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Abdelhamid Abaaoud: Der mobile Dschihadist

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DPA/ Islamistische Propaganda-Website

Der Drahtzieher der Terrorserie von Paris hat in den vergangenen Jahren mehrfach Spuren hinterlassen. Unter anderem in Deutschland, Belgien und Griechenland. Doch die Behörden konnten Abdelhamid Abaaoud nicht stoppen.

Die französischen Behörden waren auch nach den Anschlägen von Paris noch tagelang ahnungslos. Erst am Montag erfuhren sie, dass der Drahtzieher der Attentate nicht wie zuvor stets vermutet in Syrien abgetaucht war. "Ein außereuropäischer Geheimdienst" habe die Franzosen darüber informiert, dass Abdelhamid Abaaoud zu einem nicht näher genannten Zeitpunkt in Griechenland geortet wurde, sagte Innenminister Bernard Cazeneuve am Donnerstag in Paris.

Er bemängelte die Kooperation der Sicherheitsapparate innerhalb Europas. Frankreich habe vor den Anschlägen "keinerlei Information" von den Behörden anderer EU-Staaten über eine mögliche Durchreise des Mannes - und damit seiner Rückkehr nach Europa - erhalten, beklagte Cazeneuve. Tatsächlich konnte sich Abaaoud in den vergangenen Jahren relativ frei bewegen, obwohl die Behörden um die Gefahr wussten, die vom ihm ausging.

So hat beispielsweise Homeland Security, das US-Ministerium für Heimatschutz, bereits im Mai vor Abaaoud gewarnt. In einem achtseitigen Bericht werden die Folgen aus einem im Januar im belgischen Verviers vereitelten Anschlag analysiert. Überschrift: "Künftige IS-Operationen im Westen könnten dem unterbundenen belgischen Plot ähneln."

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE war Abaaoud wohl auch wiederholt in Deutschland. Die Bundespolizei kontrollierte ihn am 20. Januar 2014 am Flughafen Köln/Bonn, als er von dort nach Istanbul fliegen wollte. Den Beamten erzählte der Mann, er wolle Freunde und Verwandte in der Türkei besuchen und anschließend wieder nach Köln zurückkehren. Doch eine Wiedereinreise stellte die Bundespolizei nicht fest.

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Attentate von Paris: Abdelhamid Abaaoud - der Mann hinter den Anschlägen
Dschihadisten meiden Direktflüge in die Türkei

Die Belgier hatten Abaaoud damals im sogenannten Schengener Informationssystem (SIS) zur Kontrolle ausgeschrieben. Sie erbaten also Mitteilung darüber, wohin sich der Islamist bewegte. Abaaoud sollte aber weder gefasst noch aufgehalten werden. Ein Haftbefehl gegen ihn lag zu diesem Zeitpunkt offenbar nicht vor. "Es gab keinen Hinweis an die Bundespolizei, dass wir die Reise untersagen oder ihn festnehmen sollten", sagte ein Sprecher der Behörde am Donnerstag. Weil er belgischer Staatsbürger gewesen sei, habe auch für Abaaoud die Freizügigkeit im europäischen Reiseverkehr gegolten, so der Beamte.

Der Freizügigkeit im Schengenraum versuchen die Sicherheitsbehörden im Falle von Islamisten mit dem Instrument der sogenannten nachrichtendienstlichen Beobachtung beizukommen. Auf diese Weise wollen sie nachvollziehen, wo und wann ein Extremist kontrolliert worden ist - wo er sich also aufhielt. Das soll dazu dienen, die hochmobile Szene einigermaßen im Blick zu behalten. Doch natürlich sind die Informationen über Kontrollen, die sich Behörden gegenseitig schicken, nur eine Hilfskonstruktion, die sich leicht unterlaufen lässt. Zumal sich das Reiseverhalten der Dschihadisten geändert hat.

Seit einiger Zeit schon fliegen viele belgische, niederländische und französische Islamisten, die in den bewaffneten Kampf nach Syrien oder in den Irak ziehen wollen, nicht mehr direkt aus ihrer Heimat in die Türkei. Stattdessen reisen sie erst nach Deutschland und steigen dort in ein Flugzeug, wie der Terrorexperte Peter R. Neumann in seinem Buch "Die neuen Dschihadisten" schreibt. Doch bei Flügen in die Türkei müssen immer noch Ausweise vorgezeigt werden.

Drehkreuz Griechenland

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE beobachten Staatsschützer daher, dass die Terror-Touristen inzwischen verstärkt nach Griechenland reisen, also in ein Land im Schengenraum. Das hat den Vorteil, dass weder bei der Aus- noch bei der Einreise Grenzschützer die Pässe der Dschihadisten kontrollieren. Von Griechenland geht es dann auf dem Landweg weiter in die Türkei - und von dort aus wiederum über die grüne Grenze nach Syrien oder in den Irak. Die von Cazeneuve zitierte Geheimdienstinformation über Abaaouds Aufenthalt in Griechenland legt den Schluss nahe, dass auch der Belgier eben diese Route nahm.

Die Ermittler gehen davon aus, dass der Dschihadist innerhalb der vergangenen zwölf Monate mindestens zwei Mal von Syrien nach Mitteleuropa gereist war. Er gilt als Anführer einer dreiköpfigen Dschihadisten-Zelle, die am 15. Januar 2015 im belgischen Verviers aufflog. Abaaoud soll damals gemeinsam mit zwei Komplizen von Syrien nach Belgien gereist sein, um Attentate durchzuführen.

Die Polizei in Verviers stürmte das Versteck der Zelle und tötete zwei Terroristen. Abaaoud befand sich zum Zeitpunkt der Razzia nicht in der Wohnung und konnte entkommen. Ihm gelang es, erneut nach Syrien zu flüchten, höchstwahrscheinlich über den Balkan. Nach seiner Rückkehr in das Bürgerkriegsland gab Abaaoud im Februar "Dabiq", dem englischsprachigen Propagandamagazin des IS, ein Interview.

Er sei damals mit zwei Komplizen nach Europa gereist, "um die Kreuzzügler zu terrorisieren, die Krieg gegen die Muslime führen", sagte Abaaoud. Nach dem gescheiterten Attentatsplan sei ihm die Rückkehr nach Syrien gelungen, obwohl ihm die Behörden in Griechenland auf der Spur waren. "All das beweist, dass ein Muslim die Geheimdienste der Kreuzzügler nicht fürchten sollte."

Im Juli dieses Jahres verurteilte ein Gericht in Brüssel Abaaoud in Abwesenheit zu 20 Jahren Haft. Die Richter bezeichneten den Mann in ihrem Urteil als wichtigsten Rekrutierer für den IS in Belgien.

Im Sommer tauchte Abaaouds Name bei Ermittlungen zu einem vereitelten Anschlag in Paris auf. Am 11. August nahm die französische Polizei Reda Hame fest. Er soll in einem IS-Camp in der Nähe von Rakka ausgebildet worden sein. Dort habe ihn Abaaoud beauftragt, nach Europa zurückzukehren und einen Konzertsaal oder ein anderes "einfaches Ziel" in Paris anzugreifen.

Nach Informationen von "Le Monde" habe Abaaoud Hame genau instruiert: Unter anderem habe er angeordnet, dass der Attentäter über Prag nach Frankreich reisen sollte. Doch dort nahmen die Sicherheitskräfte Hame rechtzeitig fest.

Warum war Abaaoud in Saint-Denis?

Laut Cazeneuve soll Abaaoud für weitere Anschlagsversuche in diesem Jahr verantwortlich sein. Im April nahmen die Sicherheitskräfte einen Mann fest, der ein Attentat auf zwei Kirchen in Villejuif bei Paris geplant haben soll. Den Auftrag soll Abaaoud von Syrien aus gegeben haben.

Möglicherweise sei der Belgier auch in den vereitelten Anschlag auf den Thalys-Zug zwischen Brüssel und Paris verwickelt, sagte Cazeneuve. Damals überwältigten drei Passagiere aus den USA den schwerbewaffneten Angreifer.

Frankreichs Behörden gehen bislang davon aus, dass Abaaoud diese Attentatsversuche von Syrien aus plante. Warum er nun für die Pariser Anschläge nach Europa zurückkehrte, gehört zu den Rätseln der Terrorserie.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Der deutsche Geheimdienst tat genau nichts
dunnhaupt 19.11.2015
Die Franzosen sind mit Recht wütend, dass der BND sie nie benachrichtigte, obwohl der Mann sich mehrmals in Deutschland aufhielt
2.
brooklyner 19.11.2015
Gesocks sagte man früher.
3. BND auflösen
logabjörk 19.11.2015
der macht nur Mist. Viel Geld einzusparen. Neubau in Berlin für Flüchtlinge.
4. Es sollte heißen:
emeticart 19.11.2015
"Doch die Behörden, WOLLTEN Abdelhamid Abaaoud nicht stoppen!" MfG
5. Dar al-Islam
rudlith 19.11.2015
Er war also auch in Deutschland. Da wird er sich umgeschaut haben und festgestellt haben: hier gibt es nichts zu bemängeln: viele Moscheen, Halal Essen schon im Kindergarten, Demonstanten dürfen unbestraft "Juden ins Gas rufen", ganze Stadtteile bereits in islamischer Hand, deutsche Regierung kniet demütig vor dem Islam, Grenzen nicht mehr vorhanden, für asylsuchende Brüder und Schwestern im Geiste gibt es freien Eintritt und begeisterte Inschallah - Rufe. Hier wäre es nicht im Sinne des Propheten, Bomben zu legen. Hier ist bereits Dār al-Islām.
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