Geschwister als islamistische Terroristen Brüder im Ungeiste

Die Brüder Brahim und Salah Abdeslam gehörten zu den Attentätern von Paris. Es ist nicht das erste Geschwisterpaar, das gemeinsam in den Dschihad abgedriftet ist.

Salah Abdeslam Fandungsfoto der belgischen Polizei
Police Federale Belgien

Salah Abdeslam Fandungsfoto der belgischen Polizei

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In den Bekennerschreiben und Videos der Dschihadisten ist immer von "Brüdern" die Rede. Gemeint sind Mitglieder und Anhänger der Terrororganisationen, die Anschläge verüben, Morde begehen oder Krieg führen.

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Heft 48/2015
Wie die Demokratie den Terror abwehren kann

Doch häufig sind es tatsächlich Brüder im Wortsinn, die sich zusammenschließen, um im Namen des Dschihad Terrorakte zu verüben. Das jüngste Beispiel sind die beiden Belgier Brahim und Salah Abdeslam, die an der Anschlagserie in Paris beteiligt waren. Der 31-jährige Brahim sprengte sich am vorvergangenen Freitag am Café Comptoir Voltaire in die Luft. Der 26 Jahre alte Salah mietete den schwarzen VW Polo, mit dem die Attentäter zur Konzerthalle Bataclan fuhren. Er ist auf der Flucht. Nach ihm wird mit internationalem Haftbefehl gefahndet.

Die Brüder Abdeslam hatten viele Vorgänger: Brüderpaare, die sich radikalisierten, nach Afghanistan, Pakistan oder Syrien zogen und dann zu Attentätern wurden. Auch in Deutschland.

Dschihadist Yassin Chouka (2009): Von Bonn nach Waziristan
AP / Intelcenter

Dschihadist Yassin Chouka (2009): Von Bonn nach Waziristan

Die Brüder Yassin und Mounir Chouka wuchsen in gutbürgerlichen Verhältnissen in Bonn-Kessenich auf. Die Deutsch-Marokkaner gingen auf katholische Schulen, spielten Fußball und Basketball, trugen Jeans und Kapuzenpullis, tranken Bier. 2004 machte Yassin Abitur.

Ein Jahr später soll sich Mounir nach einer Mekka-Reise 2005 stark verändert haben. Der Fachangestellte für Bürokommunikation besuchte verschiedene als radikal geltende Moscheen in Bonn. Er wandelte sich zum Fanatiker, der für seine Religion töten und sogar sterben wollte. Er brach mit seinen Eltern. Wenig später tat es ihm sein Bruder Yassin nach.

2008 zogen die Brüder Chouka ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet nach Waziristan. Sie posierten in Propagandavideos der Terrororganisation Islamische Bewegung Usbekistans (IBU). Unter anderem forderten sie Mordanschläge gegen die Mitglieder von Pro NRW. Anfang 2015 wollten sie offenbar von Waziristan nach Syrien reisen, um dort im Bürgerkrieg zu kämpfen. In Iran wurden die Brüder von der Polizei gestoppt. Die Dschihadisten leisteten Widerstand: Yassin Chouka wurde getötet, Mounir festgenommen. Er sitzt seither in einem iranischen Gefängnis.

Zwillingsbrüder K.: Von Castrop-Rauxel zum IS

Zwillingsbrüder K.: Von Castrop-Rauxel zum IS

Auch die Brüder Kevin und Mark K. aus Castrop-Rauxel führten ein Leben, in dem lange nichts auf ein Abgleiten in den Dschihadismus hindeutete. Die beiden Zwillinge stammen aus gutem Hause, ihr Vater ist Polizist, Kevin verbringt ein Schuljahr in den USA. Vor etwa fünf Jahren konvertiert er zum Islam. Er orientiert sich an den prominenten deutschen Salafistenpredigern wie Pierre Vogel und Ibrahim Abou Nagie.

Kevin ist streng religiös und ein erfolgreicher Jurastudent. Er darf an einem juristischen Exzellenzprogramm teilnehmen und wird im Jahr 2012 studentischer Mitarbeiter an einem Institut, sein Fachgebiet: Berg- und Energierecht.

Sein Zwillingsbruder Mark verpflichtet sich 2010 für vier Jahre bei der Bundeswehr und geht auch für einen Auslandseinsatz nach Afghanistan. Im November 2012 konvertiert er in einer Moschee in Castrop-Rauxel zum Islam, ein gutes Jahr später fällt er den zuständigen Sicherheitsbehörden auf.

Im August 2014 reisen Mark und Kevin über die Türkei nach Syrien. Ihrer Mutter, die sie zuvor noch im Urlaub in Alanya besuchten, erzählten sie, sie wollten eine Rundreise durch die Türkei machen.

Im Mai dieses Jahres veröffentlicht die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) in ihrer Propagandazeitschrift "Dabiq" ein Foto der beiden blonden Männer. Sie posieren mit erhobenen Zeigefingern und Koran vor einer Flagge des IS. Dazu teilen die Dschihadisten mit, dass die beiden Brüder als Selbstmordattentäter gestorben seien.

Die Kouachi-Brüder: Angriff auf "Charlie Hebdo"
AFP/ French Police

Die Kouachi-Brüder: Angriff auf "Charlie Hebdo"

In anderen Ländern gibt es ähnliche Beispiele: Im Januar dieses Jahres stürmten die beiden Brüder Chérif und Saïd Kouachi in die Redaktionsräume von "Charlie Hebdo". Sie töteten zwölf Menschen. Beide hatten sich mit Anfang 20 radikalisiert, Chérif wollte bereits 2005 über Syrien in den Irak reisen, um sich dort al-Qaida anzuschließen. Am Flughafen stoppten ihn die französischen Behörden.

2011 gelang es dann beiden Brüdern, gemeinsam über den Oman in den Jemen zu reisen. Dort wurden sie in einem Ausbildungslager der Terrororganisation al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel ausgebildet. Drei Jahre später verübten sie den bis dahin verheerendsten Terroranschlag in Frankreich.

Tamerlan (l.) und Dschochar Zarnajew: Attentat in Boston
REUTERS/ The Sun of Lowell, MA/ FBI

Tamerlan (l.) und Dschochar Zarnajew: Attentat in Boston

Auch das Attentat auf den Boston-Marathon 2013 wurde von Brüdern geplant. Tamerlan und Dschochar Zarnajew waren rund zehn Jahre zuvor mit ihrer Familie in die USA ausgewandert. Ihre Eltern stammten aus Tschetschenien. Tamerlan radikalisierte sich um das Jahr 2010 herum, unter diesem Einfluss wurde auch sein sieben Jahre jüngerer Bruder immer religiöser. Am 15. April 2013 platzierten sie zwei Rucksäcke voll Sprengstoff im Zielbereich des Marathons. Zunächst gelang ihnen die Flucht, doch vier Tage später wurde Tamerlan bei einem Feuergefecht mit der Polizei getötet. Am 20. April wurde Dschochar gefasst, im Mai 2015 verurteilte ihn ein Gericht in Boston zum Tode.

Das sind nur die bekanntesten Beispiele für ein Phänomen, das Wissenschaftler seit Jahren beobachten. Der unabhängige Think Tank "New America" hat in einer Studie über 466 Dschihadisten herausgefunden, dass rund ein Viertel der westlichen Kämpfer Verwandte hat, die sich ebenfalls militanten Islamisten angeschlossen haben.

Laut einer Studie der Pennsylvania State University sind selbst bei Einzeltätern enge Angehörige oft eingeweiht. In 46 Prozent der 120 untersuchten Fälle wussten Familienmitglieder, dass die Täter Terrortaten geplant hatten.

Das zeigt, dass bei der Radikalisierung von potenziellen Dschihadisten die sozialen Medien und die Online-Propaganda der Terrorgruppen eine wichtige Rolle spielen. Vorbilder im engen persönlichen Umfeld sind aber offenbar noch attraktiver. "Die Verwandtschaft ist das, was wirklich zählt, viel mehr als Religion", sagte der belgische Professor für internationale Beziehungen, Rik Coolsaet, dem "Guardian". "Das ist ein Gruppenphänomen."

Ein Phänomen, das die Sicherheitsdienste noch eine Weile beschäftigen wird. Auch der Chefplaner der Pariser Anschläge, Abdelhamid Abaaoud, hat seinen Bruder in den Dschihad gelockt. Younes Abaaoud gilt als einer der jüngsten ausländischer Kämpfer in Reihen des IS. Er ist 14 Jahre alt.

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Attentate von Paris: Abdelhamid Abaaoud - der Mann hinter den Anschlägen

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insgesamt 35 Beiträge
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hevopi 22.11.2015
1. Ich hoffe,
in Zukunft werden viele Informationen über die Dschihadisten veröffentlicht und solche Fragen wie - warum wurde er Dschihadist - welche Folgen hatte das für die Familie - welchen Beitrag hat er in seinem Irrglauben dazu geleistet und welche Menschen ggf. umgebracht Vielleicht können solche Berichte junge und labile Menschen davon abhalten, denn im Gegensatz zu ihrer Motivation sind sie nicht gut, sondern bringen andere Menschen um, schädigen auch viele gläubige Familien. Es ist m. E. bisher einfach versäumt worden, durch gute Rhetoriker einfach mal die Realität darzustellen und vielleicht dadurch Menschen von diesem Fehlverhalten, dass nicht im Himmel, sondern in der Hölle endet, aufzuklären. Leider glauben ja viele Dschihadisten, sie tun Gutes und werden dafür belohnt.
Butenkieler 22.11.2015
2. Solche Ausflüge zum IS
sollten nch Wiedereinreise strengstens bestraft werden. Diese Ausflügler sollten von vornherein wissen, dass ihnen langjährige Freiheitsstrafen mit Sicherungsverwahrung blühen können. Nur so können wir uns vor dem IS schützen.
wernerthurner 22.11.2015
3. Zu berücksichtigen
ist auch, dass in manchen Fällen Brüderpaare und insbesondere junge Leute von Geheimdiensten zu solchen "Taten" im Sinne der Strategie der Spannung angestiftet werden. Religiöse Fanatiker benutzt als für die Politik nützliche Idioten.
catweatzle38 22.11.2015
4. haha
Zitat von Butenkielersollten nch Wiedereinreise strengstens bestraft werden. Diese Ausflügler sollten von vornherein wissen, dass ihnen langjährige Freiheitsstrafen mit Sicherungsverwahrung blühen können. Nur so können wir uns vor dem IS schützen.
Warum sollte man Rückkehrer wieder einreisen lassen... wer sich entschieden hat auszureisen, der soll auch die konsequenzen ziehen und nicht rumjammern , er habe nicht gewusst was beim is abläuft...
Medienkritiker 22.11.2015
5. Verwandschaft als Triebfeder?
Entscheidend dürfte wohl sein, dass die radikale, gewaltbereite Auslegung des Koran verinnerlicht wird. Somit steht wieder die Religion im zentralen Mittelpunkt der Motive im tödlichen Kampf gegen die "Ungläubigen". Hier den Versuch einer Trennung zu vollziehen, erscheint absurd.
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