Anschläge in Frankreich Die Welt blickt auf Paris

Präsident Hollande kündigt einen "gnadenlosen" Kampf gegen den IS an, die Ermittler verfolgen eine Spur nach Belgien - und eine Festnahme in Deutschland gibt Rätsel auf. Die wichtigsten Nachrichten zum Terror in Paris.


Der Staatsanwalt von Paris steckt in einem Dilemma, als er am Samstagabend vor die Presse tritt. Einerseits will François Molins das Bild zeichnen von einer reaktiven Polizei und einer wehrhaften Justiz: Wir haben die Lage im Griff, das soll die Botschaft sein. Dafür muss er Ermittlungserfolge präsentieren. Andererseits darf und will er nichts verraten, was eben jene Ermittlungen gefährdet.

So beschränkt sich der Karrierejurist, 62, auf eine Chronologie der Ereignisse, angereichert mit einigen Details zu den Tätern der Anschläge von Paris, die so noch nicht bekannt waren: In drei Teams hätten die Attentäter sich vor ihren Angriffen aufgeteilt, das sei sehr wahrscheinlich, so Molins. Sieben von ihnen starben demnach an den Tatorten in Paris, drei vor dem Stade de France, drei in der Konzerthalle Bataclan, einer in der Nähe. Alle hatten demnach identische Sprengvorrichtungen dabei.

Zu einem der Täter vom Bataclan gibt es laut Molins gesicherte Erkenntnisse: Der Pariser Staatsanwalt sagt, es handele sich um einen 29-jährigen Franzosen, der niemals im Gefängnis gesessen habe. Allerdings sei er zwischen 2004 und 2010 achtmal wegen verschiedener Delikte verurteilt worden.

Zu den Spuren, die nach Belgien führen, sagt Molins hingegen wenig: "Zu Einzelheiten kann ich wegen der derzeit erfolgenden Aktionen keine Angaben machen."

Mit dem Auftritt des Staatsanwalts neigt sich Tag eins nach den Anschlägen seinem Ende zu. Es war ein Tag, an dem es schwer war, den Überblick zu behalten über die wichtigsten Entwicklungen:

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Anschläge in Frankreich: Die Bilder aus Paris

Da waren die Festnahmen von Brüssel, über die Molins so wenig sagen wollte: Im Stadtteil Molenbeek gab es eine Razzia. Eine festgenommene Person soll am Freitagabend in der französischen Hauptstadt gewesen sein. Details nannte die Staatsanwaltschaft nicht. Die Pariser Behörden hätten in vier konkreten Fällen um Amtshilfe gebeten. Unter anderem sei es dabei um Informationen zu einem in Belgien angemeldeten Mietwagen gegangen, der in der Nähe der Pariser Konzerthalle Bataclan gefunden wurde.

Da waren die Festnahmen in anderen Teilen Europas, die möglicherweise in Zusammenhang stehen mit den Anschlägen von Paris: Britische Polizisten setzten nach eigenen Angaben einen Franzosen am Londoner Flughafen Gatwick fest, bei dem sie eine Schusswaffe gefunden hatten. Zuvor war das Nordterminal des Flughafens geräumt und stundenlang gesperrt worden.

Da war das Rätsel um eine Festnahme in Oberbayern, die zwar schon gut eine Woche zurückliegt, aber jetzt in neuem Licht erscheint. Polizisten hatten ein Auto gestoppt und einen Mann aus Montenegro überprüft, der mit Maschinenpistolen, Handgranaten und Sprengstoff unterwegs war - angeblich nach Paris. Ein Zusammenhang mit den Anschlägen wird geprüft.

Merkel in französischer Botschaft in Berlin: "Wir weinen mit Ihnen"
AP/dpa

Merkel in französischer Botschaft in Berlin: "Wir weinen mit Ihnen"

Da waren die politischen Reaktionen aus der ganzen Welt, mit denen Regierungschefs und Staatsoberhäupter ihr Mitgefühl ausdrückten, aber auch schärfere Sicherheitsvorkehrungen ankündigten. Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich erschüttert und sicherte Frankreich jedwede Unterstützung zu. "Wir weinen mit Ihnen. Wir werden gemeinsam mit Ihnen den Kampf gegen die führen, die Ihnen so Unfassbares angetan haben", sagte sie.

Die EU kündigte eine Verschärfung der gemeinsamen Terrorbekämpfung an. "Das ist ein Angriff auf uns alle", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Staats- und Regierungschefs und der EU-Institutionen. "Wir werden dieser Bedrohung mit allen Mitteln und schonungsloser Entschlossenheit entgegentreten."

Die Anschläge dürften auch den am Sonntag beginnenden Gipfel der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) im türkischen Antalya dominieren. Der türkische Präsident und Gastgeber Recep Tayyip Erdogan forderte die Teilnehmer auf, dem Kampf gegen den Terrorismus oberste Priorität einzuräumen. Die Anschläge von Paris machten deutlich, dass gehandelt werden müsse. "Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem Worte im Kampf gegen den Terrorismus nicht mehr ausreichen", sagte Erdogan.

Da waren die Reaktionen des politischen Frankreichs, vor allem die des Staatspräsidenten François Hollande, der nicht nur von "bisher nie dagewesenen Terrorangriffen" sprach und den Ausnahmezustand für ganz Frankreich verhängte, sondern sich gewissermaßen auch zum Kriegspräsidenten ausrief.

Er sagte den Extremisten des "Islamischen Staates" (IS), der sich zu den Anschlägen bekannte, einen "gnadenlosen" Kampf im In- und Ausland an: "Konfrontiert mit Krieg muss die Nation angemessene Maßnahmen ergreifen."

Ministerpräsident Manuel Valls sagte, Frankreich werde den IS weiter in Syrien aus der Luft angreifen.

Trauernde an der Place de la République: Betroffenes Schweigen
AFP

Trauernde an der Place de la République: Betroffenes Schweigen

Und da ist die Trauer über mindestens 129 Menschen, die ihr Leben verloren; die Sorge um 352 Verletzte in den Krankenhäusern, von denen 99 noch in Lebensgefahr schwebten. In Paris gedachten Bürger an der Place de la République der Opfer: in betroffenem Schweigen rund um Kerzen, Kränze und Blumen.

Video: Stille Trauer in Paris

Stefan Simons/otr/dpa/Reuters/AFP/AP



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 92 Beiträge
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Seite 1
neptun680 15.11.2015
1. Tragisch und Menschlich
Bisher haben wir den Krieg, abgespalten von unserem Leben, in andere Länder getragen, ihn mit Waffenlieferungen unterstützt und ihn auch dort ausgelebt. Nun kommt er zu uns zurück - wird für alle bewusst und sichtbar - ein Teil von uns, so wie es der Realität des Menschen überall auf der Welt entspricht.
Sal.Paradies 15.11.2015
2. Kein sicheres Europa mehr
Hr.Holland sollte wissen, dass es "Sicherheit" in der EU nicht geben kann. Er verspricht Dinge, die nachweislich falsch sind und belügt damit alle Menschen. Einerseits möchten viele Politiker und Sicherheitsbehörden die totale Daten/Bürgerüberwachung, andererseits lassen es aber genau diese Leute zu, dass seit vielen Wochen jeden Tag "TAUSENDE" Menschen völlig unregistriert in die EU einreisen können. Die können, nachdem sie hier sind, einfach ein Tax mieten und irgend wo untertauchen. Hier werden die Dinge auf den Kopf gestellt. Bürger, die dem Staat seit "Jahrezehnten" komplett bekannt sind, werden massiv überwacht, während andere aus dem kulturellen Umkreis des IS sich völlig frei bewegen und untertauchen können. Und "nein", natürlich ist nicht jeder Flüchtling ein IS-Kämpfer, es geht mir nur darum aufzuzeigen, dass die, die uns eigentlich führen und schützen sollen, das reine Chaos zulassen und den Bürgern gleichzeitig anlügen und in eine falsche Sicherheit wiegen. Bleibt zu hoffen, dass die Politiker jetzt trotzdem besonnen bleiben und nicht glauben, mit einem "Krieg" den IS zerstören zu können. Das dies nicht möglich ist, haben die letzten Jahre sehr deutlich aufgezeigt. Die EU jagt den IS und kungelt gleichzeitig mit gerade den Leuten im arabischen Raum, die genau jenen IS überhaupt erst möglich machen..schützen und fördern. Aber danach fragt niemand in den Medien.....
dd1962 15.11.2015
3. Holland hat Recht
Seit Jahren sieht die Welt zu, wie sich der IS ausbreitet. Er ist ein maßgeblicher Auslöser der Massenflucht von Menschen, die Europa an seine Grenzen bringt. Er hat wahrscheinlich ein russisches Flugzeug gesprengt und nun Paris. Ja es ist sicher keine leichte Forderung. Ich bin der Meinung, es gibt viele gute Gründe diesem Spuk ein Ende zu bereiten. Allerdings muß es dazu gelingen, eine Koalition bestehend aus Europa, Russland und den USA zu schmieden. In diesem Fall haben alle ein gemeinsames Interesse. Und ja auch die Bundeswehr sollte sich daran aktiv beteiligen. Eine andere Lösung gibt es nicht im Umgang mit dem IS.
kuac 15.11.2015
4. Klartext...
Der Kampf gegen den IS kann nur mit Bodentruppen gewonnen werden. Dazu sind nur Assad, Kurden und Iran bereit. Wir sind gegen Assad, Turkei gegen Kurden und alle sind gegen Iran. Was nun? Die Wahabitische Saudis haben den Islamistischen Fundamentalismus und den IS weltweit gross gemacht und jetzt nicht bereit mit Bodentruppen gegen den IS vorzugehen. Stattdessen bombardieren sie Jemen und bezahlen Söldner dort zu kämpfen. In DE wollen sie 200 Moscheen fur die Fluchtlinge bauen, anstatt 200 Flüchtlingsheime. Noch heute werden weltweit in armen Ländern mit Saudischer Hilfe Koranschulen gebaut? Warum nicht ganz normale Schulen? Warum redet niemand Klartext mit diesem Regime?
ulli7 15.11.2015
5. Terrorismus - Entwicklung von fanatischen Islamisten
Bereits im August 2005 - also vor zehn Jahren - war diese Entwicklung bereits in SPIEGEL ONLINE zu lesen : "TERRORISMUS : Al-Qaida Agenda 2020" http://www.spiegel.de/politik/ausland/terrorismus-al-qaidas-agenda-2020-a-369328.html
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