Von Heike Sonnberger
Man sollte meinen, dass das Erdbeben, der Tsunami und die Kernschmelzen im vergangenen Jahr auch der japanischen Politik einen Stoß, zumindest aber einen Schubser gegeben haben, und zwar nach links. Zuerst sah es auch so aus. Jede Woche protestierten Tausende Menschen gegen die Atomkraft, forderten mehr Mitbestimmung und echte Volksvertreter statt selbstgefälliger Oligarchen. Doch kurz vor der ersten Parlamentswahl nach der Dreifachkatastrophe am Sonntag zeigt sich: Die Politik driftet nach rechts. Und von wirklichem Wandel ist Japan weit entfernt.
In den vergangenen Monaten sind viele neue Parteien entstanden, doch die meisten sind machtlos. Nur zwei sind offiziell anerkannt und dürfen mit eigenen regionalen Listen bei den Unterhauswahlen am kommenden Sonntag antreten. An ihrer Spitze - und dahinter - stehen alte Bekannte:
Parteien, die nicht von bekannten Persönlichkeiten getragen werden oder über viel Geld verfügen, haben in Japan kaum eine Chance. Für jeden Direktkandidaten, den eine Partei ins Rennen um einen Parlamentssitz schickt, muss sie fast 30.000 Euro hinterlegen, für jeden Namen auf ihren regionalen Listen sogar gut 55.000 Euro. Schneiden die Kandidaten bei der Wahl schlecht ab, ist der Betrag weg.
Ohnehin schon starke Parteien profitieren auch davon, dass 300 der 480 Sitze im Unterhaus über das Mehrheitswahlrecht vergeben werden: Wer in seinem Wahlbezirk nicht gewinnt, dessen Stimmen verfallen. Eine Partei kann aber erst aus den satten staatlichen Zuschüssen schöpfen, wenn sie fünf Abgeordnete im Parlament oder eine bestimmte Anzahl Wählerstimmen vorweisen kann. Weil kleinere Gruppen diese Schwelle nicht erreichen, werden sie ihre Geldsorgen nicht los - und können niemals große Sprünge machen. Ein Teufelskreis.
Seit Monaten ehrenamtlich engagiert
Die Grüne Partei, die sich Ende Juli konstituierte, ist an den hohen Hürden gescheitert. "Wir hatten nicht genug Geld, um Kandidaten aufzustellen", sagt ihr Sprecher Masaya Koriyama, 46. Seine Partei hat erst etwas mehr als 1000 Mitglieder und leistet sich nur für zwei Büromitarbeiter ein Gehalt. Er selbst und mehrere Kollegen arbeiteten schon seit Monaten ehrenamtlich und lebten von ihren Ersparnissen, sagt Koriyama.
Die Partei hat auch keine prominenten Gesichter, die ihr zu Bekanntheit verhelfen könnten. "Japanische Bekannte fragen mich oft als Erstes, wer denn hinter den Grünen steht", sagt der deutsche Blogger Matthias Reich, 38, der seit sechs Jahren in Japan lebt. Doch mit den Namen können die Wenigsten etwas anfangen. Auch deshalb sei die Partei in den Medien und in der öffentlichen Debatte nicht präsent.
Junge Parteien leiden unter einer weiteren Regel: Wahlkampf im Internet ist in Japan verboten. Die Kandidaten touren in Kleinbussen durchs Land und halten ihre Reden oft nach Feierabend vor Bahnstationen. Die Atomkraftwerke spielen dabei nicht einmal eine Hauptrolle. Eine Internetumfrage im November ergab, dass nur rund fünf Prozent der Bevölkerung den Nuklearunfall in Fukushima für das drängendste politische Problem halten.
Andere Themen stehen auf der Prioritätenliste sehr viel höher:
Rund die Hälfte der Bürger war kurz vor der Wahl noch unentschlossen, wem sie ihre Stimmen geben soll. Doch wahrscheinlich kommt eine Partei zurück an die Macht, die den Wirtschaftsaufschwung über den Atomausstieg stellt und gegenüber den asiatischen Nachbarn gern harte Töne anschlägt: die konservative LDP. Seit den fünfziger Jahren hat sie das Land fast ununterbrochen regiert. Ihr Vorsitzender, Shinzo Abe, war bis 2007 schon einmal Premierminister.
Die Demokratische Partei DPJ, die nur drei Jahre lang die Regierung stellte und bei ihrem Wahlsieg 2009 Aufbruch und Wandel versprach, hat seit dem Erdbeben enorm an Glaubwürdigkeit verloren. Sie kann sich also keine Hoffnung auf viele Stimmen machen - anders als die Restaurationspartei, die wie die LDP zum rechten Lager gehört.
"Die größte Enttäuschung ist, dass sich im linken Spektrum nichts getan hat", sagt Japanologe Zöllner. Viele Menschen, die Woche für Woche vor dem Büro des Premiers in Tokio demonstriert hatten, hätten inzwischen die Motivation verloren. Und die Wähler wollten nun offensichtlich vor allem eines: Ordnung und Stabilität.
Im Ausnahmezustand: Erdbeben, Tsunami, Fukushima - ein Jahr nach der Dreifach-Katastrophe berichtet SPIEGEL ONLINE in einer Serie aus der Unglücksregion.
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