Panik in Georgien Die Russen kommen! ... oder doch nicht?

Grenzdörfer wurden evakuiert, Handy-Netze brachen zusammen: Ein staatsnaher TV-Sender inszenierte den Überfall der russischen Armee auf Georgien - und schürte sehr reale Panik in der Bevölkerung. Russland ist irritiert: Bei Präsident Saakaschwili sei offenbar "im Kopf etwas durchgebrannt".


Russische Kampfflieger am Himmel, zerbombte Grenzposten, Panzerkolonnen auf staubigen Straßen - wer am Samstagabend um kurz nach acht in Georgien den Kanal Imedi TV einschaltete, konnte live und im professionellen CNN-Design den Einmarsch der russischen Armee in die kleine Kaukasusrepublik verfolgen. Ein Nachrichtensprecher erklärt mit ernster Miene: Nach einem Bombenattentat in Südossetien habe Russland Georgien den Krieg erklärt, Panzer rollten auf die Hauptstadt Tiflis zu, die Regierung sei evakuiert.

Dann erscheint der russische Präsident Dmitrij Medwedew. Vor einem Bücherregal erklärt er mit georgischem Voice-Over: "Saakaschwili ist ein Terrorist, und wir müssen Georgien von ihm befreien." Auch Amerikas Präsident Barack Obama kommt zu Wort: Vor den Türen des Weißen Hauses stehend, verurteilt er den russischen Angriff. Wenige Minuten später dann die Eilmeldung: Präsident Micheil Saakaschwili sei tot, die Opposition habe eine von den Russen sanktionierte "Volksregierung" gebildet. Im Hintergrund - nächtliche Explosionen und als Untertitel: "Die russische Luftwaffe bombardiert strategische Objekte."

Der Einmarsch der Russen endet abrupt um 20.30 Uhr: Eine Sprecherin erklärt, das Ganze sei nur eine "Modellierung einer möglichen Entwicklung der Ereignisse" gewesen - für den Fall, dass "die georgische Gesellschaft nicht konsolidiert ist gegenüber dem russischen Plan". Dann beginnt eine Talkshow über das Ausmaß der russischen Bedrohung. Einen ähnlichen Hinweis hatte die Sprecherin auch schon vor Beginn der Sendung um kurz vor acht gegeben - aber die meisten georgischen Zuschauer hatten das offenbar überhört.

"Alle wollten wissen, ob wirklich die Russen einmarschiert sind!"

"Wir Journalisten haben natürlich verstanden, dass das nur ein schlechter Scherz sein konnte", sagte Elena Imedaschwili, Chefredakteurin der Agentur "News Georgia", am Sonntag zu SPIEGEL ONLINE. Die Bürger jedoch reagierten panisch: georgischen Medienberichten zufolge verließen die Bewohner der grenznahen Stadt Gori ihre Häuser, aus den Grenzdörfern wurden Frauen und Kinder evakuiert und an den Tankstellen bildeten sich Autoschlangen. "Alle Mobilfunknetze waren lahmgelegt", erzählt Imedaschwili. In ihrer Agentur liefen die Drähte heiß: "Alle wollten wissen, ob wirklich die Russen einmarschiert sind!" In der Hauptstadt Tiflis machten Gerüchte die Runde, dass an manchen Stellen schon Waffen verteilt würden. Der Abgeordnete Dmitrij Lortkipanidse berichtete, eine Mutter, deren Sohn in der georgischen Armee diene, sei nach dem Fernsehbericht an einem Herzinfarkt gestorben.

Präsident Saakaschwili erkannte den Ernst der Lage und schickte seine Pressesprecherin Manana Madschgaladse ins Studio von Imedi TV, um das Volk zu beruhigen: Nein, es gebe keine russische Invasion, und der Kanal hätte auch während der Sendung deutlich darstellen müssen, dass es sich um eine Inszenierung handelte. Am Tag danach kommentierte Saakaschwili selbst: Der Film sei "unangenehm" gewesen, aber "maximal nah an der Wirklichkeit und an dem, was der Feind Georgiens im Sinne hat."

Die georgische Gesellschaft reagierte empört auf die Panikmache: Die wichtigsten Oppositionspolitiker versammelten noch am Samstagabend mehrere hundert Anhänger vor der Senderzentrale in Tiflis und forderten Sanktionen gegen den Kanal. Oppositionsführerin Nino Burdschanadse, der in der kruden Zukunftsvision die Rolle einer Vaterlandsverräterin zugewiesen wurde, erklärte, sie werde gegen den Kanal klagen. Der Staat "schüchtert das Volk ein", kritisierte sie, doch "die Georgier werden der Macht diesen Irrsinn nicht vergeben!" Für Sonntagnachmittag hat die Opposition zu einer Kundgebung im Zentrum von Tiflis aufgerufen.

"Kulmination des psychologischen Terrors"

Manche Politiker beschuldigten den Präsidenten, in Wahrheit hinter der Sendung zu stehen: "Das ist die Kulmination des psychologischen Terrors, den Saakaschwili schon sechs Jahre lang gegen das eigene Volk einsetzt. Kein Journalist würde so etwas ohne die Erlaubnis von Saakaschwili zeigen, und nur dem kranken Kopf des Präsidenten konnte so etwas einfallen", schäumte der Oppositionspolitiker Sosar Subari. Tatsächlich gilt der ehemalige Oppositionssender inzwischen als Sprachrohr des Präsidenten. Generaldirektor von Imedi TV ist Georgij Arweladse, ehemals Pressesprecher von Saakaschwili.

Arweladse selbst entschuldigte sich in seinem Blog zwar für eventuelle Irritationen. "Aber ich hoffe, dass wir zusammen dafür kämpfen werden, dass das Gezeigte nicht zur tragischen Realität wird", so der Saakaschwili-Vertraute.

Die Angst vor einem Einmarsch des großen Nachbarn beherrscht seit dem Krieg zwischen Georgien und Russland um die abtrünnige Republik Südossetien die Köpfe der Menschen. "Jede Nachrichtensendung beginnt mit dem Thema Okkupation und Einmarsch", sagt Journalistin Imedaschwili. "Die Leute erwarten so etwas jeden Moment."

Russische Politiker reagierten mit Unverständnis auf den inszenierten Einmarsch. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses der Duma, Konstantin Kosatschow, zog Parallelen zu der Zeit vor dem georgisch-russischen Krieg im August 2008: "Auch damals erzeugte Tiflis eine angespannte Lage - und den Eindruck, dass von russischer oder südossetischer Seite irgendwelche Provokationen bevorstünden." Er habe den Eindruck, bei Saakaschwili sei "etwas im Kopf durchgebrannt".



insgesamt 58 Beiträge
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Zyklotron, 14.03.2010
1. Invasion der Marsmenschen
Eigentlich sollte man annehmen, dass auch georgische Journalisten inzwischen von Orson Welles und dem "Krieg der Welten" gehört haben müssten...
Zero Thrust 14.03.2010
2. re
---Zitat--- Bei Präsident Saakaschwili sei offenbar "im Kopf etwas durchgebrannt". ---Zitatende--- Ist recht offensichtlich der Fall. Und nicht erst seit gestern.
Maputo, 14.03.2010
3. Was ist zu tun?
Vielleicht ist es inzwischen angezeigt, dem "liebgewordenen Verbündeten" Saakaschwili zur Entwicklungshilfe einen Psychiater zu entsenden. Zumindest kommen die "Früchte" der generalstabsmässig inszenierten "Farbrevolutionen" in der Ukraine und Georgien deutlich zu Tage. Ein weiteres Trümmerfeld der USA/NATO - Außenpolitik! Als ob der Trümmerhaufen, der von Haifa am Mittelmeer bis Lahore an der indischen Pakistan-Grenze reicht, nicht schon groß genug wäre.
MoonofA 14.03.2010
4. Farbenrevolutionäre
Saakaschwili hat das Programm wohl zur "Stärkung des Widerstandswillens" aufführen lassen. Nicht seine erste schlechte Idee. Die durch "westliche" Farbenrevolution an die Macht gekommenen erweisen sich immer wieder als unfähig. Der "Westen" sollte aufhören mit diesem unsinnigen und undemokratischen Versuchen ihm geneigte Politiker an die Macht zu bringen.
silver85 14.03.2010
5. Realistische Einschätzung
Die Inszenierung erscheint zwar in dem Ausmaß übetrieben, zeigt jedoch ein äußerst realistisches Bild möglicher russischer Aggressionen. Angrenzende Länder zu okkupieren und Dörfer in Schutt und Asche zu legen ist keine weit hergeholte Erfindung dystopischer Szenarien, sondern eine typische Gangart Russlands, wie es schon unzählige Male in der Geschichte der Fall war (insbesondere im Kaukasus).
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