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Terrorserie in Paris: Frankreich unter Schock

Nach den Anschlägen steht Frankreich unter Schock: Präsident Hollande hat den Ausnahmezustand verhängt. Auch in anderen Ländern werden die Sicherheitsvorkehrungen erhöht.

Das Ausmaß der Terrorattacken in Paris wurde spätestes kurz vor Mitternacht klar: Frankreichs Präsident François Hollande verhängte den Ausnahmezustand über das ganze Land. Es ist das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg. Rund 1500 zusätzliche Soldaten wurden zum Schutz der Hauptstadt entsandt, Hollande erklärte, die Grenzen würden geschlossen, das Außenministerium präzisierte später, dass es sich um Grenzkontrollen an Straßen, Zuglinien, Häfen und Flughäfen handele. Die Flughäfen allerdings bleiben offen, auch Züge verkehren weiter, teilte das Ministerium mit.

Wie tief die Anschläge Frankreich verunsichert haben, war Hollande anzusehen, als er in der Nacht vor die Kameras trat und die Maßnahmen verkündete. "Das ist ein Horror", sagte der Präsident. Mehr als 120 Menschen starben, nach jüngsten Angaben sind es 128. Etwa 200 weitere wurden verletzt, 99 sollen sich in einem kritischen Zustand befinden.

Im Großraum Paris bleiben am Samstag praktisch alle Einrichtungen der Stadt geschlossen, etwa Museen, Bibliotheken, Sporthallen, Schwimmbäder, Schulen und Universitäten. In Frankreich sind sämtliche Schulreisen für das Wochenende untersagt worden. Und jede Großveranstaltung wird nun infrage gestellt. Die Rockband U2 sagte ein für Samstag geplantes Konzert in der französischen Hauptstadt ab. Die Musiker, die sich am Freitagabend bereits in Paris aufhielten, erklärten, sie hätten die Ereignisse mit "Unglauben und Schock" verfolgt. "Unser Mitgefühl gilt den Opfern und ihren Angehörigen."

Erhöhte Polizeipräsenz in Berlin

Irans Präsident Hassan Rohani sagte seinen für Montag geplanten Besuch in Paris ab, genauso wie die für diesen Samstag geplante Reise nach Italien und das Treffen mit dem Papst im Vatikan. Rohani schrieb an seinen französischen Amtskollegen Hollande: "Im Namen des iranischen Volkes verurteile ich diese unmenschliche Tat." Das schreckliche Ereignis habe nur eine Botschaft: Alle Staaten müssen gemeinsam den Terrorismus und die Terrormiliz "Islamischer Staat" bekämpfen.

Auch andere Länder reagierten auf die Attacken. Belgien verschärfte seine Sicherheitsmaßnahmen und führt nun an der Grenze zu Frankreich, im Straßen- und Bahnverkehr sowie an Flughäfen Kontrollen durch. Ministerpräsident Charles Michel berief zudem für Samstagmorgen eine Sondersitzung des Kabinetts ein.

In Berlin verstärkte die Polizei ihre Präsenz auf den Straßen der Stadt und fuhr mit Streifenwagen vor bekannten französischen Einrichtungen vor. Das Bundesinnenministerium erklärte, man gehe nach der Anschlagsserie in Paris von einer unveränderten Gefährdungslage aus. Deutschland stehe unverändert im Fadenkreuz des internationalen Terrorismus, teilte eine Sprecherin des Ministeriums in der Nacht zum Samstag mit. Die Sicherheitsbehörden stünden im engen Austausch mit den französischen Behörden.

USA erhöhen Sicherheitsvorkehrungen

In den USA wurden in mehreren Großstädten die Sicherheitsvorkehrungen erhöht. Dafür wurden nach Angaben der Polizei in New York am Freitagabend Spezialeinheiten zur Terrorabwehr an verschiedenen Sehenswürdigkeiten und anderen Orten postiert, die von besonders vielen Touristen besucht werden. Überall gingen vermehrt Polizisten auf Streife, in Bussen und Zügen wurden Taschen und andere Gepäckstücke nach möglichen Sprengsätzen durchsucht. Brücken, Tunnel und Bahnanlagen standen unter besonderer Beobachtung der Polizei.

In der US-Hauptstadt Washington gab es verstärkte Patrouillen im Regierungsviertel rund ums Kapitol. An französischen Einrichtungen wurden zusätzliche Sicherheitskräfte postiert. Auch in Boston und weiteren Städten wurde die Polizeipräsenz auf den Straßen erhöht. Dabei handelte es sich den Behörden zufolge um reine Vorsichtsmaßnahmen. Das Heimatschutzministerium erklärte, es liege nach den Anschlägen in Frankreich keine konkrete Bedrohung für die USA vor.

In der Nacht zu Samstag waren in Paris nahezu zeitgleich an sechs verschiedenen Orten Anschläge verübt worden, der Überblick:

Konzertsaal Bataclan: mindestens 87 Tote

Mindestens vier mit Sturmgewehren bewaffnete, unmaskierte Männer stürmten während eines Rockkonzerts in das Gebäude und eröffneten das Feuer. Es folgte eine fast dreistündige Geiselnahme in dem Konzertsaal am Boulevard Voltaire.

Augenzeugen zufolge schrien die Attentäter während des Angriffs ihre Wut über die Beteiligung Frankreichs am Kampf gegen die Extremistenmiliz IS in Syrien hinaus.

Die Polizei stürmte den Konzertsaal kurz vor 0.30 Uhr, der Einsatz war gegen 1.00 Uhr beendet. 87 Menschen starben, darunter vier Angreifer. Drei von ihnen hatten sich mit einem Sprengstoffgürtel selbst in die Luft gesprengt. Der vierte, der auch einen solchen Gürtel trug, wurde offenbar von Polizeikugeln getroffen, beim Fallen soll auch sein Sprengstoff explodiert sein.

Fußballstadion Stade de France: mindestens vier Tote

Fast zeitgleich zum Angriff auf den Konzertsaal ereignete sich um 21.20 Uhr in der Umgebung des Stadions im Norden von Paris eine erste Explosion. Es lief das Freundschaftsspiel zwischen Frankreich und Deutschland, die gewaltige Detonation war im Stadion deutlich zu hören. Dort soll nächstes Jahr im Juli das Finale der Fußball-Europameisterschaft stattfinden und nicht weit davon, in Bourget, soll am 30. November die große, internationale Klimakonferenz abgehalten werden. Es folgten weitere Explosionen, eine in der Nähe eines McDonald's-Restaurants.

Präsident Hollande, der bei dem Fußballspiel Frankreich-Deutschland am Freitagabend ebenso anwesend war wie Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), wurde sofort in Sicherheit gebracht. Die Ein- und Ausgänge zum Stadion wurden abgeriegelt.

Vier Menschen wurden bei der Detonation getötet, darunter drei Angreifer, die wie im Bataclan Sprengstoffgürtel zündeten.

Video: Außenminister Steinmeier zu Anschlägen in Paris

Rue de la Fontaine au Roi: mindestens fünf Tote

Wenige hundert Meter vom Bataclan entfernt war die Terrasse der Pizzeria La Casa Nostra Ziel eines Anschlags. Fünf Menschen wurden durch Schüsse aus einer automatischen Waffe getötet, wie der 35-jährige Augenzeuge Mathieu berichtet. "Es waren mindestens fünf Tote um mich herum, andere auf der Straße, überall Blut." Ein anderer Zeuge sah "einen schwarzen Ford Focus", aus dem geschossen worden sei.

Boulevard Voltaire: ein Toter

Nach Angaben aus Justizkreisen gab es auch dort einen Angriff mit einem Toten. Es heißt, ein Attentäter habe auf dem Boulevard Voltaire seinen Sprengstoffgürtel zur Explosion gebracht und sei tot.

Rue Alibert/Rue Bichat: 14 Tote

Etwas weiter nördlich kam es an der Ecke der Straßen Bichat und Alibert zu Schüssen auf der Terrasse des Restaurants Le Petit Cambodge. Dort wurden 14 Menschen getötet. "Es war surreal, alle lagen am Boden, niemand bewegte sich", erzählte eine Augenzeugin.

Rue de Charonne: 18 Tote

Ähnliche Szenen spielten sich etwas weiter östlich in der Rue de Charonne ab, wo 18 Menschen getötet wurden. Ein Mann berichtete, er habe "zwei, drei Minuten" lang Schüsse gehört. Nach seinen Angaben waren ein Café und ein japanisches Restaurant das Ziel der Schüsse.

REUTERS
Terrorziele in Paris
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Fotos: AP, AFP, dpa
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Stade de France
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Rue Alibert
3
Rue de la Fontaine au Roi
4
Konzertsaal Bataclan
5
Boulevard Voltaire
6
Rue de Charonne

bim/dpa/AFP/Reuters/AP

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Fläche: 543.965 km²

Bevölkerung: 64,204 Mio.

Hauptstadt: Paris

Staatsoberhaupt:
François Hollande

Regierungschef: Manuel Valls

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