journalisten Oleg Kaschin zu sein.

Ebenfalls Offshore-Nutzer: Iwan Maljuschin, ein ehemaliger Top-Kader der einflussreichen Vermögensverwaltung des Kremls. Die Behörde managt die umfangreichen Liegenschaften der Präsidialadministration, dazu gehören die Residenzen des Staatschefs, aber auch Hotels und Unternehmen.

Maljuschin verfolgte nach Angaben russischer Medien auch während seiner Zeit im Staatsdienst private Geschäftsinteressen weiter. Einer seiner Geschäftspartner war dabei Gennadij Petrow. Der Pate der Sankt Petersburger Tambow-Mafia ist Ermittlern in Spanien ins Netz gegangen. Petrow war früher Teilhaber bei der Bank Rossija. Das Geldhaus des Putin-Freunds Jurij Kowaltschuk taucht immer wieder in den Panama-Papieren auf.

Eine "Geldbörse" des Putin-Klans?

Besonders hervorsticht allerdings ein anderer Name: Sergej Roldugin. Er ist seit 1977 mit Wladimir Putin befreundet, nennt ihn "meinen Bruder". Roldugin ist ein erfolgreicher Cellist. Als Unternehmer war er im Ausland mit erstaunlichen Geschäften erfolgreich.

So gingen 2010 gleichzeitig zwei Verträge bei der panamaischen Kanzlei Mossack Fonseca ein: Beim ersten ging es um einen Handel mit Aktien des staatlichen Öl-Konzerns Rosneft, der zweite erklärte den ersten für nichtig. Für das Platzen des ersten Kontrakts ließ sich Rodulgin mit 750.000 Dollar entlohnen. Eine Tochtergesellschaft der staatlichen VTB-Bank räumte einer Rodulgin-Firma 650 Millionen Dollar als Kreditlinie ein, eine eher ungewöhnliche Summe für einen Cellisten.

Als der Musiker jüngst von Journalisten mit den Geschäften konfrontiert wurde, wirkte er verdattert. "Leute, ehrlich, ich kann jetzt keine Kommentare abgeben. Ich muss erst mal sehen, was ich sagen darf und was nicht. Ich verstehe, es geht hier um sehr wichtige Dinge, machst du Geschäfte oder machst du sie nicht? Woher kommt das Geld? Wessen Geld ist es?"

In Moskau wird darüber gestritten, ob das die Worte eines besonders gerissenen Unternehmers sind - oder doch Aussagen eines Musikers, der bloß seinen Namen für windige Geschäfte seiner Freunde hergegeben hat. Denn Partner von Roldugins Offshore-Unternehmen sind die Schwergewichte der russischen Wirtschaftswelt. Der Oligarch Alexej Mordaschow soll der Firma Sonnette Overseas sechs Millionen Dollar geliehen haben. Einen Monat später wurde die Schuld erlassen, gegen Zahlung der symbolischen Summe von einem US-Dollar. Bei einem ähnlichen Geschäft mit dem Milliardär Suleiman Kerimow erwarb Roldugin für zwei Dollar die Rechte an einem 259 Millionen-Dollar-Kredit.

Der Moskauer Oppositionsführer und Anti-Korruptionsaktivist Alexej Nawalny glaubt, dass Roldugins Firmen in Wahrheit eine Art "Geldbörse" des Putin-Klans seien. Die Zahlungen wären dann eine Art Tribut, den Oligarchen an den Kreml entrichten.

insgesamt 69 Beiträge
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Spirit in Black 04.04.2016
1. Was juckt uns das?
Hat die EU nicht schon genug Probleme? Was mit dem Steuergeld der Russen passiert ist doch deren Sache. Wenn sie sich nicht darüber aufregen wird das schon seine Richtigkeit haben. Oder wo soll hier genau ein Skandal sein, der uns irgendwie tangiert?
zeichenkette 04.04.2016
2. Die Kommentarfraktion ist außer Rand und Band
Ist echt lustig gerade, wie die sich gerade alle und überall in alle Artikel verbeißen, in denen irgendwas steht, was ihnen nicht in ihr Weltbild passt. Wenn die Fakten nicht anzugreifen sind, wird halt darüber geklagt, dass stattdessen nicht über etwas anderes berichtet wird. Dass sie selber das noch fördern, indem sie das durch Zugriffe und Kommentare noch hochspülen, verstehen sie nicht, weil sie ja gar nicht verstehen wollen. "Ein Standpunkt kann zu einem gefährlichen Luxus werden, wenn er Einsicht und Verständnis ersetzt". Das kann man sich gar nicht oft genug vorsagen.
Jérôme1F 04.04.2016
3. Benjamin Bidder
Danke für den scharfsinnigen Bericht aus Moskau. Sie können über das Umfeld des Präsidenten, deren Briefkastenfirmen und Offshore-Vermögen berichten. Vermutungen anstellen, ob der Präsident vielleicht selbst hinter diesen Firmen steckt, u.s.w. Wären Sie Korrespondent in Ankara, würde Sie wohl Ihre Lizenz verlieren. Ich wünsche weiterhin Erfolg und Freude in Moskau.
zeichenkette 04.04.2016
4. Übrigens
Ich halte so etwas für sehr berichtenswert, gerade weil das in Russland nicht berichtet werden DARF. Wenn es dort nicht in den Medien auftauchen kann, dann müssen das halt andere machen. Wem die Berichterstattung in Deutschland nicht passt, der kann ja auch Medien aus dem Ausland lesen, so wie jeder vernünftige Mensch es tut.
Gottloser 04.04.2016
5. Bnd
Irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, dass die Dateien der Süddeutschen Zeitung vom BND bzw. von BND-Mitarbeitern zugespielt wurden. Quasi als Abschiedsgeschenk aus Pullach. Dort kannte man natürlich auch die Einbindung der SZ ins internationale Recherchenetz. Ein normaler Hacker käme niemals auf die SZ. Der würde sich eher an Heise oder wikileaks wenden.
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