Panzereinsatz Syrische Soldaten stürmen Protest-Hochburgen

Die syrische Regierung greift immer brutaler gegen die Zentren des Protests durch: Mehr als 3000 Sicherheitskräfte sind mit Panzern in Daraa im Süden des Landes eingerückt und haben das Feuer eröffnet, mindestens 20 Menschen kamen ums Leben. Auch in anderen Städten gab es Razzien und Schießereien.

Videobild, bereits am Sonntag in einem sozialen Netzwerk hochgeladen: Panzereinsatz in der Nähe von Daraa
REUTERS/ Social Media Website

Videobild, bereits am Sonntag in einem sozialen Netzwerk hochgeladen: Panzereinsatz in der Nähe von Daraa


Nikosia - Staatschef Baschar al-Assad versucht, dem um sich greifenden Volksaufstand mit einer Gewaltoffensive Herr zu werden. In mehreren Städten eröffneten regierungstreue Kräfte nach Angaben von Einwohnern und Menschenrechtsgruppen das Feuer und töteten dabei erneut mehr als ein Dutzend Menschen.

In der südsyrischen Stadt Daraa waren nach Angaben von mehreren Aktivisten am Montagmorgen mehr als 3000 Sicherheitskräfte begleitet von Panzern und gepanzerten Fahrzeugen in die Stadt eingerückt. "Scharfschützen haben auf den Dächern Stellung bezogen und die Panzer sind im Stadtzentrum", sagte ein Aktivist der Nachrichtenagentur AFP.

Nach dem Eintreffen der Sicherheitskräfte seien umgehend heftige Schusswechsel zu hören gewesen, sagte ein Vertreter der Opposition. Die Sicherheitskräfte hätten in alle Richtungen geschossen und sich auf ihrem Weg durch die Stadt hinter den Panzern versteckt. Sowohl die Stromversorgung als auch das Telefonnetz seien weitgehend zusammengebrochen.

Bei dem groß angelegten Einsatz sind nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten mehrere Menschen getötet worden. Es gebe Tote und Verletzte, sagte ein Aktivist aus Daraa am Montag telefonisch der Nachrichtenagentur AFP. Die genaue Zahl der Opfer sei unklar, da die Leichen noch auf den Straßen lägen. Andere Regimekritiker berichten laut dpa von mindestens 20 Toten.

Razzien und Beschuss auch in anderen Städten

Weiteren Menschenrechtsvertretern zufolge gab es auch Razzien von Sicherheitskräften in Duma und Muadamijeh nahe der Hauptstadt Damaskus. Der Vorort Duma sei umstellt worden, bevor das Feuer eröffnet worden sei, hieß es. Sicherheitskräfte hätten auf unbewaffnete Zivilisten geschossen und Einwohner festgenommen. Es handele sich um dasselbe Muster in allen Zentren des Aufstands. "Sie wollen die Revolution niederschlagen und gehen mit äußerster Brutalität vor", sagte der Aktivist. Die Telekommunikationsverbindungen nach Duma seien unterbrochen worden.

In Nawa, wo auf einem Begräbnis ebenfalls Tausende zum Sturz des Staatschefs aufgerufen hatten, richteten sich Einwohner auf einen Angriff ein. Manche waren bewaffnet, Straßensperren wurden errichtet. Sie hatten auf Berichte reagiert, Bulldozer und Militärfahrzeuge seien in Richtung der 25 Kilometer nördlich von Daraa gelegenen Stadt unterwegs.

In der Küstenstadt Dschabla wurden nach Angaben einer Menschenrechtsgruppe am Sonntag mindestens 13 Zivilisten von Regierungstruppen und Scharfschützen getötet. Zuvor hatte es auch dort Demonstrationen gegeben. "Dschableh ist von Sicherheitskräften umstellt", sagte ein Augenzeuge per Telefon der Agentur AP. "Die Toten sind in den Moscheen und Häusern. Wir können sie nicht herausbringen."

In Banias südlich von Dschabla drohten Protestanführer mit einer Unterbrechung der Küstenautobahn, sollte die Belagerung Dschablas nicht aufgehoben werden.

Nach den massiven Einsätzen hat die syrische Regierung die Grenzübergänge zu Jordanien geschlossen. Betroffen seien die beiden wichtigsten Übergänge Daraa und Nassib, sagte ein hochrangiger jordanischer Diplomat am Montag. Die Nachrichtenagentur Reuters erfuhr aus Behördenkreisen, dass die Schließung der Landgrenze mit dem Großeinsatz der syrischen Sicherheitskräfte in Zusammenhang stehe.

Mehr als 300 Menschen bisher getötet

Duma und Daraa sind zwei Brennpunkte der seit fünf Wochen anhaltenden Proteste gegen das Regime des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Die Staatsmacht versucht seit Wochen mit Gewalt und Festnahmen die Massenproteste zu beenden. Die Führung stellt die Demonstrationen als Angriff krimineller Banden auf die Sicherheitskräfte dar und greift hart durch. Mehr als 300 Menschen wurden seitdem bei Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften getötet, allein 112 am vergangenen Freitag.

Die von den Revolutionen in anderen arabischen Ländern inspirierte Protestbewegung hatte vor sechs Wochen mit Demonstrationen für demokratische Reformen begonnen. Nachdem mehrere Demonstranten getötet worden waren, änderten sich die Parolen. Jetzt hört man bei den Protestaktionen vor allem den Ruf "Das Volk will den Sturz des Regimes".

Präsident Assad, der nach dem Tod seines Vaters Hafis al-Assad 2000 an die Macht gekommen war, hatte in den vergangenen Tagen mehrere Reformen angekündigt und zum Teil auch beschlossen. Die Aufhebung des Ausnahmezustandes - eine der zentralen Forderungen der Opposition - hatte bislang jedoch keine praktischen Auswirkungen, da die Sicherheitskräfte und Spezialeinheiten des Regimes immer noch mit unerbittlicher Härte gegen die Demonstranten vorgehen.

"Internationale Gemeinschaft muss Sanktionen verhängen"

Auch Samstag und Sonntag wurden nach Angaben eines Menschenrechtlers Dutzende von Oppositionsanhängern festgenommen. Die Razzien hätten am Samstagabend in Damaskus und Homs begonnen, sagte der Leiter der Nationalen Organisation für Menschenrechte in Syrien, Ammar Kurabi, am Sonntag. Die Organisation Human Rights Watch (HRW) forderte nach dem Blutbad mit 112 Toten am Freitag Sanktionen gegen die Regierung von Assad.

Kurabi sagte, die Verhaftungswelle zeige, dass die Sicherheitskräfte auch eine Woche nach offizieller Aufhebung des fast 50 Jahre dauernden Notstandes weiter nach Gutdünken vorgehen könnten. "Diese Leute sind nicht legal verhaftet worden", sagte er. "Sie wurden entführt." Die Sicherheitsbeamten hätten keine Haftbefehle gehabt. Eine genaue Zahl der Festgenommenen habe er nicht, sagte Kurabi. In Homs seien mindestens 20 und in dem Hauptstadtvorort Duma mindestens fünf Personen festgenommen worden.

"Nach dem Blutbad vom Freitag reicht es nicht mehr, die Gewalt zu verurteilen", sagte der stellvertretende HRW-Direktor für den Nahen Osten, Joe Stork. "Angesichts der syrischen Strategie mit tödlichen Schüssen muss die internationale Gemeinschaft Sanktionen gegen die verhängen, die diese Schüsse anordnen."

Unabhängige Berichte aus Syrien gibt es derzeit kaum, ausländische Journalisten werden an der Einreise und Berichterstattung über die Proteste gehindert.

abl/AFP/dpa/Reuters



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Chrysop, 25.04.2011
1. Syrien hat weder Öl noch Gas
Syrien hat weder Öl noch Gas, deshalb dürfte dort keine "Flugverbotszone" und Eingreifen der Nato zu erwarten sein. Die Regierungen in Paris, London und Rom schweigen, auch von Obomba ist nichts zu hören, sehr entlarvend.
maximixa 25.04.2011
2. zu den waffen?
muss die "weltgemeinschaft" jetzt nicht, genau wie in libyen, bomber und drohnen schicken? die erbdespotie assads schiesst offensichtlich genauso brutal auf das volk wie der irre aus tripolis.
Sabi 25.04.2011
3. Wie Vater, so der Sohn
Zitat von sysopDie syrische Regierung greift immer brutaler gegen die Zentren des Protestes durch: Mehr als 3000 Sicherheitskräfte sind mit Panzern in Daraa im Süden des Landes eingerückt und haben das Feuer eröffnet, mindestens 20 Menschen kamen ums Leben. Auch in anderen Städten gab es Razzien und Schießereien. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,758871,00.html
Der Vater des heutigen Diktators war ein echter Menschen- Schlächter - sein Sohn, angeblich augebildeter Arzt und liberal, läßt genauso täten wie der Alte ! Same procedure .....
hundini 25.04.2011
4. ^^
Mit dem Einzug des Internets begann die Revolution der Aufkläerung in den islamistischen Feudal/Diktaturen. Das Volk dumm zu halten oder mit religiösen Parolen zu betäuben, scheint für die Herrschenden nicht mehr zu reichen. Das da jetzt westliche Demokratien enstehen werden, kann sich der "Westen" aber abschminken. Bald gibt es dort nur noch islamistische Gottestaaten und die begonnene Völkerwanderung Richtung Norden geht verstärkt weiter.
Lanos 25.04.2011
5. Black Bush
Zitat von sysopDie syrische Regierung greift immer brutaler gegen die Zentren des Protestes durch: Mehr als 3000 Sicherheitskräfte sind mit Panzern in Daraa im Süden des Landes eingerückt und haben das Feuer eröffnet, mindestens 20 Menschen kamen ums Leben. Auch in anderen Städten gab es Razzien und Schießereien. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,758871,00.html
Wir sind sehr eifrig darüber(live ticker) zu berichten was unser 'nicht freunde' machen, währed die in Bahrain geschützt werden obwohl die Diktatoren Familien dort täglich mit ihren Terror Kampagne gegen die Bevolkerung fort fahren. Obama hat eine Bombe für alle Bösen und eine schöne Sprache für unser Bösen. Er hat den Nobel Preis absolut nicht verdient. Chapelle(der Komiker) war wirklich einen Orakel weil seine Skizze 'Black Bush' zu wirklichkeit geworden ist.
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