Getöteter IS-Terrorist Abaaoud soll an vier vereitelten Anschlägen beteiligt gewesen sein

Abdelhamid Abaaoud war laut dem französischen Innenminister offenbar nicht nur der Drahtzieher der Anschläge von Paris. Der getötete Islamist war möglicherweise allein in diesem Jahr in vier weitere Terroraktionen verwickelt.

Ermittler in Thalys-Zug (im August): Abaaoud könnte verwickelt gewesen sein
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Ermittler in Thalys-Zug (im August): Abaaoud könnte verwickelt gewesen sein


Die französischen Sicherheitsbehörden messen dem getöteten Abdelhamid Abaaoud eine tragende Rolle beim islamistischen Terror der vergangenen Monate in Europa bei.

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Heft 48/2015
Wie die Demokratie den Terror abwehren kann

Innenminister Bernard Cazeneuve bekräftigte am Donnerstagnachmittag die bisherigen Mutmaßungen, wonach Abaaoud der Drahtzieher der Anschläge von Paris mit 129 Toten und rund 350 Verletzten gewesen sei. Darüber hinaus sei der 28-Jährige womöglich an vier weiteren Anschlagsversuchen in diesem Jahr beteiligt gewesen.

Abaaoud war dem Innenminister zufolge in den geplanten Anschlag auf zwei Kirchen im April verwickelt. Damals hatten die Behörden im Ort Villejuif bei Paris einen 24-Jährigen festgenommen und in seiner Wohnung und in seinem Auto ein "Arsenal aus mehreren Kriegswaffen" gefunden. Vor seiner Festnahme hatte der Mann mutmaßlich eine 32-jährige Frau ermordet.

Auch mit dem nur knapp verhinderten Anschlag im Thalys-Schnellzug im August brachte Minister Cazeneuve Abaaoud in Verbindung. Während der Innenminister die Beteiligung an den geplanten Anschlägen auf die Kirchen als Tatsache darstellte, sprach er im Fall des Thalys-Anschlags davon, Abaaoud könnte darin verwickelt gewesen sein. Damals hatte ein 26-jähriger Schwerbewaffneter in dem Zug während der Fahrt durch das belgisch-französische Grenzgebiet bereits einen Schuss abgegeben, bevor er von drei US-Bürgern überwältigt wurde.

Kein Hinweis auf Aufenthalt in Europa

Darüber hinaus könnte Abaaoud noch weitere Attacken geplant haben. Cazeneuve sprach davon, dass ein aus Syrien heimgekehrter Dschihadist, den die Behörden im August vernahmen, berichtete, Abaaoud habe ihn gefragt, ob er für einen Anschlag in einem europäischen Land zur Verfügung stehe.

Cazeneuve machte zudem offensichtliche Mängel in der europäischen Zusammenarbeit öffentlich. Die französische Regierung habe vor den Anschlägen in Paris keine Kenntnis darüber gehabt, dass sich Abaaoud in Europa aufgehalten habe. "Aus den europäischen Ländern, die er bei seiner Reise nach Frankreich passiert haben könnte, haben wir keinerlei Informationen erhalten", sagte der Innenminister. Erst an diesem Montag habe ein außereuropäischer Geheimdienst signalisiert, über einen Aufenthalt Abaaouds in Griechenland informiert gewesen zu sein.

Auch in Spanien soll Abaaoud aktiv gewesen sein: Innenminister Jorge Fernández Díaz sagte, er habe in sozialen Netzwerken versucht, spanische Frauen davon zu überzeugen, dem "Islamischen Staat" zu folgen und für die Miliz in den Kampf zu ziehen. Im Interview mit dem TV-Sender Antena 3 sagte er, das passe zu der Dschihadisten-Kampagne, das sogenannte Kalifat neu zu besiedeln.

Die spanischen Geheimdienste hätten jedoch keine Hinweise darauf gehabt, dass der IS Anschläge in Spanien geplant habe, sagte Diaz.

Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen hatte sich Abaaoud im Januar 2014 auch in Deutschland aufgehalten.

Abaaoud wurde bei einem stundenlangen Anti-Terror-Einsatz am Mittwoch im Pariser Vorort Saint-Denis getötet. Die Staatsanwaltschaft untersucht, ob er sich selbst in die Luft gesprengt hat.

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Attentate von Paris: Abdelhamid Abaaoud - der Mann hinter den Anschlägen

fdi/vek/Reuters/AFP/dpa

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wooka 19.11.2015
1. Wie wäre es mit lebendig fassen
Ich würde gerne mal einen dieser Terrorristen vor Gericht sehen. Dies würde halt voraussetzen, dass sie lebendig gefasst werden. Anscheinend geht das aber irgendwie nicht. Es würde den Ermittlern doch viel mehr nützen wenn sie so einen verhören könnten. Oder will man das gar nicht?
prisma-4d 19.11.2015
2. ...viel zu riskant...
Zitat von wookaIch würde gerne mal einen dieser Terrorristen vor Gericht sehen. Dies würde halt voraussetzen, dass sie lebendig gefasst werden. Anscheinend geht das aber irgendwie nicht. Es würde den Ermittlern doch viel mehr nützen wenn sie so einen verhören könnten. Oder will man das gar nicht?
...denn die Glaubensbrüder würden versuchen ihn freizupressen. Besser währe es die Leute festnehmen, für tot erklären und dann in Geheimgerichten zu verurteilen....oooops, das war aber jetzt totalitär... und gar nicht freiheitlich. Es ist leider für alle besser wenn sie tot sind. Die Terroristen sind dann im Paradies (glauben zumindest die Glaubensbrüder), die Zivilgesellschaft hat viel geringere Kosten und die Angehörigen haben einen Märtyrer mehr. Eine klassische win-win-win Situation…. Und das ist jetzt wirklich sarkastisch!
sfk15021958 19.11.2015
3. Offensichtlich klappt der Informationsaustausch ...
..zwischen den europäischen Geheimdiensten ähnlich gut wie zwischen den bundesrepublikanischen Verfassungsämtern - nämlich garnicht. Wir können froh sein, dass viele Diletanten darunter sind, sonst hätten wir hier nichts zu "lachen"!
docprof 19.11.2015
4. versagen und naiv-feiges gutmenschentum
bestes Beispiel für unsere satte, dekadente und feige Kultur, die Dinge nicht beim Namen zu nennen und keine Konsequenzen zu ziehen, die unbequem sind! der Mann hätte ausgewiesen, den Pass entzogen und Richtung Nahost auf nimmer Wiedersehen wegtransportiert werden müssen, bevor er bei uns verbrecherische Morde hätte begehen können und Leid und Elend gebracht hat. wir müssen endlich mal wach werden und die Dinge klar aussprechen, wie sie sind und daraus auch mal Konsequenzen ziehen. Raus mit dem Pack!
surfaxel 19.11.2015
5. So stellt sich das ein Unbedarfter vor ...
Zitat von wookaIch würde gerne mal einen dieser Terrorristen vor Gericht sehen. Dies würde halt voraussetzen, dass sie lebendig gefasst werden. Anscheinend geht das aber irgendwie nicht. Es würde den Ermittlern doch viel mehr nützen wenn sie so einen verhören könnten. Oder will man das gar nicht?
diese Menschen haben sich selbst aus der menschlichen Gesellschaft begeben, sind zu allem bereit; die Frau soll kurz bevor sie sich in die Luft gesprengt hat, um Hilfe gerufen haben, um weitere Opfer anzulocken. Jeder weitere Tote, jeder verletzte Polizist wäre zufiel, um sich dann vor Gericht krudes, religiöses Geschwafel anzuhören.
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