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Parteitag-Rede: McCain verblasst in Palins Glanz

Aus St. Paul berichtet

John McCain hat sich auf dem Parteitag der Republikaner als Reformer und Garant des Wandels gezeigt. Aber in Erinnerung bleiben wird diese Ansprache nicht - der Präsidentschaftskandidat konnte mit seiner Vize Palin nicht mithalten.

St. Paul - Am Ende wird er richtig laut: "Nichts bringt größere Freude im Leben als einem Anliegen zu dienen, das größer ist als man selber", ruft John McCain. Der Applaus schwillt an, der republikanische Präsidentschaftskandidat muss mit jedem Satz lauter werden, fast schreien. "Kämpft mit mir. Steht auf und kämpft. Wir sind Amerikaner und wir geben niemals auf. Wir verstecken uns niemals vor der Geschichte. Wir schreiben Geschichte."

Die Delegierten im XCel Energy Center in St. Paul jubeln, Konfetti und Luftballons regnen von der Hallendecke. Der Kandidat lächelt strahlend auf der Bühne. Dann läuft er los, um Familie und Sarah Palin zu treffen - aber er dreht sich zunächst so unglücklich, dass nur sein Rücken in die Kamera guckt. Schließlich stakst McCain mit seiner Vize-Kandidatin über die Bühne, nach links, nach rechts. Sie winken in die Menge, Palin versucht, McCain sanft die Hand auf die Schulter zu legen, doch der stürmt schon wieder los, zurück zur Mitte der Bühne.

Die Bühnenabstimmung klappt noch nicht recht zwischen der 44 Jahre alten Ex-Schönheitskönigin aus Alaska und dem 72-jährigen Kriegsveteranen. Am Schlussabend dieses Parteitags wird - allem Schlussjubel zum Trotz - deutlich, wie unterschiedlich das Duo ist: Sarah Palin wirkt locker und entspannt am Rednerpult. John McCain nicht.

Der nun offiziell gekürte republikanische Präsidentschaftskandidat hielt eine Ansprache, die in krassem Gegensatz zu Palins Rede in der Nacht auf Donnerstag stand. Sie griff den demokratischen Rivalen Barack Obama keck an, die Gouverneurin von Alaska buhlte unverhohlen um die konservative Republikaner-Basis, verglich sich mit einem Pitbull mit Lippenstift. Die Delegierten tobten vor Begeisterung. "Sie ist ein Naturtalent wie Ronald Reagan", jubelten konservative Kommentatoren. Die Frage laute fast, ob McCain mit so viel Energie mithalten könne.

Während seines etwas verkorksten Wink-Auftritts mit Palin weiß McCain wohl schon: Er kann es nicht. Wenig später kann er es auch von den US-Kommentatoren hören: "Es wirkt, als hätte er nur das Gefühl gehabt, diese Rede halten zu müssen", urteilt Chuck Todd von NBC. "Ziemlich enttäuschend", meint Ex-Bush-Redenschreiber Michael Gerson. "Sehr konventionell", mäkelt Ex-Präsidentenberater David Gergen.

Dabei haben McCains Helfer keine Mühen gescheut. Die ganze Nacht haben sie die Bühne in St. Paul umgebaut, der Kandidat sollte von Menschen umringt sein - das mag er lieber als formelle Rednerpulte. Sie haben einen bewegenden Film über sein ereignisreiches Leben gebastelt, in dem eine tiefe Stimme zusammenfasst: "Was für ein Leben. Was für ein Glauben. Was für eine Familie. Country First. John McCain".

Sie haben ihm gar eine neue Botschaft gestrickt: eine vom Wandel. Das Wort hat zwar bislang Obama gepachtet - doch auch die Republikaner sprechen ebenfalls längst von einer "Wahl des Wandels" im November, nach acht Bush-Jahren. Also führt der Film ein: "Die Sterne stehen günstig. Der Wandel wird kommen."

McCain redet von den "ständigen Parteikämpfen", die man in Washington hinter sich lassen müsse - und stellt stolz seine neue Geheimwaffe vor, Sarah Palin. "Ich habe genau den richtigen Partner gefunden, um Washington aufzumischen", lobt McCain. "Ich kann nicht warten, sie all denen in Washington vorzustellen, die viel Geld ausgeben, aber nichts machen wollen. Für die das Land an zweiter Stelle steht. Ich habe eine Botschaft für sie: Hier kommt Wandel."

So spricht der Senator, der seit über 25 Jahren in Washington dient.

McCain kann sich das wohl erlauben, weil wenige Amerikaner Zweifel an seinem Charakter hegen. Sie halten ihn für einen anständigen Politiker. Dem Ruf wird McCain auch in seiner Rede gerecht.

Nach zwei Tagen schärfster Obama-Angriffe seiner Parteifreunde gibt sich der Kandidat als Versöhner. "Uns verbindet mehr als uns trennt", sagt er über seinen Rivalen und verzichtet weitgehend auf persönliche Attacken. Auch von Anbiederungen an die konservative Parteibasis sieht er fast komplett ab - abgesehen von kurzen Versprechen zu einer Anti-Abtreibungspolitik, konservativen Obersten Richtern und niedrigen Steuern.

Vor allem aber präsentiert sich McCain als erster Diener seines Landes. Untermauern kann er das mit der Geschichte seiner mehr als fünf Jahre langen Kriegsgefangenschaft in Vietnam. Die hat McCain schon oft erzählt, aber wohl noch nie so bewegend und so ausführlich. Wie er in Kriegsgefangenschaft geriet, wie ihn zwei barmherzige Mitgefangene wieder hochpäppelten in seiner winzigen Zelle, wie er die vorzeitige Freilassung ablehnte, weil andere Insassen sie eher verdienten - und weitere Jahre der Folter und Schläge ertrug. Wie er sich wandelte vom selbstbezogenen Draufgänger und Frauenhelden zu einem Patrioten. "Im Gefängnis habe ich die Liebe für mein Land entdeckt. Mein Land hat mich gerettet."

Es ist ein starker Moment, es ist eine starke Geschichte. Sie ist konkret und anrührend. Doch das gilt nicht für lange Redepassagen vorher.

McCain spricht über viele Themen, doch er sagt nicht viel. Er klingt präsidial - aber eher wie ein Präsident, der eine trockene Regierungserklärung vorträgt. Ein paar Sätze zur Bildungspolitik, zur Steuerpolitik, zur Energiepolitik. Dazwischen al-Qaida, Iran und einige Absätze zu Russland.

Verbunden wird das mit allzu vielen Gemeinplätzen, die McCain oft rasselnd vom Teleprompter abliest: "Lasst uns die besten Ideen zusammenbringen." "Wir wollen die transparenteste und offenste Regierung schaffen."

Das rächt sich für ihn vor allem bei seinen Sätzen zur Wirtschaftslage. Die treibt die meisten US-Wähler um - und die Demokraten haben McCain vorgehalten, er verstehe deren Nöte nicht. Also verlässt der sich auf einen Trick, den der große Kommunikator Ronald Reagan berühmt gemacht hat: Einfache Geschichten von einfachen Leuten zu erzählen, die ein schwieriges Thema verdeutlichen. "Ich kämpfe für Bill und Sue Nebe aus Farmington Hills Michigan", sagt McCain - die ihre Ersparnisse nach der Hypothekenkrise verloren und jetzt bis zu drei Jobs schultern, um durchzukommen. "Ich kämpfe für Jake und Toni Wimmer aus Franklin County, Pennsylvania" - deren Sohn an Autismus leidet.

Doch McCain huscht über diese emotionaleren Passagen, er lässt sie nicht wirken. Das gilt auch für die entspannteren Sätze seiner Rede - die erstaunlich ernsthaft bleiben, obwohl der als humorvoll geltende McCain gerade mit Witz gegen den oft allzu seriös wirkenden Obama punkten könnte. Kaum ein Satz prägt sich umgehend ein. "Hängenbleiben wird von diesem Parteitag die Rede von Sarah Palin", urteilt Chuck Todd.

So sehen das auch etliche Republikaner. Nahe dem XCel Energy Center sitzen zwei hochrangige Strategen des vorangegangenen Wahlkampfes zusammen. Sie wissen, dass McCain in Umfragen noch gute Chancen gegen Obama hat - selbst nach diesem Auftritt. Doch sie schwärmen immer noch von der Palin-Rede am Abend vorher. Und sie sprechen bereits von einer Partei-Zukunft, in der ein Präsident McCain nicht vorkommt. "Wenn Sarah Palin sich im Wahlkampf gut schlägt, kann sie in vier Jahren unsere nächste Kandidatin werden", sagen die beiden Republikaner.

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