Terror in Frankreich Was wir bis jetzt wissen

Wie viele Attentäter waren es wirklich? Was weiß man über die zeitliche Abfolge der Anschläge? Die bisherigen Erkenntnisse im Überblick.

Trauer in Paris: Frankreich unter Schock
AP/dpa

Trauer in Paris: Frankreich unter Schock


Wer ist für die Anschläge verantwortlich?

Es spricht alles dafür, dass der "Islamische Staat" (IS) für die Anschläge verantwortlich ist. Die Dschihadisten verbreiteten am Samstag eine Erklärung, in der sie behaupten, die Anschlagsorte bewusst ausgewählt zu haben. Das Stade de France sei angegriffen worden, weil sich Staatspräsident Hollande zum Zeitpunkt der Tat dort aufhielt. Die Konzerthalle, weil dort "eine perverse Feier" stattgefunden habe. In dem Schreiben ist von acht Attentätern die Rede.

Zuvor hatte Frankreichs Präsident François Hollande den IS für die Anschläge verantwortlich gemacht. Es handele sich um einen Kriegsakt. ´

Wie liefen die Anschläge zeitlich ab?

Die genaue Chronologie der Terrorangriffe ist noch unklar; eine offizielle Version der Zeitfolge gibt es bislang nicht. Den Auftakt bildeten wohl zwei Bomben, die nahe dem Fußballstadion Stade de France explodierten, das war gegen 21.20 Uhr am Freitagabend - während der ersten Halbzeit des Länderspiels zwischen Frankreich und Deutschland. Eine dritte Explosion dort soll sich Medienberichten zufolge um kurz vor 22 Uhr ereignet haben. Außer den drei Attentätern, die sich selbst in die Luft sprengten, kam bei den Detonationen noch ein weiterer Mensch ums Leben.

Ebenfalls in der Zeit zwischen kurz nach 21 und 22 Uhr am späten Freitagabend griffen Attentäter fünf weitere Orte in Paris an. Darunter mehrere Cafés und den Konzertsaal Bataclan, wo die Terroristen die meisten Menschen ermordeten.

Die Anschlagorte im Einzelnen:

  • Die Terrasse der Pizzeria La Casa Nostra in der Rue de la Fontaine au Roi. Fünf Menschen wurden durch Schüsse aus einer automatischen Waffe getötet, wie der 35-jährige Augenzeuge Mathieu berichtet.
  • In der Boulevard Voltaire hat sich ein Attentäter selbst in die Luft gesprengt. Opfer gab es sonst dort offenbar keine.
  • An der Ecke der Straßen Rue Bichat und Rue Alibert schossen die Täter auf Menschen, die auf der Terrasse des Restaurants Le Petit Cambodge saßen. Dort gab es 14 Todesopfer.
  • Ähnliche Szenen spielten sich in der Rue de Charonne ab, wo 18 Menschen getötet wurden bei einem Angriff auf ein japanisches Restaurant.
  • Ebenfalls in diesen Minuten griffen unmaskierte Männer, nach Berichten von Augenzeugen in schwarz gekleidet, den Konzertsaal Bataclan an, erschossen Besucher und nahmen andere vorübergehend als Geiseln. Bis die Polizei die Halle stürmte, um kurz vor halb eins in der Nacht, vergingen wohl etwa drei Stunden. Ein Attentäter wurde dabei von der Polizei erschossen, drei weitere haben sich selbst in die Luft gesprengt. Wann genau Täter ihre Bomben zündeten, ist unklar. Medien berichten von Explosionen, die um kurz vor 1 Uhr nachts aus dem Bataclan zu hören gewesen seien, gegen 1 Uhr soll auch die Polizei ihren Einsatz beendet haben. Der französische Journalist Daniel Psenny filmte den Anschlag mit dem Handy:

Le Monde
Schon eine halbe Stunde zuvor, um 24 Uhr, verhängte Staatspräsident Hollande für ganz Frankreich den Ausnahmezustand und sprach in einer Fernsehansprache von Dutzenden Toten und vielen Verletzten: "Es ist entsetzlich."

Terrorziele in Paris
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Fotos: AP, AFP, dpa
1
Stade de France
2
Rue Alibert
3
Rue de la Fontaine au Roi
4
Konzertsaal Bataclan
5
Boulevard Voltaire
6
Rue de Charonne
Wer sind die Attentäter?

Einer der mutmaßlichen Attentäter, die die Konzerthalle Bataclan angegriffen hat, ist identifiziert worden. Es handele sich um einen Franzosen, der dem Geheimdienst bekannt war, hieß es aus Ermittlerkreisen. Den Angaben nach stammte er aus Courcouronnes, einem Vorort am südlichen Stadtrand von Paris. Er soll ungefähr 30 Jahre alt gewesen sein. Seinen Namen haben die Behörden bislang nicht öffentlich gemacht. Einer der Selbstmordattentäter, die sich am Stade de France in die Luft sprengten, hatte einen syrischen Pass und reiste über Griechenland in die EU ein. Drei weitere Attentäter stammen offenbar aus dem Brüsseler Stadteil Molenbeek. Die Polizei stellte ein verdächtiges Auto mit belgischem Kennzeichen sicher - es soll am Freitagabend in der Nähe der Konzerthalle Bataclan gesichtet worden sein. Hollande sagte, die Anschläge seien im Ausland organisiert worden, "mit Hilfe aus Frankreich".

Der IS äußerte sich in seiner Erklärung nicht zu den Attentätern. Augenzeugen der Anschläge hatten berichtet, dass Angreifer "Allahu akbar" ("Gott ist groß") gerufen hätten. Beim Anschlag auf das Konzerthaus Bataclan sollen die Attentäter während des Angriffs ihre Wut über die Beteiligung Frankreichs am Kampf gegen den IS in Syrien hinausgeschrien haben. Übereinstimmend beschreiben Überlebende die Attentäter als sehr jung, unter 25 Jahren.

Befinden sich Attentäter auf der Flucht?

Bisher fehlen exakte Angaben, wie viele Attentäter die Anschläge verübt haben. Der IS spricht von acht Attentätern - auf einer Pressekonferenz in Paris sprachen die französischen Behörden davon, dass sieben Attentäter ums Leben kamen. Nach derzeitigen Informationen starben im Konzertsaal Bataclan vier Angreifer. Nahe des Stade de France sprengten sich offenbar zwei Attentäter in die Luft. Auf dem Boulevard Voltaire brachte ein weiterer Terrorist seinen Sprengstoffgürtel zur Explosion. Am Vormittag hatten die französischen Ermittler noch erklärt, sie könnten nicht ausschließen, dass noch Attentäter auf der Flucht seien.

Hatten die Attentäter Komplizen?

Die Polizei in Brüssel hat nach Angaben des Justizministers Koen Geens mehrere Personen im Zusammengang mit den Attentaten in Paris festgenommen. Der Politiker sagte dem belgischen TV-Sender VRT, dass die Festnahmen im Zusammenhang mit dem verdächtigen Auto stünden, das am Freitag in der Nähe des Bataclan in Paris gesehen worden war. Laut Geens habe es sich dabei um einen Mietwagen gehandelt. Die Polizei habe daraufhin mehrere Durchsuchungen in der Brüsseler Gemeinde Molenbeek durchgeführt, um den Mieter des Autos ausfindig zu machen.

Was hat es mit der Festnahme in Bayern auf sich?

Am 5. November wurde in Oberbayern bei einer Personenkontrolle an der A8 der 51-jährige Vladko W. festgenommen. In dessen Auto fand die Polizei mehrere Waffen. Nach Angaben der Ermittler handelt es sich um:

  • 8 Kalaschnikow-Gewehre mit Munition
  • 2 Pistolen
  • 1 Revolver
  • 2 Handgranaten
  • 200 Gramm Sprengstoff (TNT)
  • Es besteht der Verdacht, dass der 51-Jährige womöglich auf dem Weg nach Frankreich war. Darüber hatte zuvor auch der Bayerische Rundfunk berichtet. "Wir prüfen in Zusammenarbeit mit den französischen Behörden intensiv, ob es einen Zusammenhang mit den Ereignissen von Paris gibt", sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Aufgrund der Daten des Navigationssystems und des Handys gebe es "deutliche Hinweise, dass der Mann nach Frankreich wollte."

    Der Mann soll aus Podgorica stammen, der Hauptstadt Montenegros. Ob der Mann ein Islamist ist und ob er mit den Attentätern von Paris in Verbindung steht, ist bisher unklar. Gegen den aus Montenegro stammenden Mann sei inzwischen Haftbefehl erlassen worden, teilte ein Sprecher des Landeskriminalamts (LKA) mit.

    Die deutschen Ermittler informierten offenbar unmittelbar nach der Festnahme die französischen Behörden. Laut BR habe Paris zurückhaltend reagiert, die deutsche Polizei möge ein Rechtshilfeersuchen stellen, falls sie aus Frankreich Informationen benötige.

    Wer sind die Opfer?

    Es gibt bislang mindestens 128 Tote - davon allein mindestens 87 Tote im Bataclan - und rund 250 Verletze, Dutzende von ihnen schweben in Lebensgefahr. Das ist die entsetzliche Bilanz des Terrors. Wahrscheinlich sind sehr viele junge Menschen unter den Opfern. Unter dem Hashtag #rechercheParis posten auf Twitter verzweifelte Menschen Fotos von vermissten Angehörigen oder Freunden, die in dem Konzertsaal Bataclan waren. Dort hatten sich insgesamt mehr als 1500 Besucher versammelt, um ein Konzert der Gruppe Eagles of Death of Metal zu hören.

    Welche Maßnahmen ergreift die französische Regierung?

    Präsident François Hollande verhängte noch in der Nacht den Ausnahmezustand über ganz Frankreich. An den Grenzen wurde mit Kontrollen begonnen. In Paris werden zusätzlich 1500 Soldaten eingesetzt. Am Samstag blieben alle Einrichtungen der Stadt geschlossen, unter anderem Museen, Bibliotheken, Sporthallen, Schulen, Universitäten, Schwimmbäder. Der Flug- und Zugverkehr ist größtenteils nicht beeinträchtigt.

    Wie reagiert die Welt?

    Staats- und Regierungschefs äußerten sich schockiert und sicherten Frankreich ihre Unterstützung zu. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte dem Nachbarland "jedwede Unterstützung" zu. Dieser Angriff auf die Freiheit "meint uns alle". Daher müssten nun auch alle gemeinsam den Kampf gegen den Terror führen. "Wir wissen, dass unser freies Leben stärker ist als jeder Terror." Am Samstagmittag sollte ein Krisentreffen mit Regierungsmitgliedern im Kanzleramt stattfinden. Bundespräsident Joachim Gauck sagte, er sei "tief erschüttert angesichts der Nachrichten, die uns aus Frankreich erreichen".

    US-Präsident Barack Obama verurteilte die Anschläge als "abscheulichen Versuch", die Welt zu terrorisieren. Auch Russlands Präsident Wladimir Putin hat nach den Anschlägen von Paris die internationale Gemeinschaft zum gemeinsamen "Kampf gegen den Teufel" aufgerufen. "Diese Tragödie ist ein erneuter Beweis für die Barbarei des Terrorismus, der eine Herausforderung für die menschliche Zivilisation ist", hieß es in einem am Samstag vom Kreml veröffentlichten Beileidstelegramm Putins an den französischen Präsidenten François Hollande. Die chinesische Regierung bekundet ihre Solidarität mit Frankreich. China sei bereit, Frankreich im Kampf gegen den Terrorismus zur Seite zu stehen und die Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen zu verstärken, sagt Präsident Xi Jinping.

    Der Leiter der islamischen Azhar-Universität in Kairo, einer der führenden Institutionen des sunnitischen Islam, hat die "Hass"-Anschläge von Paris verurteilt. "Solche Taten laufen allen religiösen, humanitären und zivilisierten Prinzipien zuwider", sagte Imam Ahmed al-Tajeb. Die Äußerungen Tajebs wurden im ägyptischen Fernsehen übertragen. Der Imam forderte, die Welt müsse sich "einen, um diesem Monster entgegenzutreten".

    Wie werden die Sicherheitsvorkehrungen jetzt erhöht?

    In Berlin verstärkte die Polizei ihre Präsenz auf den Straßen der Stadt und fuhr mit Streifenwagen vor bekannten französischen Einrichtungen vor. Das Bundesinnenministerium erklärte, man gehe nach der Anschlagsserie in Paris von einer unveränderten Gefährdungslage aus. Deutschland stehe unverändert im Fadenkreuz des internationalen Terrorismus, teilte eine Sprecherin des Ministeriums in der Nacht zum Samstag mit. Die Sicherheitsbehörden stünden im engen Austausch mit den französischen Behörden.

    Belgien hat seine Sicherheitsmaßnahmen verschärft. Das betreffe die Grenze zu Frankreich, die Flughäfen und den Zugverkehr, sagte Premierminister Charles Michel. Michel rief auch den nationalen Sicherheitsrat zusammen, um über die Lage zu beraten.

    In Großstädten der USA erhöhte die Polizei ihre Präsenz, etwa in den Straßen von New York. Spezialeinheiten zur Terrorabwehr wurden an Orten postiert, die von besonders vielen Touristen besucht werden. In Washington gab es verstärkte Patrouillen im Regierungsviertel rund ums Kapitol. An französischen Einrichtungen wurden zusätzliche Sicherheitskräfte postiert.

    Russland verschärft seine Sicherheitsvorkehrungen. Transportminister Maxim Sokolow kündigt Maßnahmen zur Sicherung der Verkehrwege an. Zudem wird erwogen, Flüge von Moskau nach Paris auszusetzen.

    anr/bim/asa/dpa/Reuters/AP/AFP



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