Reaktion auf Terror von Paris Viele Länder verschärfen Sicherheitskontrollen 

Europa reagiert auf den Terror: Viele Staaten verstärken ihre Grenzkontrollen, Polizisten und Soldaten sind im Sondereinsatz. Deutsche und polnische Politiker fordern nach den Anschlägen, mehr gegen den Zuzug von Flüchtlingen zu tun.

Grenzposten in Frankreich an der Grenze zur Schweiz: Schärfere Kontrollen
AP/dpa

Grenzposten in Frankreich an der Grenze zur Schweiz: Schärfere Kontrollen


Die Terrorserie in Paris schürt auch in Deutschland die Sorge vor Angriffen. Bundesinnenminister Thomas de Maizière traf am Samstag in Berlin mit den Chefs der Sicherheitsbehörden zusammen. Am Mittag beriet das Sicherheitskabinett im Kanzleramt. Laut Kanzlerin Angela Merkel ging es darum, die Lage in Frankreich und alle damit verbunden Fragen zu erörtern. Eine Sprecherin des Innenministeriums sagte, die Gefährdungslage in Deutschland sei hoch. Deutschland stehe unverändert im Fadenkreuz des internationalen Terrorismus.

Weiter betonte die Sprecherin, die Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern analysierten kontinuierlich die Lage in Deutschland und stünden im engen Austausch mit den französischen Behörden. Deutschland bot Frankreich laut Merkel jedwede Unterstützung im Sicherheitssektor an. Vizekanzler Sigmar Gabriel betonte, Deutschland werde entschlossen und mit Augenmaß reagieren.

Die Unionsministerpräsidenten Horst Seehofer und Stanislaw Tillich fordern anlässlich der Anschläge einen stärkeren Schutz der deutschen Grenzen und konsequente Kontrolle der Flüchtlinge. Angesichts der starken Zuwanderung "müssen wir wissen, wer durch unser Land fährt", sagte Bayerns Regierungschef Horst Seehofer beim Parteitag der sächsischen CDU in Neukieritzsch. "Das ist das Gebot der Stunde", sagte der CSU-Chef und verwies auf eine Festnahme in Bayern, die möglicherweise in Zusammenhang mit den Anschlägen in Paris steht. Den Bau eines Zauns an der deutsch-österreichischen Grenze lehnte er aber ab.

"Eine unkontrollierte Einreise darf es nicht mehr geben - gerade im Lichte der gestrigen Ereignisse", forderte auch Sachsens Ministerpräsident Tillich (CDU). Die Anschläge zeigten, dass die bisherigen Sicherheitsmaßnahmen nicht ausreichten. Er forderte schnellere Abschiebungen und begrüßte die Bindung von sozialen Leistungen an die Registrierung der Flüchtlinge.

Weltweit wurden die Sicherheitsvorkehrungen verschärft - so etwa in zahlreichen US-Städten, in Russland, Finnland, Belgien und Italien sowie in Großbritannien.

Der Überblick:

Frankreich verstärkt nach den Pariser Anschlägen den Schutz seiner Einrichtungen im In- und Ausland. Präsident François Hollande verhängte erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs den nationalen Notstand und beorderte große Kontingente der Armee zu Sicherungsaufgaben ein. An den Landesgrenzen wurden Kontrollen eingeführt. "Konfrontiert mit Krieg, muss die Nation angemessene Maßnahmen ergreifen", kündigte Hollande an. Touristenziele wie der Eiffelturm, der Louvre und andere Sehenswürdigkeiten wurden bis auf Weiteres geschlossen.

Einsatzkräfte am Eiffelturm: Frankreich schließt Pariser Sehenswürdigkeiten
DPA

Einsatzkräfte am Eiffelturm: Frankreich schließt Pariser Sehenswürdigkeiten

Im französischen Ausland wurden Maßnahmen zum Schutz von Botschaften, Konsulaten, Auslandsschulen und kulturellen Einrichtungen eingeleitet, sagte Außenminister Laurent Fabius in Wien am Rande der Syrien-Konferenz. In Berlin wurden als sichtbares Zeichen eines erhöhten Schutzes Absperrgitter vor der französischen Botschaft aufgestellt.

Russland verschärft seine Sicherheitsvorkehrungen. Transportminister Maxim Sokolow kündigt Maßnahmen zur Sicherung der Verkehrswege an. Zudem wird erwogen, Flüge von Moskau nach Paris auszusetzen.

Die USA haben dem Heimatschutzministerium zufolge keine Hinweise auf Pläne für ähnliche Anschläge in den Vereinigten Staaten. Die US-Sicherheitsbehörden beobachteten die Situation aber genau, sagt Minister Jeh Johnson. Zudem stehe man in Kontakt mit den Partnern in Europa.

In England ist der Nordterminal des Londoner Flughafens Gatwick evakuiert worden. Es handele sich um eine Vorsichtsmaßnahme, erklärt der Flughafenbetreiber auf der Nachrichtenplattform Twitter.

In Polen wird sich die neue Regierung wegen der Anschläge von Paris nicht mehr an der Verteilung von Flüchtlingen nach EU-Quoten beteiligen. Sein Land könne die eingegangenen Verpflichtungen nicht einhalten, schreibt der designierte Europaminister Konrad Szymanski in einem rechtsgerichteten Internet-Nachrichtenportal. "Angesichts der tragischen Taten in Paris, haben wir nicht die politischen Möglichkeiten diese umzusetzen." Szymanski tritt mit der neuen nationalkonservativen Regierung am Montag sein Amt an.

Auch Italien hat nach den Terroranschlägen von Paris seine Grenzkontrollen und Sicherheitsvorkehrungen im gesamten Land verschärft. Das Risiko weiterer tödlicher Anschläge dürfe nicht unterschätzt werden, erklärte Ministerpräsident Matteo Renzi in einer Fernsehansprache. "Wir haben zwei grundlegende Entscheidungen getroffen: eine Verstärkung der Kontrollen im Land und der Kontrollen an den Grenzen", sagte Innenminister Angelino Alfano nach einem Treffen des Sicherheitsrats in Rom. Insbesondere die Kontrollen an der Grenze zu Frankreich seien verschärft worden, erklärte er. Die Alarmstufe innerhalb des ganzen Landes wurde zudem auf das zweithöchste Level angehoben, das auch den schnellen Einsatz von Sondereinsatzkräften des Militärs erlaubt. "Wir haben zudem ab sofort 700 Soldaten für Rom zur Verfügung gestellt", sagte Alfano. Die Hauptstadt gilt wegen des Vatikans und des am 8. Dezember beginnenden Heiligen Jahres mit Millionen Pilgern als besonders gefährdet.

Belgien kontrolliert an der Grenze zu Frankreich den Straßen-, Bahn- und Flugverkehr. Ministerpräsident Charles Michel hat Samstag zudem eine Sondersitzung des Kabinetts einberufen, teilte sein Sprecher mit. Das Land hat seine Staatsbürger aufgefordert, alle nicht notwendigen Paris-Reisen vorerst abzusagen. Zudem kündigte Michel über Twitter schärfere Kontrollen bei öffentlichen Veranstaltungen an. Die Belgier sollten sich aber dennoch nicht von Angst vereinnahmen lassen, schrieb er am Samstag.

Die Niederlande haben die Sicherheit an den Grenzen erhöht. Das teilte Premier Mark Rutte mit und fügte hinzu, die Niederlande befänden sich "im Krieg" mit dem 'Islamischen Staat', der die Verantwortung für die Anschläge übernommen hat. Die Regierung des Landes werde "sichtbare und nicht sichtbare" Maßnahmen ergreifen, um die Sicherheit zu stärken, sagte er. Der Verkehr aus und nach Frankreich werde stark überwacht, auch jener an Flughäfen und Bahnhöfen.

Die Regierung von Spanien hat nach den Anschlägen von Paris eine Verstärkung der Sicherheitsmaßnahmen beschlossen, den Terroralarm aber vorerst weiter auf der zweithöchsten Stufe belassen. Die Sicherheit solle "in einigen Bereichen" erhöht werden, sagte Innenminister Jorge Fernández Díaz nach einer Dringlichkeitssitzung des Nationalen Sicherheitsrats in Madrid. Unter Hinweis auf die nötige Vorsicht wollte er vor Journalisten aber keine Details der geplanten und schon durchgeführten Maßnahmen verraten. Unbekannte hatten in Spanien in der Nacht zum Samstag einen Brandanschlag auf eine Moschee verübt. Vor dem Hintergrund der Terroranschläge von Paris sei nicht völlig ausgeschlossen, dass es sich um einen Racheakt handelte, sagte José Luis Quintana, der Bürgermeister der 40.000-Einwohner-Stadt Don Benito. Die Flammen hätten schnell gelöscht werden können. Ein Eingangstor der Moschee wurde beschädigt, Verletzte gab es den Angaben zufolge nicht.

Auch die Länder in Skandinavien haben nach den Terroranschlägen von Paris ihre Sicherheitsmaßnahmen verstärkt. Der Innenminister von Finnland kündigte an, dass die Kontrollen an Häfen und Flughäfen verschärft werden und Botschaften und Großveranstaltungen mehr Schutz bekommen.

In Dänemark bekam die französische Botschaft in der Hauptstadt Kopenhagen zusätzlichen Polizeischutz. Am Samstag legten Hunderte Menschen gegenüber dem Gebäude Blumen ab und sprachen dem Botschafter ihr Beileid aus.

Die Besucher des EM-Qualifikationsspiels Dänemark-Schweden am Abend in Stockholm mussten mit zusätzlichen Sicherheitschecks rechnen. Die Spieler beider Mannschaften wollten Trauerbinden am Arm tragen, teilte die dänische Fußballunion mit.

International hat die Anschlagsserie Trauer und Bestürzung ausgelöst. Der Uno-Sicherheitsrat verurteilte sie als "barbarische und feige terroristische Angriffe". Auch Kanzlerin Angela Merkel ließ ausrichten: "Meine Gedanken sind in diesen Stunden bei den Opfern der offensichtlich terroristischen Angriffe, ihren Angehörigen sowie allen Menschen in Paris." US-Präsident Barack Obama sagte: "Wir werden tun, was immer auch getan werden muss, um diese Terroristen zur Verantwortung zu ziehen." (Hier lesen Sie weitere Reaktionen.)

Alle Entwicklungen zu den Attacken in Frankreich können Sie hier in unserem Newsblog verfolgen.

bos/AP/dpa/Reuters

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