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Papst-Euphorie bei der Jugend: Generation JP 2

Von Alexander Schwabe

Johannes Paul II. übt auf die Jugend eine ungeahnte Faszination aus. Sie verehrt ihn, hat jedoch Sex vor der Ehe und die Antibabypille in der Tasche. Nach seinem Tod begeistern sich selbst nicht-religiöse Jugendliche für das Idol.

Die junge Generation: Nachdenken über einen Verlust
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Die junge Generation: Nachdenken über einen Verlust

Krakau - Wenn man in Polen junge Leute fragt, was der Papst für sie bedeutet, kommt häufig die kurze Antwort: "Alles." Hakt man nach, kommt meist nicht viel mehr. Fragt man sie, warum sie zu den Totenmessen gehen und stundenlang den Rosenkranz oder den Kreuzweg beten, so bekommt man zu hören: "Weil wir ihn lieben." Was sie an ihm lieben, darüber sagen sie nicht viel.

Ihnen geht es wie vielen Polen. Sie glaubten ihm, ohne seine Lehre zu kennen. Sie verehrten ihn, ohne seine Moral zu befolgen. Sie applaudierten ihm, hatten jedoch Sex vor der Ehe und die Antibabypille in der Tasche. Sie waren fasziniert, ohne wirklich Gründe nennen zu können. "Wir beklatschten ein Bild, ohne seine Worte ernst zu nehmen", schrieb die junge polnische Autorin Dorota Maslowska, 22, ("Schneeweiß und Russenrot") in einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Doch nur wenige Tage nach dem Tod des Papstes zeigt sich ein anderes Bild. Zusätzlich beflügelt von seinem Wort vom Totenbett - "ich habe euch gesucht. Jetzt seid ihr zu mir gekommen. Und ich danke euch" - geht der neue Glaubensschub einher mit Reflexion: Die Jugend weiß genau, um wen und was sie trauert.

Krakau: Gesänge vor der bischöflichen Residenz
AFP

Krakau: Gesänge vor der bischöflichen Residenz

Kasia, Schülerin in einem Krakauer Gymnasium, sagt: "Keiner konnte wie der Heilige Vater mit uns reden: ehrlich, direkt, bis zum Ende jung im Geist." Und Pawel, ein Schüler aus Oswiecim (Auschwitz): "Man muss nicht katholisch sein, um die Taten des Papstes schätzen zu können. Er lehrte uns, wie man den Anderen respektiert, unabhängig davon, welchen Glaubens oder welcher Rasse sie sind. Er zeigte uns, dass man Gott überall finden kann." Er selbst sei kein praktizierender Christ, sagt Pawel, er gehe nicht zur Kirche, die vergangenen Tage jedoch hätten ihn jedoch Gott näher gebracht. Eine Studentin gesteht, sie habe anlässlich des Todes Johannes Pauls II. zum ersten Mal in ihrem Leben das "Ave Maria" rezitiert. Auf einem Trauerzug durch die Straßen Krakaus lernte sie die frommen Gesänge.

Es begann im Chatroom "gadu-gadu"

In Warschau, Posen, Krakau, Lodz und Kattowitz fanden sich die Jugendlichen spontan zu Schweigemärschen zusammen. Allein in Krakau waren es 150.000 Menschen. Nicht die Amtskirche hatte den Zug organisiert. Die Initiative startete im Chatroom "gadu-gadu", was "schnacken" oder "schwätzen" bedeutet. Sie breitete sich durch Botschaften über SMS und E-Mails aus. Die Message lautete: "Montag, 19 Uhr, Platz der Invaliden, von dort gehen wir zum Wawel, um den Heiligen Vater zu verehren." Szymon Olesiuk von der Studentenorganisation UJ zeigte sich verblüfft: "Wir haben etwa 5000 Emails verschickt. Das Ergebnis hat uns überrascht. Zur verabredeten Zeit standen Tausende Jugendliche auf dem Platz."

"Generation JP 2": "Wir sind mit dir"
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"Generation JP 2": "Wir sind mit dir"

Es gibt viele Gründe für die Begeisterung. Man könnte sie damit erklären, dass die polnischen Jugendlichen den Papst für den größten Polen aller Zeiten halten, den einzigen Popstar, den das Land hervorgebracht hat. Es könnte auch Ausdruck einer tief empfundenen Dankbarkeit sein, weil sie ihm als dem strikten Antikommunisten ihre politische Freiheit zuschreiben. Man könnte es damit erklären, dass er im polnischen Nationalbewusstsein als junger, athletischer, attraktiver, willenstarker Mann präsent ist, der dazu noch warmherzig war. Und man könnte es damit erklären, dass er einer ganzen Nation zum Idol wurde, die nach den Worten von General Jaruzelski unter einem Minderwertigkeitskomplex leidet. Auf den Papst konnte man Machtphantasien projizieren, um das Selbstwertgefühl zu stärken.

Doch diese Erklärungen greifen zu kurz. Denn auch außerhalb Polens kam der Papst ausgerechnet bei der Jugend an - je älter und gebrechlicher er wurde, desto mehr. Nach Rom strömten in den vergangenen Tagen Tausende Jugendliche. In der Nacht des Todes legten sie auf dem Petersplatz einen Schriftzug aus Teelichtern: "Siamo con te" - "Wir sind mit dir", und sie skandierten: "Gio-van-ni Pao-lo".

Die Euphorie der Jugend hob Anfang der neunziger Jahre an. Etwa beim Weltjugendtag 1993 in Denver. Die Mehrheit der US-Medien sah das Scheitern der Veranstaltung voraus. Hier komme ein jenseits der Schmerzgrenze konservativer Greis aus Osteuropa, um ein paar hunderttausend Menschen zu belehren, wie sie zu leben hätten, Jugendliche, die bisher der Regel folgten: Wenn etwas angenehm ist, kann es nicht schlecht sein.

Generation X und Generation JP 2

Doch das Unerwartete geschah: Die Jugend hörte zu und applaudierte. Die Leute spürten, schreibt der 29-jährige polnische Journalist Szymon Holownia, dass hier kein Verkäufer einer Ideologie kam, sondern der authentische Zeuge einer echten Botschaft. Holownia sieht bereits die Zeit kommen, da Soziologen von der "Generation JP 2" sprechen werden - jenen Menschen, die mit Johannes Paul II. aufwuchsen.

Beten für den Papst: "Ein großes, seltsam schönes Erlebnis"
REUTERS

Beten für den Papst: "Ein großes, seltsam schönes Erlebnis"

Die "Generation X", von Autor Douglas Coupland definiert als die zwischen 1961 und 1981 Geborenen, wird abgelöst. Jene Generation mit einem fragilen Selbstwertgefühl, die nicht wusste, wo ihr Platz in der Welt ist. Maslowska schreibt in ihrem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" zwar, ihre Generation sei eine Generation ohne Ideale - doch die hat ihr der Papst geliefert. Sie kreidet ihren Mitmenschen an, Freiheit als Freiheit zu Genuss und Konsum zu begreifen - doch dagegen stand der Papst.

Der Papst hat die junge Generation beeindruckt und nun, da er tot ist, wird sie sich dessen bewusst. Obwohl sie sich selbst nicht als religiös versteht, und obwohl sie in ihrer Kindheit unter dem Katholizismus litt - "eine Fabrik von Schatten und von unglücklichen Menschen" - hat der Tod Johannes Paul II. laut Maslowska die "Proportionen" zurechtgerückt. Die Wirklichkeit kehre zurück, "also das, was wirklich ist, aber wegen seiner Sperrigkeit aus dem Alltag verstoßen war".

Diesen Alltag empfindet sie als "hirnlosen Kampf ums Fressen", als ein "großes, perfektes, geradezu gespenstisch jämmerliches Implantat". Obwohl sie sonst nie betet, sei sie in der Nacht des Todes Johannes Pauls II. niedergekniet. Und siehe da: "Ein großes, seltsam schönes Erlebnis, als wir dort ungeschickt und unbeholfen für die irrsinnige Welt beteten, für all die von Hunger und von Übersättigung erstickten, von Armut gemein gewordenen und von Wohlstand gemein gewordenen Menschen, und für ihn, der mühsam versuchte, die Kluft zwischen beiden zu überbrücken."

Der Tod Johannes Pauls II. hat der heutige Jugend außerdem den Sinn für das Historische geweckt. "Ich gehöre einer Generation an, die gleichsam nach der Geschichte geboren ist", schreibt Maslowska. Die Revolution der Solidarnosc, das Kriegsrecht, die Wahl des Erzbischofs von Krakau zum Papst und den Zusammenbruch des Kommunismus hat sie nicht bewusst erlebt. Nun, da Karol Wojtyla gegangen ist, habe die Geschichte für sie begonnen. Nun stehen die Jungen vor der Herausforderung, die Zukunft ohne "den guten Geist", ohne dieses "Gewölbe, das uns Zuflucht bot", zu meistern.

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