Panne bei Exekution Empörung über Enthauptung von Saddams Halbbruder

Die irakische Regierung hat Journalisten einen Film vorgeführt, der zeigt, wie Saddams Halbbruder Barsan al-Tikriti gehängt wird - und ihm dabei der Strick den Kopf abtrennt. Viele Iraker reagieren empört. Die Behörden nennen den Ablauf der Exekution ordnungsgemäß.


Bagdad - Die Henker kamen im Morgengrauen. Zeitgleich legten sie dem ehemaligen Richter Awad al-Bandar und Saddams Halbbruder Barsan al-Tikriti die Stricke um den Hals. Die Delinquenten trugen Kapuzen. Auf dem Film, den die irakische Regierung heute Journalisten zeigte, der jedoch nicht veröffentlicht werden soll, ist zu sehen, wie die Männer vor Angst zittern. Dann öffnen sich die Falltüren - und es kam zur grausigen Panne: Die Aufnahmen zeigen, wie Saddams Halbbruder Barsan Ibrahim al-Tikriti durch den Strang enthauptet wird.

Während der ehemalige Richter tot am Strick hing, lag der Körper von Saddams Halbbruder auf dem Boden. Er habe zunächst nur den baumelnden Strick gesehen, sagte Oberstaatsanwalt Dschafar al-Mussawi dem britischen Rundfunksender BBC. "Ich dachte, al-Tikriti sei der Schlinge entkommen. Ich rief, er sei der Schlinge entkommen, geht runter und schaut nach." Dann sei er selbst einige Stufen nach unten gegangen und habe den Kopf gesehen, der mehr als einen Meter vom Körper entfernt lag.

Die blutige Hinrichtungspanne sorgt in der arabischen Welt für Empörung. Issam al-Ghazzawi, ein Anwalt der heute gehängten Saddam-Gefolgsleute, kritisierte die Art und Weise, wie al-Bandar exekutiert wurde. Es sei "beschämend", sagte al-Ghazzawi. Wenn ein Mensch gehängt werde, verliere er nicht seinen Kopf, fügte er hinzu.

Barsans Schwiegersohn Assam Salih Abdullah bezichtigte die schiitische Regierung eines Racheakts. "Möge Gott diese Demokratie verfluchen", sagte er dem Sender al-Dschasira. Salim al-Dschiburi, ein hochrangiger sunnitischer Abgeordneter im Bagdader Parlament schloss nicht aus, dass Barsans Körper wegen eines Krebsleidens geschwächt gewesen und sein Kopf deswegen abgerissen sei: "Aber wir haben unsere Zweifel und wir wollen uns bei Experten und Ärzten erkundigen, ob so etwas möglich ist."

Der Zug, der am Strang entsteht, hängt vom Körpergewicht des Verurteilten, der Höhe des Galgens und der Falltiefe ab. Die Länge des Seils muss entsprechend berechnet werden, um einen Genickbruch und damit einen schnellen Tod zu verursachen. Ist der Strang zu kurz, droht ein qualvoller Tod durch Erwürgen. Ist er zu lang, kann es zu einer Enthauptung kommen.

Auch in anderen arabischen Ländern reagierten Muslime entsetzt und verärgert: "Ich bin heute sehr traurig, genau wie viele andere Muslime", sagte Zaid al-Boudani, ein Ladenbesitzer in Jemens Hauptstadt Sana'a. "Diese Exekution ist Teil eines Rachefeldzuges im Irak", fügte er hinzu. Der Präsident von Marokkos Menschenrechtszentrum nannte die Hinrichtung einen barbarischen Akt, der möglicherweise unter dem Druck Irans oder der Vereinigten Staaten durchgeführt worden sei. Er habe noch nie davon gehört, dass ein Kopf bei einer Hinrichtung vom Körper abgetrennt worden sei. "Nur in diesem Fall, der den Hass und die Gewalt widerspiegelt."

Dabei wollten die irakischen Behörden nach der chaotischen Hinrichtung von Saddam Hussein Pannen bei der Exekution seiner zwei Gefolgsleute vermeiden. So waren sie bemüht, den ordnungsgemäßen Ablauf der Exekution zu betonen. Die Rechte der zum Tode verurteilten Männer seien nicht verletzt worden, sagte Regierungssprecher Ali al-Dabbagh. "Es war kein schöner Anblick", sagte ein anderer Zeuge der Hinrichtung. Der Regierungsberater Bassam al-Husseini nannte den Vorfall bei der Exekution al-Tikritis jedoch "einen Akt Gottes".

Die Leichname der zwei gehängten Gefolgsleute des früheren irakischen Diktators sind inzwischen nach Tikrit gebracht worden. Dort sollen Saddams Halbbruder und der frühere Richter beerdigt werden.

Die US-Regierung begrüßte die Hinrichtung von Saddams Mitangeklagten: Die irakische Regierung lasse "Gerechtigkeit" gegen die wegen "brutaler Verbrechen gegen die Menschlichkeit" Verurteilten walten, erklärte das Weiße Haus.

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und der italienische Regierungschef Romano Prodi verurteilten dagegen die Hinrichtung der Saddam-Vertrauten. "Wir sind prinzipiell gegen die Todesstrafe", sagte Barroso heute nach einem Treffen mit Prodi in Rom. "Ein Mensch hat nicht das Recht, einem anderen das Leben zu nehmen." Ähnlich äußerte sich Prodi. Er habe bereits die Hinrichtung des früheren irakischen Präsidenten Saddam Hussein verurteilt, sagte Prodi.

Auch Russland kritisierte die Hinrichtung der beiden Saddam-Gefolgsleute. Die Vollstreckung der Strafe helfe ebenso wenig wie die Hinrichtung Saddams, die Lage im Irak zu stabilisieren, sagte der Sprecher des russischen Außenministeriums, Michail Kamynin, in Moskau. Nur ein Dialog unter Beteiligung aller politischer und ethnischer Gruppen könne zu einer Normalisierung führen. Daran müssten auch Syrien und der Iran beteiligt werden, sagte Kamynin.

hen/AP/Reuters/dpa



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