Von Marc Pitzke, New York
Alle starren auf "Isaac". Der Tropensturm, der derzeit über die Karibik zieht, könnte sich zu einem handfesten Hurrikan entwickeln. Den Wettervorhersagen zufolge tankt er Kraft für Floridas Westküste - und damit auch für Tampa.
Das fehlt noch. In der Großstadt beginnt am Montag der Wahlparteitag der Republikaner, in einer Sportarena direkt am Wasser. Notfalls müsse man die Polit-Show halt "abblasen", drohte Tampas Bürgermeister Bob Buckhorn auf CNN. Später relativierte der Demokrat diese Ankündigung. Das könnten nur die Republikaner entscheiden. Doch so weit muss es vielleicht sowieso gar nicht kommen. In der Nacht zum Samstag hatte "Isaac" leicht nach Westen gedreht und könnte Flordias Westküste nun doch nur noch streifen. "Ich fühle mich heute viel besser als gestern", atmete Republikaner-Chef Reince Priebus auf.
Denn ein Wirbelsturm ist das Allerletzte, was er dieser Tage noch brauchen kann. Amerikas Parteitage sind akribisch inszenierte PR-Spektakel, bei denen nichts dem Zufall überlassen bleibt - bis hin zur patriotischen Musik, den blau-weiß-roten Luftballons, den Konfetti-Kanonen und den schrägen Kostümen der Delegierten, die auf Kommando jubeln.
Diesmal mehr denn je. Das steile Ziel der viertägigen Krönungsmesse im "Swing State" Florida, zu dessen Höhepunkt die Republikaner Mitt Romney am Donnerstag offiziell zu ihrem Präsidentschaftskandidaten erheben wollen: Basis und Kandidat zu einen und den Wählern dieses Paket als cool, charmant und weltoffen zu verkaufen. Und zwar nur eine Woche, bevor die Demokraten in North Carolina mit Barack Obama das Gleiche vorhaben.
"Isaac" war nicht der einzige Störenfried, der den republikanischen Drehbuchautoren in den letzten Tagen dabei Kopfschmerzen bereitete. Auch der unschmackhafte Skandal um den ultrakonservativen Kongressabgeordneten Todd Akin verdüsterte das Jubel-Schönwetter. Spötter sprachen schon vom "Hurrikan Todd".
Die Vorbereitungen gehen dennoch stoisch weiter. "Wir basteln an einem guten Programm", versicherte Romney-Stratege Russ Schriefer am Freitag unverdrossen. So gut, dass es bis zuletzt immer wieder mal umgeworfen wurde.
Denn Romney humpelt, wie selten zuvor ein Republikaner-Kandidat, mit schwerstem Polit-Ballast in diese bisher wichtigste Woche seines Wahlkampfes. Ballast, den er bis Ende kommender Woche abgeworfen zu haben hofft. Die Sorgen sind fremd- wie selbstverschuldet. Romneys bisheriges Rennen gegen Obama war ein Chaos aus vermeidbaren Fauxpas und verbalen Fehlzündungen. Wie etwa als er prahlte, dass er Untergebene gerne feuere oder sich "nicht um die ganz Armen" sorge. Am Freitag spielte er in seinem Geburtsstaat Michigan ungefragt auf die längst widerlegten Gerüchte an, Obama sei gar nicht in den USA geboren - ein Tabu unter seriösen Politikern, doch ein Steckenpferd des rechten Rands: "Keiner hat mich je nach meiner Geburtsurkunde gefragt."
Zum Kandidat der Mitte stylen
Da blieb die Message oft auf der Strecke. Statt sich zum Kandidat der Mitte zu stylen, droht Romney der Rechtsdrall. Und zwar sowohl dank des erzkonservativen Wahlprogramms, das sich die Partei in Tampa geben will, wie dank seiner eigenen, für viele rätselhaften Wahl des 42-jährigen Kongress-Insiders Paul Ryan als Vizekandidat - ein ideologischer Hardliner, dessen Posterboy-Erscheinung seine radikalen Einstellungen kaum vertuschen kann.
Dann ist da noch der Parteirebell Ron Paul. Der schrullige Abgeordnete aus Texas gewann die Delegiertenmehrheit in Iowa, Minnesota und Nevada, aber letztendlich nicht genug. Seine Anhänger drohen nun, den "roll call" zu stören - das formelle Nominierungsritual, eine für die TV-Kameras choreografierte Schau der Einheit.
Um die Paul-Fraktion ruhigzustellen, baten die Planer seinen Sohn, Senator Rand Paul, als Redner und hoben für Dienstag schnell auch noch ein "Tribut-Video" über Paul Sr. ins Programm. Sicherheitshalber verlegten sie den "roll call" von Mittwoch auf Montag. Man will die Dissonanz früh aus dem Weg räumen, um den Rest in holder Harmonie zu verbringen.
Dieser Rest ist ein Kessel Buntes, angerührt von erfahrenen TV-Produzenten und versehen mit dem Abziehmotto "A Better Future". Dazu werden insgesamt rund 50.000 Menschen nach Tampa gebracht - darunter 2286 Delegierte, 2125 "Reserve"-Delegierte und mehr als 15.000 Journalisten. Sie sind jedoch nur noch Komparsen in einem Ritual, das früher mal ein basisdemokratischer Prozess war, doch längst zum reinen Propandaaufgebot verkommen ist.
Die Standardrede reicht nicht
An seiner Parteitagsrede feilt Romney seit Wochen, sie ist die wichtigste seiner Karriere. Er muss eine Glanzleistung hinlegen, um nicht nur seine Partei in Wallung zu bringen, sondern vor allem die Wähler. Seine Standardrede reicht da nicht aus - zumal Wortkünstler Obama eine Woche später ans Podium tritt.
Um den Roboter Romney zum sanften Sonnyboy zu stylen, sollen zudem ehemalige Olympioniken auftreten, um an sein erfolgreiches Management der Winterspiele von Salt Lake City zu erinnern, sowie etliche mormonische Glaubensbrüder.
Sie alle werden auf eine 2,5 Millionen Dollar teure, blinkende Mega-Bühne geschoben, die bisher aufwendigste ihrer Art, mit 13 massiven LED-Leinwänden. Diese Show gilt weniger dem Saal als denen da draußen: Bei den letzten Parteitagen schalteten rund 40 Millionen TV-Zuschauer ein.
Als weitere Redner sollen unter anderem die feurigen Gouverneure Chris Christie und Scott Walker das Publikum anheizen. Ferner Romneys Vorwahlrivale Rick Santorum, stramm auf Linie gebracht, Ex-Außenministerin Condoleezza Rice und der Kandidat von 2008, Senator John McCain. Ihre alleinige Aufgabe: Romneys Cheerleader zu spielen. Weshalb sie sich auch vorher jedes Wort erst genehmigen lassen müssen - keine freien Reden, keine Überraschungen erlaubt.
Andere sind sicherheitshalber erst gar nicht dabei. Etwa McCains Vizekandidatin Sarah Palin: "Dieses Jahr ist eine gute Gelegenheit für andere Stimmen", erklärte sie verschnupft aus dem fernen Alaska. Offenbar sollen Erinnerungen an Palins umjubelten Auftritt beim Parteitag von 2008 vermieden werden, dem nur ein langer, kläglicher Absturz folgte.
Brenzlig könnte es dafür an anderer Stelle werden. Rund 15.000 Gegenprotestler und Anhänger der Occupy-Bewegung haben sich in Tampa angesagt. Die Polizei, die Tausende Beamte im Sondereinsatz hat, hat das Gelände weiträumig "eingefroren". Die Protestler wollen deshalb ein Zeltlager am anderen Ende der Downtown aufschlagen - "Camp Romneyville".
Hoffentlich sind sie wetterfest ausgerüstet.
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