Papst-Besuch in den USA Benedikt liest Bush die Leviten

Er wurde nie konkret, doch in seiner Rede vor dem Weißen Haus hat Papst Benedikt XVI. dem US-Präsidenten trotzdem deutlich ins Gewissen gesprochen: Demokratie könne nur aufblühen, wenn sich die politischen Führer von der Wahrheit leiten lassen - eine Ohrfeige für Kriegsherr Bush.

Aus Washington berichtet Alexander Schwabe


Washington - Ein strahlender Sonnentag in Washington, das Weiße Haus fein rausgeputzt. Gelbe Tulpenblütenpracht auf der Veranda zwischen den sechs Säulen, die die Fassade dominieren, eine Militärkapelle spielt auf, frisches Frühlingsgrün sorgt für heitere Stimmung. Und nicht jeden Tag kommt ein Papst vorbei, noch dazu an seinem Geburtstag. 12.000 Gäste hat Gastgeber George W. Bush auf den Südrasen geladen.

Doch der 81. Geburtstag Benedikts XVI. gerät nicht zur lauschigen Gartenparty, auf der die Gäste locker durcheinandergehend mal hier, mal dort einen Small Talk halten und mal hier, mal dort zu einem Champagnerglas greifen. Die Masse der Geladenen steht eng an eng hinter Absperrungen, darunter viele hohe Geistliche, die das übliche Schicksal gewöhnlicher Gläubiger teilen, wenn diese zu öffentlichen Auftritten des Papstes kommen.

Kurz vor halb elf Uhr (Ortszeit) zeigt sich das Ehepaar Bush auf einer kleinen Tribüne unterhalb der Säulen des Weißen Hauses. Trommelwirbel setzt ein, Fanfarenstöße zerreißen die Luft. Eine schwarze, langgestreckte Limousine fährt vor, der Papst steigt aus. Er reicht George W. und Laura Bush, die ihn gestern persönlich am Militärflugplatz Andrews abgeholt hatten, beide Hände. Der Papst besteigt das Podest, trägt rote Schuhe. Er wendet sich zur Jubelmenge, winkt sein typisches Winken, bei dem die Finger immerzu spielen. Die Hymnen des Vatikan und der USA erklingen. Der Papst und Bush setzen sich.

Querflötenklänge und Paukenschläge

Ein Spielmannszug in historischen Kostümen aus der amerikanischen Kolonialzeit marschiert vorüber unter Querflötenklängen und Paukenschlägen. Bush wippt mit seinem linken Fuß im Takt. Der Papst bleibt ruhig. Sein Herz geht erst auf - das verrät seine Miene - als er danach die sphärischen Klänge einer Harfe und dazu eine wunderschöne Frauenstimme geboten bekommt.

Bush begrüßt das Oberhaupt von einer Milliarde Katholiken auf der Welt offiziell in Amerika. In seiner Ansprache preist er die Vorzüge seiner Nation, wie er sie sieht, all das Gute, das seine Nation für den Globus tut. Den Irak-Krieg zählt er inzwischen wohl selbst nicht mehr dazu - jedenfalls erwähnt er ihn nicht. Stattdessen verweist er auf die humanitären US-Hilfen weltweit. Man gebe Hungernden, bekämpfe Krankheiten, mildere Armut. Bush gibt den Barmherzigen Samariter.

Er weiß, was der Papst hören will und führt aus, was der Papst an Amerika schätzt: "Wir sind eine Nation, die den Glauben öffentlich lebt", sagt er. Die Vereinigten Staaten seien "fully modern", vollkommen modern, und zugleich geleitet von "althergebrachter und ewiger Wahrheit". Bush versichert dem Papst, Amerika sei offen für dessen Botschaft, die Welt brauche Liebe und "Freiheit in einem Geist gegenseitiger Unterstützung".

Benedikt XVI. tritt ans Pult. Das Geburtstagskind macht dem Gastgeber - wohl unwissentlich - ein Geschenk: Bush hatte vor knapp einem Jahr nach seinem Besuch in Rom gesagt, er wäre froh, von dem "sehr klugen, liebenden Mann" mehr erfahren zu können. Hier kann er es: Es ist eine Lehrstunde für politische Führer, zumal, wenn sie sich als Christen verstehen, wie Bush es tut. Der Papst erinnert ihn an die eigenen Wurzeln, daran, wie die Gründungsväter den jungen Staat Amerika verstanden haben und wie sich das Land im Innersten noch immer versteht.

Zunächst zitiert Benedikt seinen Vorgänger Johannes Paul II., der die USA fünf Mal besucht hatte: "In einer Welt ohne Wahrheit verliert die Freiheit ihren Grund." Eine Demokratie ohne Werte könne ihre Seele verlieren, mahnt Benedikt. Diese "prophetischen Worte" seines Vorgängers spiegelten eine Überzeugung George Washingtons wider: "dass Religion und Moral eine 'unabkömmliche Grundlage' für politisches Gedeihen sind".

Benedikt wird in seiner Rede nie direkt - und dennoch ist vollkommen klar, was er sagen will. Immer wenn er einen Satz beginnt mit "Ich bin zuversichtlich, dass…", "Ich bin überzeugt, dass…", "Die Kirche vertraut darauf, dass…" - und er tut dies drei Mal in seiner Rede - sagt er diplomatisch und pädagogisch geschickt, was er von Bush erwartet. Gleichzeitig liest er ihm so die Leviten.

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