Parteitag Brown schwört Labour-Partei auf mehr Fairness ein

Eine großartige Rede war es nicht, aber ein großer Erfolg: Nach seinem Auftritt beim Labour-Parteitag sitzt der britische Premier Gordon Brown wieder fester im Sattel. Sein durchdeklinierter Fairness-Appell war offensichtlich auch in eigener Sache gemeint.

Von Sebastian Borger, Manchester


Manchester - Lange Jahre war Ed Balls engster Berater von Gordon Brown. Es gibt wenige, die den britischen Premierminister so gut kennen wie der 41-jährige Erziehungsminister. Kurz nach Browns Rede auf dem Labour-Parteitag bringt Balls die Stimmung seiner Parteifreunde im Kongresszentrum von Manchester auf den Punkt: "So eine Rede sollte Gordon jeden Tag halten."

Brown auf Labour-Parteitag: "So eine Rede sollte er jeden Tag halten"
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Brown auf Labour-Parteitag: "So eine Rede sollte er jeden Tag halten"

In dieser Bewertung steckt Erleichterung und versteckte Kritik. Viele von denen, die den 57-jährigen Brown lange kennen, flüchteten sich zuletzt in achselzuckende Ratlosigkeit, wenn sie auf die hölzerne, unbeholfene Kommunikation des Premierministers angesprochen wurden. Lange Jahre galt Brown als großes rednerisches Talent und begeisterte häufig Parteitage mit rhetorischen Glanzleistungen. Mit glänzenden Augen erinnern sich altgediente Labour-Leute etwa an einen Auftritt im Herbst 1992, kurz nachdem die damalige konservative Regierung unter John Major den europäischen Währungsverbund verlassen musste. "Ein Kabinett ohne Führung" sei in London am Werk, ätzte Brown damals: "Ein Premierminister ohne Ideen, ohne Freunde, ohne Zukunft."

Eine gute, kämpferische Rede

Sechzehn Jahre später hat Brown kein rhetorisches Feuerwerk abgeliefert, aber eine gute, kämpferische Rede gehalten. Damit ist der Eindruck vom Tisch, Browns Beschreibung des damaligen Premiers Major treffe längst auf den Schotten selbst zu. Den Delegierten und den TV-Zuschauern präsentierte sich ein ungewöhnlich entspannter, beinahe gelassener Regierungschef. "Es kann eigentlich kaum schlimmer werden", hatten viele Labour-Leute in den vergangenen Tagen gestöhnt – und Brown macht den Eindruck, als teile er dieses Gefühl und habe den Entschluss gefasst: Jetzt erst recht.

Inhaltlich macht Brown kaum Zugeständnisse an jene Partei-Linken, die sich in den vergangenen Tagen im Kongress-Saal feiern ließen: mit Forderungen nach neuen Steuern für Spitzenverdiener und für Unternehmen, ja sogar nach der Verstaatlichung der Energie-Versorger. Er stellt seine Rede unter das Motto "Fairness" – beinahe ein mythischer Begriff auf der Insel, wie Brown erkannt hat: "Fairness ist schließlich in unseren Genen." Konkretes bleibt Mangelware - mehr Kindergarten-Plätze sollen her, armen Kindern will die Regierung Computer finanzieren, Krebs-Kranke zukünftig von der Rezept-Pflicht befreien. Das sind für sich genommen kaum zündende Maßnahmen – zumal der Premierminister offen lässt, wie er die neuen Wohltaten finanzieren will, angesichts steigender Staatsverschuldung und sinkender Steuer-Einnahmen.

In den vergangenen Jahren pflegte Brown seine Zuhörer mit Zahlen, Daten und Fakten zu erschlagen, ohne eine kohärente Botschaft zu vermitteln. Diesmal bleiben Zahlen Mangelware. Die Botschaft ist Fairness – für Arme und Schwache, für Hausbesitzer, für die Briten insgesamt. Und nicht zuletzt: für Gordon Brown.

Seid fair, lautet die unterschwellige Bitte des Regierungschefs, gebt mir eine Chance. Ich verstehe etwas von diesem Geschäft, jedenfalls deutlich mehr als die Konkurrenz.

Brown: "Dies ist nicht die Zeit für Novizen"

Davon gab es zuletzt reichlich. Die Konservativen haben den 41-jährigen David Cameron zum Chef gewählt, der Brown im Parlament regelmäßig verhackstückt und in den Umfragen meilenweit vorne liegt. Auf dem Parteitag übte sich der 43-jährige Außenminister David Miliband im Schaulaufen als unerklärter Nachfolge-Kandidat Browns. Für beide hat Brown, 57, eine Ohrfeige parat. Er halte ja viel von guter Ausbildung für Lehrlinge, sagt der Premierminister. "Aber ich muss sagen: Dies ist nicht die Zeit für Novizen."

Miliband lächelt und klatscht, wie es sich gehört. In dieser Minute steht fest: Die Rebellion der vergangenen Wochen gehört der Vergangenheit an. Bis auf weiteres sitzt Brown wieder fest im Sattel.

Zu welchen Opfern der als scheu bekannte Schotte bereit ist, verdeutlicht der Parteitags-Auftritt seiner Frau Sarah, einer gelernten PR-Beraterin. Stets hat sich Brown als Mann von Substanz verkauft, dem die Show-Auftritte seines Vorgängers Tony Blair zuwider seien. Sarah Browns Begrüßung für "meinen Mann, den Vorsitzenden der Labour-Party, Euren Premierminister" symbolisiert ein bisher unbekanntes Maß an Amerikanisierung in der britischen Politik.

Den Wählern wird es egal sein – Hauptsache, der Chef der seit 11 Jahren amtierenden Labour-Regierung führt sie einigermaßen sicher durch die wirtschaftlich schweren Zeiten. Die sind Brown zufolge natürlich ausschließlich "den globalen Finanzmärkten” zuzuschreiben, die es jetzt zu reformieren gelte. In der Krise wolle er "der Felsen von Stabilität und Fairness sein, auf dem die Leute stehen können”. Die instinktiv loyalen Parteifreunde wollen es ihrem Vorsitzenden glauben.

Um aber auch das Land zu überzeugen, muss Brown noch häufiger gute Reden halten – und den Worten anschließend auch Taten folgen lassen.

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