Papst-Besuch Kazaws heikle Mission

So viel Nähe war nie. Seit seinem Amtsantritt forciert Benedikt XVI. die Aussöhnung mit dem Judentum. Dann kam es zum Krach, als der Vatikan israelische Vergeltungsmaßnahmen auf palästinensische Terroranschläge geißelte - eine Belastung für den Besuch von Israels Präsidenten Kazaw beim Papst.

Von Alexander Schwabe


Hamburg - Benedikt XVI. hatte sich scharfe Kritik eingehandelt, als er in seinem Ferienort im norditalienischen Aostatal beim Angelusgebet der Opfer der Terroranschläge gedachte: von Scharm al-Scheich (Ägypten), in der Türkei, im Irak und in London, nicht jedoch jenen fünf Toten und etwa 40 Verletzten, die fünf Tage nach London einem Selbstmordanschlag in der israelischen Küstenstadt Netanja zum Opfer fielen.

Die israelische Regierung war verstimmt, das Außenministerium bestellte den päpstlichen Nuntius in Israel ein und übergab ihm eine förmliche Protestnote. Darin wurde beklagt, der Papst habe "vorsätzlich" palästinensische Terroranschläge unerwähnt gelassen - dies könne "möglicherweise als Billigung terroristischer Akte gegen Juden" verstanden werden.

Es war die erste schwere Belastung für die noch jungen diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und dem Vatikan, die erst vor zwölf Jahren aufgenommen wurden. Mit scharfen Worten wies der Vatikan die israelische Kritik am neuen Papst zurück. Beim Heiligen Stuhl akzeptiere man keine Belehrungen und Verhaltensmaßregelungen. In einer offiziellen Stellungnahme beschuldigte der Vatikan israelische Regierungsstellen der "vorsätzlichen" Irreführung und haltloser "Erfindungen" über die Haltung der Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. zu Israel und dem jüdischen Volk.

Eine Erklärung von Vatikan-Sprecher Joaquin Navarro-Valls erzürnte den israelischen Außenminister Silvan Schalom vollends: Navarro-Valls kritisierte Israel dafür, mit manchen militärischen Vergeltungsmaßnahmen auf palästinensische Terroranschläge gegen internationales Recht zu verstoßen. Es sei dem Vatikan nicht möglich, einen Terrorangriff zu verurteilen und die darauf folgende israelische Vergeltung stillschweigend zu übergehen.

Sommerliche Hitzewallungen

Diese Disharmonie stand in krassem Widerspruch zu dem, was Johannes Paul II. an Vertrauen in der heiklen Beziehung der verwandten Religionen aufgebaut hatte. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hatte sich das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und dem Judentum, das durch eine Jahrhunderte währende antisemitische Tradition seitens des Christentums getrübt war, entspannt. In der Erklärung "Nostra Aetate" legten die Konzilsväter 1965 erstmals schriftlich fest, dass nicht die Juden für den Tod Jesu Christi verantwortlich gemacht werden können. Das Konzil beklagte "alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von wem auch immer gegen das Judentum gerichtet haben".

Es vergingen 20 Jahre bis der geistigen Annäherung die praktische folgte: Johannes Paul II. besuchte die römische Synagoge. Weitere acht Jahre später schlossen der Vatikan und der Staat Israel 1993 einen Grundlagenvertrag, was zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen führte. Zur Jahrtausendwende legte Johannes Paul II. im Petersdom ein Schuldbekenntnis ab. Kardinal Edward Cassidy, damaliger Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, sagte im Namen des Papstes, nicht wenige Christen hätten gegen das Volk des Bundes und der Seligpreisungen gesündigt. Der Papst betete dafür, "dass echte Brüderlichkeit herrsche mit dem Volk des Bundes". Noch im selben Jahr 2000 weinte er in der Holocaustgedenkstätte Jad Vaschem über das Leid, das dem jüdischen Volk angetan wurde und bat an der Klagemauer, dem heiligsten Ort des Judentums, um Vergebung für das Unheil, das Juden im Namen der Kirche widerfahren ist.

Benedikt, "Gigant des Geistes"

Benedikt hatte gleich zu Beginn seines Pontifikats an die Linie seines Vorgängers angeknüpft. Schon bei seiner Antrittsmesse wandte er sich an die Juden in aller Welt und wies auf die Verbundenheit hin mit den "Brüdern aus dem jüdischen Volk durch ein großes gemeinsames geistliches Erbe". Gerade mal zwei Tage nach seiner Wahl sandte er einen Brief an den Oberrabbiner von Rom. Darin bekräftigte Benedikt seine Bereitschaft zum Gespräch mit dem Judentum: "Ich vertraue auf die Hilfe Gottes, um das Gespräch fortzusetzen und die Zusammenarbeit mit den Söhnen und Töchtern des jüdischen Volkes zu verstärken", schrieb er. Der jüdische Geistliche zeigte sich erfreut und nannte den bisherigen Kardinal Joseph Ratzinger einen "Giganten des Geistes".

Umso unverständlich war das sommerliche diplomatische Sperrfeuer. Doch schon unmittelbar danach setzte Benedikt den Kurs der Aussöhnung mit dem Judentum fort. Auf seiner ersten Auslandsreise besuchte er in Köln während des Weltjugendtages auch die Synagoge. Abraham Lehrer von der jüdischen Gemeinde würdigte den Pontifex Maximus als einen Brückenbauer zwischen Katholizismus und Judentum.

Im September empfing Benedikt die beiden Oberrabbiner Israels, Schlomo Mosche Amar und Yona Metzger, in seiner Sommerresidenz Castel Gandolfo zu einer Privataudienz. Der Papst wurde von den beiden Oberrabbinern nach Jerusalem eingeladen. Bereits im Juni hatte er eine Einladung des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon prinzipiell angenommen. Mosche Kazaw, so verlautete gestern, wolle die Einladung an den Papst bekräftigen.

Abendmahlsaal für Synagoge

Über den genauen Ablauf oder den Inhalt des Treffens drang bisher nichts an die Öffentlichkeit. Möglicherweise unterhalten sich Benedikt und Kazaw über praktischere Dinge als über die sommerliche Hitzewallung. Noch immer ungelöst ist das Ringen um den Abendmahlsaal in Jerusalem, in dem Jesus sein letztes Abendmahl mit den Jüngern gehalten haben soll. Um über diesen Raum, der 1967 enteignet worden war, zu verfügen, sei der Vatikan bereit, so heißt es, die ehemalige Synagoge von Toledo und heutige Kirche Santa Maria la Blanca, eines der wichtigsten Architekturdenkmäler Spaniens, an die jüdische Gemeinde zurückzugeben.

Vielleicht wird Kazaw auch einen Wunsch vortragen, der von jüdischer Seite immer wieder geäußert wird, zuletzt beim Besuch des Papstes in der Synagoge in Köln: Dort wurde um die vollständige Öffnung des vatikanischen Archivs über den Zeitraum des Zweiten Weltkriegs gebeten. 60 Jahre nach der Schoa könnten damit weitere Kenntnisse über die Rolle der katholischen Kirche während der NS-Zeit gewonnen werden.

"Jesus-Disney-Land" in Planung

Beim letzten Besuch Kazaws im Vatikan vor drei Jahren, hatte Johannes Paul II. das israelische Staatsoberhaupt aufgefordert, das im Westjordanland gelegene Betlehem den Gläubigen während der Weihnachtszeit zugänglich zu machen. Die Feierlichkeiten drohten wegen der angespannten Sicherheitslage auszufallen. Der Appell des Papstes hatte freilich wenig gefruchtet. Das israelische Kabinett lehnte einen Rückzug aus der angeblichen Geburtsstadt Jesu ab. Dem palästinensischen Präsidenten Jassir Arafat wurde eine Teilnahme an der Christmette versagt. Der Muslim Arafat hatte daran mehrfach teilgenommen, um seine Solidarität mit der christlichen Minderheit unter den Palästinensern zu demonstrieren.

Vielleicht aber wird der Papst seinen Unmut über ein umstrittenes Projekt äußern, das evangelikale amerikanische Christen mit starker Unterstützung des israelischen Staats am See Genezareth planen. In einer Art Jesus-Disney-Land für geschätzte 60 Millionen Dollar soll das Leben des Nazareners in einer riesigen Show erklärt werden. Touristen sollen dort "Jesus-Brot und "Jesus-Mäntel" erwerben können. Tourismusminister Avraham Hirschfeld erhofft sich nach Angaben der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" eine Million Touristen zusätzlich pro Jahr. Dies wäre eine Verdoppelung der Anzahl christlicher Pilger gegenüber dem Papst-Jahr 2000. Schon allein deshalb dürfte der "Jesus-Park" Benedikt nicht gefallen.



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