Papst-Vorlesung Islamische Staaten werfen Benedikt Verleumdungskampagne vor

Nach den Islam-Äußerungen von Papst Benedikt XVI. brodelt es in der muslimischen Welt: Pakistans Parlament protestiert, in der Türkei wächst der Widerstand gegen den Papst-Besuch im November und die Organisation der Islamischen Konferenz spricht von einer "Verleumdungskampagne".


Kairo/Vatikanstadt - Die Organisation der Islamischen Konferenz (OIC), der 57 Staaten mit islamischer Bevölkerung angehören, erklärte gestern bei einer Konferenz im saudi-arabischen Dschidda: "Die OIC hofft, dass diese Kampagne nicht der Prolog für eine neue Politik des Vatikans gegenüber dem Islam ist, besonders nach den vielen Jahrzehnten des Dialoges, der die Kleriker des Vatikans und die führenden Denker und Religionsgelehrten der Muslime einander näher gebracht hat." Die OIC sprach von einer "Verleumdungskampagne" des Papstes gegen den Propheten Mohammed.

Der Papst habe Mohammed in seiner Vorlesung in Regensburg als "böse und unmenschlich" dargestellt. Außerdem habe er behauptet, der Islam sei vor allem durch Blutvergießen und Gewalt verbreitet worden, "was mit der Natur Gottes nicht zu vereinbaren ist". Die stehe in krassem Widerspruch zum Ruf des Propheten Mohammed, der ein "Prophet der Gnade für die gesamte Menschheit" sei.

In der Erklärung hieß es weiter, die OIC hoffe, dass der Vatikan eine Stellungnahme abgeben werde, die "seine wahre Haltung und seine wahren Ansichten über den Islam und die Lehren des Islam reflektiert". Die OIC habe sich ihrerseits immer zurückgehalten und sich nie auf eine Polemik über die Kreuzzüge und Religionskriege der Kirche und die Verfolgung von Muslimen während der Inquisition eingelassen, betonten die Vertreter der Mitgliedstaaten.

Das pakistanische Parlament verurteilte heute in einer einstimmig verabschiedeten Resolution die Bemerkungen von Papst Benedikt XVI. zum Islam. Die Äußerungen seien abfällig dem Islam gegenüber, der Papst müsse sich für seine Äußerungen zum muslimischen Verständnis des heiligen Kriegesentschuldigen. Die vom radikalen Abgeordneten Fazal Karim eingebrachte Resolution wurde sowohl von Oppositions- als auch von Regierungsabgeordneten unterstützt.

Auch in Ägypten kam es zu Protestaufrufen. Die islamische Arbeitspartei warf dem Papst vor, er habe in seiner umstrittenen Rede über den Islam den Propheten Mohammed beleidigt. "Wacht auf, Muslime, der Papst beleidigt den Propheten und bezeichnet den Islam in seiner Ahnungslosigkeit als möglichen Feind", hieß es heute in einer in Kairo verbreiteten Erklärung der Partei. Die Arbeitspartei rief zu Protestkundgebungen gegen den Papst auf.

Unterdessen werden in der Türkei verstärkt Forderungen laut, die im November geplante Türkei-Reise des Papstes abzusagen. "Jemanden, der über unseren Propheten herzieht, wollen wir in der Türkei nicht sehen", sagte der Gewerkschaftsvorsitzende der Angestellten im türkischen Religionsamt, Ahmet Yildiz, der islamistischen Zeitung "Anadoluda Vakit". Auch der Vorsitzende der Gesundheitsgewerkschaft Saglik-Is, Mustafa Basoglu, wandte sich gegen den Papst-Besuch und sagte, mit einer solchen Haltung solle Benedikt XVI. nicht in die Türkei kommen. Politiker aus Regierung und Opposition in Ankara kritisierten den Papst ebenfalls heftig.

Eine Stellungnahme von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan zu dem Thema lag zunächst nicht vor. Einige Abgeordnete seiner Regierungspartei AKP meldeten sich aber mit Kritik zu Wort. Der Chef der konservativen Oppositionspartei DYP, Mehmet Agar, nannte die Äußerungen des Papstes "sehr gefährlich".

Zuvor hatte der Chef des staatlichen Religionsamtes in der Türkei, Ali Bardakoglu, eine Entschuldigung des Papstes gefordert. In der derzeitigen Situation sehe er nicht, welchen Nutzen der Papst-Besuch bringen sollte, so Bardakoglu. Der Türkei-Besuch des Papstes soll unter anderem der Wiederannäherung zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche dienen, dessen geistliches Oberhaupt in Istanbul seinen Sitz hat.

Papst Benedikt XVI. war am Dienstag während einer Rede an der Universität Regensburg auf das muslimische Verständnis des Heiligen Krieges eingegangen und hatte bei dieser Gelegenheit einen christlich-byzantinischen Kaiser aus dem 14. Jahrhundert mit den Worten zitiert: "Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten."

Der Vatikan hatte unterdessen versucht, die Äußerungen des Papstes klarzustellen. Er habe in keiner Weise "die Absicht gehabt, die Gefühle der muslimischen Gläubigen zu verletzten", sagte Vatikansprecher Federico Lombardi nach der Rückkehr des Papstes gestern in Rom. Der Papst habe mit seinen Äußerungen in Regensburg zugleich die Notwendigkeit eines Dialogs zwischen den Religionen betont.

hen/dpa/AP/Reuters/AFP



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