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Bericht zu Pariser Anschlägen: Attentäter spielte auf der Bühne des Bataclan Xylofon

Bataclan-Konzerthalle in Paris Zur Großansicht
AFP

Bataclan-Konzerthalle in Paris

Sie nutzten die Handys ihrer Opfer, verschlüsselten ihre Computer, bastelten ihre Bomben mit leicht erhältlichen Chemikalien. Neue Details belegen, wie präzise vorbereitet die Attentäter von Paris waren.

Der einzige überlebende Attentäter von Paris ist in Haft: Von einem Hochsicherheitsgefängnis bei Brügge aus will Salah Abdeslam nach Angaben seines Anwalts verhindern, dass er an Frankreich ausgeliefert wird. Belgiens Staatsanwaltschaft klagt den einzigen Hauptverdächtigen der Anschläge von Paris wegen der Beteiligung an terroristischen Morden an. Abdeslam war am Freitag nach einer monatelangen Fahndung bei einer Razzia in Brüssel festgenommen worden.

Unterdessen werden neue Details bekannt, wie raffiniert und zynisch Abdeslam und die anderen Mitglieder der islamistischen Terrorzelle während der Anschlagserie vom 13. November vorgingen. Der "New York Times" liegt ein 55 Seiten starker Bericht des französischen Innenministeriums vor. Die Erkenntnisse des Reports:

Eine neue Auswahl der Ziele:

Mit den Anschlägen von Paris hat sich offenbar der Fokus der Terrorplaner des IS bei Attentaten im Ausland verschoben. In den vergangenen Jahren hatten sie wie zuvor al-Qaida symbolische Ziele ins Visier genommen - zum Beispiel das Jüdische Museum in Brüssel oder andere Einrichtungen mit deutlichem Bezug zu Israel. Doch jetzt sei die Anweisung offenbar anders. "Mein Rat ist, damit aufzuhören, nach speziellen Zielen zu suchen", wird Boubaker al-Hakim, ein angebliches Mastermind der französischen Dschihadisten, zitiert. "Trefft jeden und alles", forderte er demnach in einem Interview.

In Paris fingen die Attentäter unter Anleitung von Abdelhamid Abaaoud, einem ihrer Drahtzieher, offenbar damit an, diese Aufforderung umzusetzen. Im vollbesetzten Bataclan schossen sie wahllos auf alles, was ihnen vor die Kalaschnikows kam. Sie zielten dabei auch auf Menschen, die sich zum Schutz auf den Boden des Saales gelegt hatten. Während des Gemetzels habe einer der Terroristen zwischen den Gewehrsalven auf der Bühne Xylofon gespielt - mit einem "sadistischen Lachen", wie mehrere Augenzeugen berichten. Später wird der Täter als Samy Amimour identifiziert, ein früherer Busfahrer.

Sprengstoffgürtel:

Zeugen schildern, wie sich kurz nach 21 Uhr in der Brasserie Comptoir Voltaire Salah Abdeslams Bruder Ibrahim in die Luft sprengte. Er war ihnen bereits durch seine Kleidung aufgefallen, die selbst für diesen kühlen Novemberabend ungewöhnlich war: Er trug über einem Mantel mit Pelzbesatz noch einen Anorak und eine Weste - offenbar um den Sprengstoff zu verbergen, den er an seinem Körper hatte. Als er das Café betrat, entschuldigte er sich bei den Gästen "mit einem Lächeln im Gesicht" - und sprengte sich dann in die Luft.

Sicherheitskräfte fanden später Elektrokabel an seinem Körper, die mit einer Neun-Volt-Batterie verbunden waren, Bestandteile der Bombe. Die Ermittler stellten fest, dass es sich bei den Sprengstoffrückständen um Triacetontriperoxid (TATP) handelte, ein hochexplosives Gemisch aus Schwefelsäure, Wasserstoffperoxid und dem Lösungsmittel Aceton. IS-Terroristen stellten solche Bomben bei ihren Anschlägen in Europa immer wieder her - denn die Komponenten sind leicht zu kaufen, weil sie zum Beispiel in Abflussreinigern, Nagellackentfernern und Haarbleichprodukten enthalten sind. Seit Ende 2013 würden Kämpfer der Terrormiliz für den Einsatz von TATP-Bomben trainiert, ist eine Erkenntnis der Ermittler.

Bei den Pariser Attentaten wurde der Sprengstoff an allen Tatorten verwendet: neben der Brasserie Comptoir Voltaire also auch am Stade de France und dem Klub Bataclan. Ein auf diese Art verkabelter Selbstmordattentäter am französischen Nationalstadion trug einen Trainingsanzug des FC Bayern - offenbar um unter den Fußballfans nicht aufzufallen.

Handys und Computer:

In der Nähe des Bataclan fanden die Ermittler in einem Mülleimer ein weißes Samsung-Handy mit einer belgischen SIM-Karte, die erst einen Tag vorher aktiviert worden war. Es wurde auch nur eine Nummer in Belgien damit angewählt - zu wem sie gehört, konnte noch immer nicht festgestellt werden. Auf anderen Mobiltelefonen wurden Fotos mit Grundrissen des Bataclan sowie Links zu Seiten für Konzerttickets zum Auftritt der Band Eagles of Death Metal entdeckt. Und immer wieder wurden in den Stunden und Minuten vor den Anschlägen von allen Tatorten aus Nummern in Belgien angewählt. Die Handys waren jeweils neu und wurden auch erstmals an dem Anschlagsabend von den Terroristen benutzt.

Im Bataclan benutzten die Täter zudem die Handys ihrer Geiseln und probierten, mit ihnen ins Internet zu kommen. Doch oft schafften es die Täter laut dem Bericht nicht, Daten zu empfangen. Die Attentäter hätten mit den Handys der Geiseln auch versucht, für Verhandlungen Kontakt zur Polizei aufzunehmen.

Eine 40-jährige Überlebende aus dem Bataclan berichtet zudem, einer der Terroristen habe ein Laptop dabei gehabt. Auf dem Display seien eine Reihe von sonderbaren Linien und Zeichen zu sehen gewesen - möglicherweise handelte es sich um eine Verschlüsselungssoftware, von der der IS nach den Anschlägen behauptete, sie verwendet zu haben.

Weiterer Komplize verhaftet

Spätestens in drei Monaten dürfte Salah Abdeslam von den Belgiern an die französische Justiz übergeben werden. Am Montag kamen die Ermittler wieder einen Schritt weiter: Sie identifizierten einen weiteren Komplizen der Pariser Terroristen. Es handelt sich um den 24-jährigen Najim Laachraoui, der bisher unter dem falschen Namen Soufiane Kayal bekannt gewesen sei. Zusammen mit dem am vergangenen Dienstag gefassten Algerier Mohamed Belkaid soll er am Abend der Anschläge telefonisch mit den Attentätern in Kontakt gestanden zu haben. Demnach besteht die "hohe Wahrscheinlichkeit", dass Belkaid die SMS empfing, in der die Attentäter vom Konzertsaal Bataclan schrieben, dass sie nun beginnen würden.

als/dpa/AFP

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Belgien: Die Jagd auf die mutmaßlichen Paris-Attentäter

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