Pariser Vorstädte Mit dem großen Bruder aus dem Ghetto

"Du holst dein Arbeitslosengeld, das war's". In den Satellitenstädten um Paris, seit Tagen von Krawallen erschüttert, haben Jugendliche kaum Perspektiven. "Große Brüder" wie Skarj, 30, versuchen als Vermittler zu helfen - sie kennen die tristen Vororte genau.


Autowrack (in Clichy-sous-Bois): Für immer im Hochhaus-Ghetto?
AP

Autowrack (in Clichy-sous-Bois): Für immer im Hochhaus-Ghetto?

Clichy-sous-Bois - Sie sind Sportlehrer, Sozialarbeiter, Musiker oder Unternehmer, und sie wollen den jungen Menschen im Ghetto einen Weg nach draußen zeigen. "Große Brüder" nennen sich die Vermittler, die einst selbst ohne Perspektive in den Vorstädten herumlungerten. Sie versuchen seit Beginn der Krawalle in den Pariser Vorstädten, beruhigend auf Jugendliche und Polizisten einzuwirken.

Der 30-jährige Skarj ist einer von ihnen. Der Sohn einer Einwandererfamilie aus dem Kongo weiß um die Hoffnungslosigkeit und Wut der jungen Vorstädter, denn er war einmal genau wie sie. "Wir sind hier eingeschlossen, in einem geschlossenen Kreislauf: das Postamt, das Zigarettengeschäft, du holst dein Arbeitslosengeld - und das war's."

Vor 29 Jahren flüchtete seine Familie mit fünf Kindern aus dem damaligen Zaire unter Diktator Mobutu nach Frankreich. Seither lebt Skarj in Clichy-sous-Bois - und die Geschichte seiner Kindheit könnten Tausende andere genauso erzählen: "Jeden Tag der Misserfolg in der Schule, bis du schließlich abgehst. Meine Mutter verdiente 6000 Franc (915 Euro) im Monat mit Putzen, wir waren fünf Kinder, zu essen gab es Reis, der Kühlschrank war immer leer." Auf die Generation von Skarj folgen stetig weitere, denen es nicht besser geht: 28.000 Einwohner hat die Satellitenstadt Clichy-sous-Bois heute. Fast die Hälfte sind jünger als 25 Jahre, die Arbeitslosigkeit liegt bei mehr als 20 Prozent.

Fotostrecke

8  Bilder
Brennende Vorstädte: Paris im Alarmzustand

"Damals gab es Kakerlaken, heute sind es Ratten", sagt Skarj, um zu beschreiben, dass die Lage in den Vorstädten sich noch verschlechtert hat. "Mit dem Euro ist doch alles noch schwieriger, mit 1000 Euro kannst du nicht durchkommen", erzählt der hochgewachsene Mann im Schutz eines Treppenhauses von Clichy-sous-Bois, wo der Tod zweier Jugendlicher in der vergangenen Woche die Unruhen ausgelöst hatte.

Und so hilft nur "sich durchschlagen", wie Skarj es als Jugendlicher gemacht hat, um zu überleben. Genaueres mag er dazu nicht sagen. Doch meist machte er "nichts, nichts, nichts". Das ist 15 Jahre her. Aber Skarj hatte eine Chance, er war ein guter Fußballspieler und ergatterte Praktika in Bordeaux, Mont-de-Marsan und Saint-Etienne.

Den Sprung ins Profigeschäft hat er nicht geschafft, aber es reichte schon, die "Cité" einmal hinter sich gelassen zu haben, um wieder Interesse am Leben zu finden. Sein Onkel half ihm, beim Bau zu arbeiten. Mit 25 gründete er sogar seine eigene Firma mit zwei Angestellten, drei Jahre danach ging sie pleite.

Heute produziert er Rap-Musik mit der Unterstützung eines Vereins. Ein Dutzend "kleiner Brüder" sind daran beteiligt. Diese jungen Leute "könnten es schaffen, wenn ihnen jemand hilft", hofft Skarj. Diese Rolle will er als "großer Bruder" spielen. Die Jugendlichen "haben die Nase voll, sie haben keine Arbeit, und die Politiker sind unglaubliche Rassisten".

Skarj hat zwei Kinder von drei Monaten und sechs Jahren, deren Erinnerungen er sich anders wünscht als die seinen: "Meine Jugend war der schlechteste Teil meiner Existenz."

Von Michaëla Cancela-Kieffer, AFP

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.