Razzia bei Paris Planung für Anschlag war in "fortgeschrittenem Stadium"

Frankreichs Sicherheitskräfte haben mit der Festnahme eines Mannes im Großraum Paris offenbar ein Attentat verhindert: Laut Innenminister Bernard Cazeneuve gehörte der Verhaftete zu einem Terrornetzwerk.

Von , Paris

AFP

Frankreichs Bürger wurden am späten Donnerstagsabend - vier Monate nach den Attentaten von Paris - erneut an die Gefahr weiterer Attacken erinnert. Im Fernsehen ging es nach den Bombenanschlägen von Brüssel gerade um "Europa angesichts des Terrors", als um kurz nach 22 Uhr Bernard Cazeneuve live aus dem Innenministerium zugeschaltet wurde. Seine Nachricht: Ein unmittelbar bevorstehender Terroranschlag sei gerade noch vereitelt worden.

Der Minister bestätigte die "bedeutende Festnahme" eines Mannes, der offenbar ein Attentat auf französischem Boden vorbereitet hatte. Der 34-jährige R. aus dem Departement Val-d'Oise im Großraum Paris wurde von bewaffneten Kräften des Inlandgeheimdienstes (DGSI) überwältigt.

"Damit wurde das Projekt in fortgeschrittenem Stadium vereitelt", so Cazeneuve. Der Franzose "gehört zu einem Terrornetzwerk" und steht im Verdacht "auf höchstem Niveau in das Vorhaben verwickelt zu sein."

Nach Informationen von Radio France-Info, wurde der Festgenommene seit Januar per Haftbefehl gesucht und gilt als "äußerst gefährlich". Im vergangenen Jahr war er in Belgien zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden - in Abwesenheit. Das Mitglied einer Dschihadistenorganisation, die angehende Kämpfer des Islamischen Staates nach Nahost schleuste, hielt sich seinerzeit in Syrien auf.

Seit seiner Rückkehr Ende 2015 wurde R. überwacht, er soll seither "an zentraler Stelle" an der Planung für einen Anschlag beteiligt gewesen sein. Hinweise auf Ziele gibt es bisher nicht.

Keine Verbindung zu Brüsseler Anschlägen

Die Verhaftung erfolgt in einem "Kontext terroristischer Bedrohung, die so noch nie existiert hat", sagte Cazeneuve, wollte aber zunächst keinen Zusammenhang zu den Ereignissen in Belgiens Hauptstadt herstellen. "Kein greifbares Element verbindet das Vorhaben zu den Attentaten von Paris oder Brüssel." Dennoch gehört der Festgenommene aber womöglich zu dem Netz von belgischen und französischen Attentätern aus Brüssel. Einer seiner Mitangeklagten des vergangenen Jahres war angeblich Abdelhamid Abaaoud, einer der Drahtzieher der Anschläge von Paris.

Gegen 17:30 Uhr waren Einsatzfahrzeuge der Polizei an dem Gebäudekomplex des Boulevards Delambre 185 in Argenteuil vorgefahren. Beamte von Polizei, DGSI und Elitekommandos, vermummt und schwer bewaffnet, stürmten den vierstöckigen Wohnblock im Ortsteil Val Notre-Dame, wo sich die Wohnung des Verdächtigen befindet.

"Es war beeindruckend, rund 50 Mann, mit Waffen in der Hand", berichtete eine Nachbarin der Zeitung Le Parisien über die Razzia, "sie haben in allen Etagen Hunde losgelassen." Anwohner Guillaume traf in der Eingangshalle auf die Polizisten: "Sie hatten einen jungen Mann mit, in Handschellen, den ich aber hier noch nie gesehen hatte." Die Anwohner wurden evakuiert, mehrere Straßenzüge im Nordwesten der französischem Hauptstadt wurde großräumig gesperrt.

"In diesem Gebäude lief die Anti-Terror-Durchsuchung seit dem Nachmittag", twitterte ein Anwohner":

Bis in die späte Nacht durchsuchten Sprengstoffexperten Wohnung, Parkplatz und die öffentlich zugänglichen Teile des Hauses, bevor Beamte der Spurensicherung die Wohnung untersuchten. Laut Medienberichten wurden dabei offenbar auch Sprengstoffe gefunden.

Sollte sich der Verdacht auf ein Attentatsversuch bewahrheiten, wäre es der zwölfte vereitelte Anschlag binnen 15 Monaten. Ende Januar hatte der Innenminister mitgeteilt, dass Frankreichs Dienste im Jahr 2015 elf Terrorangriffe unterbinden konnten.

Minister Cazeneuve, der mit seinen europäischen Amtskollegen in Brüssel eher erfolglos über eine verstärkte Verknüpfung von Geheimdiensten, Anti-Terror-Verwaltungen und Polizei beraten hatte, nutzte die Gelegenheit dennoch für Lob an die Nachbarstaaten.

"Die Verhaftung ist das Ergebnis einer minutiösen Untersuchung, die seit mehreren Wochen geführt wird - unter Aufbietung wichtiger Mittel physischer und technischer Überwachung", erläuterte Cazeneuve und schob nach: "Und erfolgte dank einer engen Kooperation unter den europäischen Geheimdiensten."



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