Anti-Terror-Einsatz bei Paris Die Polizisten schrien "Fenster zu, Fenster zu!"

Eine Frau sprengte sich in die Luft, ein Mann starb im Kugelhagel - nach offiziellen Angaben sind bei einem Polizeieinsatz in Saint-Denis in Paris zwei Verdächtige ums Leben gekommen, sieben Menschen wurden verhaftet. Die Anwohner verbrachten Stunden in Angst.


Das Zentrum von Saint-Denis gleicht an diesem Vormittag einem Kriegsschauplatz: überall Soldaten, schwer bewaffnete Polizisten, immer wieder Schüsse und Explosionen. Sicherheitskräfte schreien einen Anwohner an, der aus seiner Wohnung schaut: "Fenster zu, Fenster zu!" Gegen Mittag, da dauert der Anti-Terror-Einsatz bereits mehrere Stunden, wird ein Mann aus dem belagerten Wohnung abgeführt. Er ist kaum bekleidet, sein T-Shirt: blutverschmiert.

Kurz darauf erklärt die französische Regierung die Aktion für beendet. Laut Staatsanwaltschaft sind zwei mutmaßliche Terroristen getötet worden, sieben Menschen hätten die Sicherheitskräfte festgenommen - wenige Tage nach den Anschlägen von Paris mit 129 Toten.

Eine Frau habe sich in einem von den Polizisten belagerten Wohnhaus in Saint-Denis in die Luft gesprengt. Ein weiterer Mann sei von Schüssen und Granaten tödlich verletzt worden. Nach offiziellen Angaben wurden fünf Polizisten leicht verletzt.

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Die Identität der mutmaßlichen Terroristen sei aber noch nicht geklärt, sagt Staatsanwalt François Molins. Unter den Festgenommenen befindet sich auch ein Mann, der die Wohnung zur Verfügung gestellt hatte, sowie eine Bekannte von ihm. "Ein Freund bat mich, die Leute für ein paar Tage unterzubringen", hatte der Mann noch dem französischen Nachrichtenkanal BFMTV gesagt. Er habe nicht gewusst, dass sie Terroristen sein sollten. Die Gäste hätten nur beten wollen. Dann wurde der Wohnungsbesitzer festgenommen.

Der Einsatz in Saint-Denis hatte bereits am frühen Morgen, gegen 4.30 Uhr, begonnen. In der Stadt befindet sich auch die Fußballarena Stade de France, die eines der Ziele der Anschläge vom Freitag mit Todesopfern in und bei Paris war.

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Am Mittag brachen Beamte zudem die Tür einer nahe gelegenen Kirche auf. Die genauen Hintergründe sind bislang nicht bekannt (Verfolgen Sie die aktuellen Entwicklungen hier im Liveblog).

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hatte es vor der Aktion Hinweise gegeben, dass der mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge von Paris, Abdelhamid Abaaoud sich in der Wohnung aufhalten könnte. Der 28-Jährige ist der meistgesuchte Islamist Belgiens. Er hat marokkanische Wurzeln und lebte früher in der Brüsseler Islamistenhochburg Molenbeek, zuletzt soll er sich in Syrien aufgehalten und für die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) gekämpft haben. Zum Verbleib Abaaouds machten die Behörden keine Angaben.

Die Anwohner rund um das umstellte Gebiet waren von der Polizei aufgefordert worden, sich auf den Boden zu legen und in ihren Wohnungen zu bleiben. Das Viertel mitten in der Stadt bei der Rue Gabriel Péri war komplett abgesperrt. Geschäfte und Schulen blieben geschlossen.

Frankreichs Präsident François Hollande sagte, es gebe eine Verbindung zwischen den festgenommenen mutmaßlichen Terroristen und den Anschlägen von Paris. Frankreich befinde sich "im Krieg". Hollande forderte eine "große Koalition" im Kampf gegen den IS.

Die französische Polizei sucht mit Hochdruck nach Verdächtigen, die an den Attentaten vom vergangenen Freitag beteiligt waren: In Belgien wird nach dem 26-jährigen Salah Abdeslam gefahndet. Am Dienstagabend tauchte ein Video auf, das auf einen möglichen weiteren flüchtigen Attentäter hindeutet.

Mutmaßliche Attentäter (von links nach rechts): Samy Amimour, Ahmad Almohammad, Abdelhamid Abaaoud, Salah Abdeslam (noch flüchtig), Bilal Hafdi
AFP

Mutmaßliche Attentäter (von links nach rechts): Samy Amimour, Ahmad Almohammad, Abdelhamid Abaaoud, Salah Abdeslam (noch flüchtig), Bilal Hafdi

kev/AFP/dpa

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