Von Benjamin Bidder, Moskau
In der Ukraine kursiert ein bitterer Witz. Er stammt aus den neunziger Jahren, als Oligarchen und Mafia-Paten Reichtümer zusammenrafften, das Land aber im Chaos versank. Zwei Jahrzehnte später erfreut sich dieser Witz wieder wachsender Beliebtheit. Um das Land zu sanieren, so erzählen Taxifahrer zwischen Lemberg im Westen und Donezk im Osten, müsse man "alle Reichtümer der Ukraine zusammenkratzen und einen einzigen anständigen Japaner anstellen, damit er für Ordnung sorgt in diesem Schweinestall."
Vor der Parlamentswahl am Sonntag treibt die Ukraine die Suche nach einem Heilsbringer um, der das Land endlich befreien möge von Korruption. Der die alte Politikergarde ablösen könnte, deren Dauerfehden in den neunziger Jahren begannen. Und von denen die Bevölkerung die Nase gestrichen voll hat.
Die Hoffnungen, das zeigen die letzten Umfragen vor der Wahl, haben dabei einen neuen Fixpunkt. Vitali Klitschko, Box-Weltmeister mit dem Kampfnamen "Dr. Eisenfaust" und Chef der Partei "Udar" (zu Deutsch "Schlag"), wächst mehr und mehr in die Rolle des Hoffnungsträgers. Meinungsforscher trauen ihm bis zu 21,5 Prozent zu. Damit könnte er Rang zwei hinter der "Partei der Regionen" von Präsident Wiktor Janukowitsch belegen. Es wäre ein Wachwechsel im Lager der Opposition. Erstmals nach langen Jahren könnte Julija Timoschenkos "Vaterland"-Partei nur noch auf Platz drei in der Wählergunst landen.
Klitschko steht für Erfolg
In der Hauptstadt Kiew ist Klitschko seit Jahren populär, über Monate hat er nun eine Ochsentour durch die Regionen absolviert. Woche für Woche trat er auf Marktplätzen in Provinzstädten auf. Dort wiederholte er die stets gleichen Botschaften, zum Teil Wort für Wort.
Klitschko erzählt dann, wie er als Junge einen Kampf von Mike Tyson im Fernsehen sah. Wie er seinen Freunden sagte, er werde auch irgendwann Box-Weltmeister werden, und wie ihm keiner glaubte. Wie er dann in die Heimat zurückkehrte, nur um den Spöttern von damals den Gürtel des Champions unter die Nase zu halten. "Alles ist möglich", sagt er dann und wirbt für eine Entwicklung nach westlichem Vorbild. "Polen hat es geschafft. Tschechien und die Slowakei." Warum also sollte es die Ukraine nicht auch schaffen?
Klitschko ist kein glänzender Rhetoriker wie Timoschenko. Aber die Menschen, die ihm zujubeln, suchen keinen guten Redner. Sie suchen einen guten Menschen, dem sie zutrauen, dass Intrigengewirr zu zerschlagen.
Klitschko steht für Erfolg. Als Boxer hat er sehr viel Geld verdient. Seine Anhänger hoffen, dass er nun reich genug ist, um sich etwas zu leisten, was in der ukrainischen Politik als Luxus gilt: Ehrlichkeit.
"Er war lange im Ausland", sagt Natalija Nowak, Statthalterin von Klitschkos Partei im Kiewer Stadtrat. "Die Menschen wählen ihn, weil er von niemandem abhängig ist." In nur vier Monaten hat Klitschko seine Umfragewerte von knapp zehn Prozent im Juni mehr als verdoppelt. Klitschko ist es endlich auch gelungen, ein Team von Politprofis um sich zu scharen. Timoschenkos Ex-Finanzminister Wiktor Pinsenik hat sich ihm angeschlossen, genauso wie Oxana Prodan, die charismatische Anführerin einer Protestbewegung gegen Janukowitschs Steuerpolitik.
Mit einem schnellen K.o. kann Klitschko nicht rechnen
Klitschko hat angekündigt, nach der Wahl mit Timoschenkos "Vaterland" ein Bündnis gegen die "Partei der Regionen" anzustreben. In Umfragen liegt die Opposition knapp vor dem Regierungslager und den mit Janukowitsch verbündeten Kommunisten.
Die Chancen der Opposition, am Sonntag eine Mehrheit der Sitze zu erringen, sind trotzdem gering. Rund die Hälfte der 450 Mandate wird per Direktwahl in den Wahlkreisen vergeben. Janukowitschs Vizepremier Tigipko hat bereits angekündigt, seine Partei rechne damit, 70 Prozent dieser Direktmandate zu gewinnen. Ukrainische Beobachter befürchten, die "Partei der Regionen" werde massiv "administrative Ressourcen" einsetzen. So nennt der Volksmund die Beeinflussung von Ergebnissen durch die regionale Verwaltung.
Klitschko weiß: Mit einem schnellen Sieg kann er in diesem Kampf nicht rechnen. In Interviews sagt er, er habe 16 Jahre trainiert, um Weltmeister zu werden. Er hat einen langen Atem, soll das heißen.
Manchmal, wenn der neue Hoffnungsträger auf einer der kleinen Wahlkampfbühnen in der Provinz stand, sprach er über Wiktor Juschtschenko. Juschtschenko war 2004/2005 einer der Anführer der "Revolution in Orange". Er wurde Präsident, scheiterte aber daran, dass er die in ihn gesetzten Erwartungen nie erfüllen konnte. "Wer ist heute der unbeliebteste Politiker?" fragte Klitschko. "Nicht Janukowitsch, nicht Timoschenko. Es ist Juschtschenko, weil er die Menschen so sehr enttäuscht hat."
Es klingt wie eine Warnung an sich selbst.
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