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Paris: Chirac bangt um den besten Freund

Von Romain Leick, Paris

Jacques Chirac bewundert den Mut von Gerhard Schröder - und fürchtet zugleich dessen Entschlossenheit. Denn nach den für Herbst angekündigten Neuwahlen in Deutschland könnte Frankreichs Staatschef sein wichtigster Partner abhanden kommen. Für den Gaullisten ist das Trio Merkel, Stoiber, Westerwelle kein Ersatz.

Schröder, Chirac: Ende der Schicksalsgemeinschaft?
AP

Schröder, Chirac: Ende der Schicksalsgemeinschaft?

Paris - Präsident Jacques Chirac ist ein Politiker, der in seiner langen Karriere immer gern aufs Ganze gegangen ist. Er liebt Husarenritte, Überraschungscoups, riskante Entscheidungen, die Freund und Feind verblüffen. Oft genug ist er deswegen auf die Nase gefallen - und stand am Ende doch wieder unversehrt auf, ein Glückskind des Schicksals.

Deshalb dürfte der französische Staatschef heute auch den Schneid bewundern, mit dem sein Freund und Kumpel Gerhard Schröder nach dem Wahldebakel von Nordrhein-Westfalen Vabanque spielt und vorgezogene Neuwahlen anstrebt. Offensive statt Defensive, das ist auch immer Chiracs Maxime gewesen. Aber zugleich schaut der Präsident mit einiger Beklemmung nach Berlin. Denn aller Wahrscheinlichkeit nach kann Schröder im Herbst nicht das Glück lächeln, das Chirac so lange hold gewesen ist. Wird der Kanzler abgewählt, hat der Franzose seinen besten Verbündeten in Europa verloren, mit dem er sich während der Irak-Krise vor zwei Jahren zu einer "Schicksalsgemeinschaft" zusammenschloss.

Um Chirac könnte es dann einsam in der EU werden. Ihm bliebe nur noch die Eintracht mit dem spanischen Ministerpräsidenten José Luis Zapatero, den er menschlich und politisch schätzt. Aber das ist kein Ersatz für den deutsch-französischen Motor, der nach einem Abgang von Schröder, so Chiracs Befürchtung, unweigerlich ins Stottern geriete. Das ist das Paradoxe am französischen Präsidenten: Am liebsten umgibt sich Chirac, ein gaullistischer Veteran und seit 30 Jahren die Schlüsselfigur der bürgerlichen Rechten in Frankreich, mit sozialistischen oder sozialdemokratischen Freunden. Wie ein Champion der Linken kämpft er für die Bewahrung des europäischen Sozialmodells, verwirft den ungebremsten Wirtschaftsliberalismus und beklagt die Auswüchse der Globalisierung.

Wenn man ihm zuhöre, könne man sich fragen, ob er wirklich ein Führer der rechten Mitte sei, staunte Schröder, der im Präsidenten immer einen Bruder im Geiste sah. Den deutschen Kanzler, dessen "Mut und Entschlossenheit" bei der Reform des Sozialstaats Chirac preist, überholt der französische Präsident sogar mühelos links.

Für Chirac, der seine gesamte Europapolitik auf die "unerschütterliche Freundschaft" mit Schröder stützt, wäre der Verlust des Freundes ein schwerer Rückschlag, fast ein persönlicher Trauerfall. Denn nur in der Gemeinsamkeit mit Deutschland, glaubt der Präsident, lasse sich das europäische Sozialstaatsmodell gegen den Sturmwind der beschleunigten Globalisierung in der erweiterten EU erhalten. Die deutschen Oppositionsführer Angela Merkel, Edmund Stoiber und Guido Westerwelle wären in Chiracs Augen keine verlässlichen Helfer. Er kennt sie nicht sehr gut und schätzt sie noch weniger - zu proamerikanisch, zu europaskeptisch, zu liberal. Mit solchen Partnern, glaubt der Präsident, könne er seine Vision von der Europäischen Union als eigenständiger, Amerika ebenbürtiger Großmacht nicht voranbringen.

Als Schröder 2002 die Wiederwahl schaffte, zeigte der Präsident unverhohlene Erleichterung. Gemeinsam konnten die beiden gegen US-Präsident George W. Bushs Irak-Krieg Front machen und dabei große Teile der europäischen Öffentlichkeit für sich einnehmen. Chirac hat nicht vergessen, dass CDU/CSU und FDP dabei nicht mitmachen wollten und offenes Misstrauen gegen seinen außenpolitischen Kurs bekundeten. Zu seiner Verärgerung kursierte in Unionskreisen während der Feier zum 40. Jahrestag des Elysée-Vertrags im Schloss von Versailles das Wort, Chirac sei der Koch, Schröder der Kellner. Ohne Deutschland kann Frankreich seinen Führungsanspruch in der EU nicht wahrnehmen. Zerbricht das deutsch-französische Paar, bekäme Großbritannien die Schlüssel Europas ausgehändigt.

Frau Merkel als ungetreue Braut? Dass Deutschland und Frankreich die beiden Patienten Europas geworden sind, hat Chirac und Schröder zweifellos stärker zusammengeschmiedet. Chiracs Mitgefühl mit dem bedrängten Freund ist umso größer, als der französische Präsident am kommenden Sonntag ebenfalls eine empfindliche Wahlschlappe erleiden könnte - wenn die Franzosen beim Referendum die europäische Verfassung ablehnen und Chirac damit als europäischen Führer und Staatsmann von Weltformat desavouieren.

Nur wird Chirac, anders als Schröder, daraus keine Konsequenzen ziehen, sondern bis zur nächsten Präsidentschaftswahl 2007 weitermachen. Immerhin, mit einem Handkuss, wie es seine galante Art ist, wird der Franzose Angela Merkel wohl beehren - mit spitzen Lippen und ohne Begeisterung.

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