Papst zum Pädophilie-Skandal "Es bereitet tiefe Scham"

13.000 sexuell missbrauchte Kinder, Tausende Priester als Täter: Der Pädophilie-Skandal hat die Katholische Kirche in den USA in die Krise gestürzt. Nun hat sich Benedikt XVI. indirekt bei den Opfern entschuldigt. Doch den Betroffenen geht das nicht weit genug.

Aus Washington berichtet Alexander Schwabe


Washington - Papst Benedikt XVI. widerlegt seine Kritiker. Diese hatten ihm im Vorfeld seines USA-Besuchs vorgeworfen, er wolle sich um das heikelste Thema der Reise drücken: den Pädophilie-Skandal, der die US-Kirche über Jahre in eine schwere moralische und finanzielle Krise gestürzt hat. Denn Benedikt hatte sich gegen einen Besuch der Erzdiözese Boston entschieden.

Papst Benedikt XVI.: "Wir müssen alles tun, um diese Wunde zu heilen"
REUTERS

Papst Benedikt XVI.: "Wir müssen alles tun, um diese Wunde zu heilen"

Dort war vor sechs Jahren der Missbrauch von Kindern durch Geistliche bekannt geworden. Der "Boston Globe" deckte auf, dass der Priester John J. Geoghan sich über 35 Jahre an mehr als 130 Minderjährigen vergangen hat und dass diese Vergehen der Bistumsleitung bekannt waren. Dennoch durfte Geoghan Seelsorger bleiben.

Der Skandal weitete sich schnell aus und nahm ungeheure Ausmaße an: Zwischen den Jahren 1950 und 2002 sollen sich mehr als 5000 Priester landesweit an insgesamt 13.000 Kindern und Jugendlichen vergangen haben. Die Kirche musste zwischenzeitlich gut zwei Milliarden Dollar Entschädigung zahlen, fünf Diözesen meldeten Bankrott an.

Geweihte Personen, Würdenträger der Kirche - Kinderschänder! Mehr als ein Makel für den Klerus. Benedikt ist nun in die Offensive gegangen: Innerhalb von zwei Tagen hat er die Vergewaltigungen gleich zweimal angesprochen. Zunächst während des Fluges von Rom nach Washington: Bei einer Pressekonferenz an Bord sagte er, der Skandal sei eine tiefe Wunde für die Kirche, er empfinde tiefe Scham, pädophil Veranlagte könnten nicht Priester sein und müssten ihres Amtes enthoben werden. Den Opfern müsse geholfen werden: "Wir müssen alles Mögliche tun, um diese Wunde zu heilen."

Gestern Abend wiederholte der Pontifex seine Verurteilung der Verbrechen. Bei einem Treffen mit neun Kardinälen und 350 Bischöfen im National Shrine of the Immaculate Conception in Washington, der größten Kirche in den USA und eine der zehn größten in der Welt, sagte er: "Unter den Gegenmodellen zum Evangelium des Lebens, die in Amerika und anderswo gefunden werden, gehört eines, das tiefe Scham verursacht: der sexuelle Missbrauch Minderjähriger." Kleriker hätten mit diesem "schwerwiegenden unmoralischen Verhalten" ihre priesterlichen Pflichten verletzt. Laut Bischof Gregory Aymond aus der Diözese Austin in Texas kommt diese Aussage einer Entschuldigung gleich: "Wenn jemand sagt, ich schäme mich, so ist das eine Entschuldigung", sagte er SPIEGEL ONLINE.

Der gastgebende Kardinal Francis George hatte gleich in seiner Begrüßungsrede ein Schuldbekenntnis vor dem Papst abgelegt: "Unser Glaube war nicht rein, unsere Kirche unbiblisch, unsere Gefolgschaft unstet." Der sexuelle Missbrauch Minderjähriger durch "einige Priester" sei eine "grässliche Sünde", mit der Bischöfe "manchmal sehr schlecht umgegangen" seien.

Dem Opfer-Verband Snap (Survivors Network of those Abused by Priests) geht das nicht weit genug. Noch immer gehe die Kirche nicht adäquat mit dem Skandal um, heißt es auf einem Flugblatt, das Mitglieder unmittelbar nach der Rede des Papstes verteilten: Die Krise sei keineswegs vorüber, noch immer hintergingen "hunderte Bischöfe willentlich und wiederholt" Gemeindemitglieder, würden gegenüber Polizei schweigen und Kinder weiter Risiken aussetzen. Dazu Bischof Aymond gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Die Fälle von Pädophilie unter Priestern haben in den vergangenen Jahren sehr deutlich nachgelassen." Es gebe nur noch vereinzelt derartige Vergehen - die freilich offenzulegen seien.

Nicht zu bestreiten ist, dass bis 2002 Schweigegelder gezahlt wurden, um Fälle von Missbrauch geheim zu halten. Nach Schätzungen des US-Magazins "Time" flossen in den Jahren 1980 bis 2002 mehr als eine Milliarde Dollar an sexuell Missbrauchte, damit sie weiterhin schweigen.

Mittlerweile versucht der Vatikan dem Papst zufolge, das Problem in den Griff zu bekommen, indem er pädophile Priester ausschließt, den Opfern hilft und in der Priesterausbildung Prävention betreibt. Bereits Ende 2006 hatten die US-Bischöfe ein "Program of Priestly Formation" beschlossen - als Reaktion darauf, dass die Auswahl und Ausbildung der Priesteramtskandidaten in den vergangenen Jahrzehnten ihrer Meinung nach zu liberal war und zu dem Missstand beigetragen hat.

Der Misshandelten-Verband Snap fordert mehr: "Wie kann der Papst auf amerikanischem Boden stehen und frei heraus sagen, er kümmere sich um von Priestern vergewaltigte Kinder, solange Kardinal Bernard Law noch immer auf der Gehaltsliste Roms steht?", fragt die Snap-Vorsitzende Barbara Blaine. So sei der Papst nicht glaubhaft. Law war Erzbischof von Boston und musste 2002 auf Druck aus Rom hin zurücktreten. Danach bekleidete er als Erzbischof weiter hohe Ämter in der Kirche.

Auch Becky Ianni, die selbst Sex-Opfer eines Priesters wurde, geben die päpstlichen Bekenntnisse nichts. "Er spricht davon, Scham zu empfinden, doch das ist himmelschreiend weit entfernt von der Scham, mit der Opfer ihr ganzes Leben lang leben müssen", sagte die heute 50-Jährige der "New York Times". Ianni und eine Gruppe weiterer Opfer demonstrierten gegen die Kirche mit einem großen Plakat, auf dem mehr als 60 Kinder ihrer Gegend abgebildet waren, die von Priestern sexuell missbraucht worden waren. Rund ein Viertel der Fotos war schwarz umrandet - diese Missbrauchsopfer haben Selbstmord begangen.

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