Hintermann der Attentäter Die Spur zum Terrorpaten

Der mutmaßliche Drahtzieher der Pariser Anschläge ist ein Belgier mit marokkanischen Wurzeln: Abdelhamid Abaaoud, 28, orchestrierte die Terrorserie wohl von Syrien aus. Er hatte schon einmal ein Attentat in Europa versucht.

Von

Islamistisches Propaganda-Magazin

"Die Attentate in Paris wurden von Syrien aus organisiert, erdacht und geplant." Als Frankreichs Premierminister Manuel Valls diese Worte am Montagmorgen aussprach, wusste die Öffentlichkeit noch nicht, worauf sich seine Erkenntnisse stützten. Doch seither werden Stück für Stück neue Spuren bekannt, die zur Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) nach Syrien führen.

Als Drahtzieher haben die Ermittler den Endzwanziger Abdelhamid Abaaoud ausgemacht. Der Belgier marokkanischer Abstammung wuchs im Brüsseler Stadtteil Molenbeek auf, einer Hochburg der islamistischen Szene. Vor mindestens zwei Jahren schloss sich er sich dem IS in Syrien an. Unter seinem Kampfnamen Abu Omar al-Baljiki tauchte er seither in mehreren Propagandavideos der Dschihadisten auf. In einem Clip fährt er ein Auto, das vier verstümmelte Leichen hinter sich herzieht. Zudem posierte er auf Fotos mit seinem 13-jährigen Bruder Younes, den er ebenfalls nach Syrien lockte. Der Junge hält auf den Bildern Waffen in den Händen.

Abaaoud soll bereits im Januar dieses Jahres Anschläge in Europa geplant haben. Er galt als Anführer einer dreiköpfigen Dschihadistenzelle, die am 15. Januar 2015 im belgischen Verviers aufflog. Abaaoud soll damals gemeinsam mit zwei Komplizen von Syrien nach Belgien gereist sein, um Attentate durchzuführen. Nach Erkenntnissen von Ermittlern wollte das Trio Kioske angreifen, in denen die "Charlie Hebdo"-Ausgabe verkauft werden sollte, die nach dem Attentat auf die Redaktion des Satiremagazins erschien.

Fotostrecke

11  Bilder
Abdelhamid Abaaoud: Der belgische Drahtzieher
Die Polizei in Verviers stürmte das Versteck der Zelle und tötete zwei Terroristen. Abaaoud befand sich zum Zeitpunkt der Razzia nicht in der Wohnung und konnte entkommen. Ihm gelang es, erneut nach Syrien zu flüchten, höchstwahrscheinlich über den Balkan. Nach seiner Rückkehr in das Bürgerkriegsland gab Abaaoud im Februar "Dabiq", dem englischsprachigen Propagandamagazin des IS, ein Interview. Er sei damals mit zwei Komplizen nach Europa gereist, "um die Kreuzzügler zu terrorisieren, die Krieg gegen die Muslime führen", sagte Abaaoud. Nach dem gescheiterten Attentatsplan sei ihm die Rückkehr nach Syrien gelungen, obwohl ihm die Behörden in Griechenland auf der Spur waren. "All das beweist, dass ein Muslim die Geheimdienste der Kreuzzügler nicht fürchten sollte."

Im Juli verurteilte ein Gericht in Brüssel Abaaoud in Abwesenheit zu 20 Jahren Haft. Die Richter bezeichneten den Mann in ihrem Urteil als wichtigsten Rekrutierer für den IS in Belgien.

Im Sommer tauchte Abaaouds Name bei Ermittlungen zu einem vereitelten Anschlag in Paris auf. Am 11. August nahm die französische Polizei Reda Hame fest. Er soll in einem IS-Camp in der Nähe von Rakka ausgebildet worden sein. Dort habe ihn Abaaoud beauftragt, nach Europa zurückzukehren und einen Konzertsaal oder ein anderes "einfaches Ziel" in Paris anzugreifen.

Nach Informationen von "Le Monde" habe Abaaoud Hame genau instruiert: Unter anderem habe er angeordnet, dass der Attentäter über Prag nach Frankreich reisen sollte. Dort nahmen die Sicherheitskräfte Hame rechtzeitig fest.

Abaaoud stand auch in Kontakt mit Mehdi Nemmouche, der 2014 im jüdischen Museum von Brüssel vier Personen tötete.

Seit Monaten ist Abaaoud nicht mehr in der IS-Propaganda in Erscheinung getreten. Die Geheimdienste vermuten ihn aber nach wie vor in Syrien.

Samy Amimour
AFP/ Amimour family

Samy Amimour

Dort hielt sich auch der Franzose Samy Amimour, einer der Selbstmordattentäter aus dem Bataclan, mehrere Monate lang auf. Im September 2013 hatte er sich von seiner Familie in Saint-Denis bei Paris verabschiedet. Er behauptete, in den Urlaub nach Südfrankreich zu reisen. Eine Woche später meldete er sich telefonisch bei seinem Vater. Er sei in der Türkei und werde nun nach Syrien weiterreisen, kündigte Amimour an.

Im Juni 2014 reiste sein 67-jähriger Vater Mohamed eigens nach Rakka, in die inoffizielle Hauptstadt des IS. Er versuchte, Samy zur Rückkehr nach Europa zu bewegen. Der Sohn hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine Kriegsverletzung erlitten, trotzdem weigerte er sich, Geld des Vaters anzunehmen und mit ihm Syrien zu verlassen. Bevor die Ermittler nach dem Anschlag Amimours Leiche im Bataclan fanden, hatten die Behörden nicht bemerkt, dass er nach Frankreich zurückgekehrt war.

Der zweite identifizierte Attentäter aus der Konzerthalle, Ismaël Omar Mostefaï, ging nach Erkenntnissen der Ermittler ebenfalls im Herbst 2013 nach Syrien. Er tauchte aber im Frühjahr 2014 wieder in Chartres auf, einer Kleinstadt südwestlich von Paris. Dort trat er als Mitglied einer salafistischen Gruppe in Erscheinung. Was genau Mostefaï in Syrien machte, ist derzeit nicht bekannt.

Gleiches gilt für Bilal Hadfi. Der gebürtige Franzose lebte im Brüsseler Stadtteil Neder-Over-Heembek. Er soll sich nach Erkenntnissen der Ermittler im Frühjahr 2014 binnen weniger Wochen radikalisiert haben und später nach Syrien gereist sein. Wie lange er sich dort aufhielt und was er dort machte, ist bislang noch nicht geklärt.

Hadfi sprengte sich am Freitag vor dem Stade de France in die Luft. Ein weiterer Selbstmordattentäter, der dort einen Anschlag beging, reiste offenbar über die Balkanroute aus Syrien nach Europa. Seine Fingerabdrücke stimmen mit denen eines Mannes überein, der am 3. Oktober mit syrischem Pass als Flüchtling nach Griechenland eingereist war. Am 7. Oktober reiste er von Mazedonien nach Serbien und ließ sich in einem Erstaufnahmezentrum in der Stadt Presevo registrieren. Einen Tag später wurde er in Kroatien registriert, dort verliert sich seine Spur.

Der Pass ist auf Ahmad Almohammad ausgestellt, einen Syrer, der 1990 in der Provinz Idlib geboren wurde. Derzeit prüfen die Ermittler, ob dieser Pass echt ist.

Video: Spur führt nach Syrien

REUTERS

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.