Parteitagsprotest in New York Frustfressen gegen Bush

New Yorks Anarcho-Szene rüstet sich für den Republikaner-Parteitag: Sie ruft zum "massivsten Widerstand aller Zeiten" auf. Dazu zählen auch unkonventionelle Aktionen wie öffentliches Entblößen oder Protest-Kotzen.

Von , New York


Anti-Bush-Plakat von Molly Fair
Molly Fair

Anti-Bush-Plakat von Molly Fair

New York - Der fensterlose, düstere Büroraum im Schatten des Empire State Buildings ist bis zur Decke hoch gestopft mit Kartons, Papieren, Zeitungen, Flugblättern und T-Shirt-Stapeln. Eine Handvoll Jugendlicher sitzt plappernd herum, vor sich allerlei Bastelprojekte: Plakate, Masken, Anstecker, Flaggen, Postkarten. In der Ecke liegt ein Pappcontainer mit kaltem chinesischen Fastfood. Ein rostiger Ventilator müht sich ab, die stickige Luft umzuwälzen. Von nebenan dringt Hämmern.

"Wir bereiten uns auf die große Schlacht vor", sagt Ana Gordon-Loebl bedeutsam. "Es ist eine historische Schlacht. Es ist die Schlacht um unsere Zukunft." Ana ist 16 Jahre alt, tagsüber geht sie auf die Highschool. Schwarze Locken umkränzen ihre rosigen Kinderwangen. Auf ihrem T-Shirt steht: "Say No To This War."

So sehen sie also aus, die Anarchos von heute: picklige Kids, Slogans auf dem Hemd, Buntmalstifte in der Hand. Eine pubertäre Armee, die sich für die Stunde Null rüstet, die Invasion der Todfeinde - US-Präsident George W. Bush und seine Republikaner, die ab Ende nächster Woche zu ihrem Wahlparteitag in Manhattan einfallen werden. "Bushs Krieg gegen den Terror ist ein Krieg ohne Ende", sagt Ana, im fließenden Protestjargon. "Bush will den Polizeistaat. Wir werden das nicht tatenlos zulassen. Nicht in unserem Namen."

83 Prozent gegen den Parteitag

Not in our name. Genau so nennt sie sich auch, die Aktivistengruppe, zu der Ana gehört: Hunderte Kriegsgegner und "Kultur-Anarchisten" aus den ganzen USA, die den "Bushies" bei ihrer New Yorker Partei-Party die Sektlaune verderben wollen. "Es ist unglaublich, dass die Republikaner ihren Parteitag in unserer Stadt abhalten", schimpft Robina Niaz, Koordinatorin der Bewegung und eine Muslimin. "Wir sehen das als Angriff."

Organisator Doody (M.) mit Kollegen: "Wir werden keinen um Erlaubnis bitten
AFP

Organisator Doody (M.) mit Kollegen: "Wir werden keinen um Erlaubnis bitten

Und deshalb sollte sie auch keiner unterschätzen, trotz Buntmalstiften. Denn nicht alle sind sie jung und unerfahren, die sich seit Wochen still im New Yorker Untergrund sammeln wie Spartakus' Sklavenheer vor den Toren Roms, und nicht alle sind sie zahm. Ihr erklärtes Ziel jedoch ist identisch: Während des Bush-Nominierungskonvents wollen sie mindestens eine Million Menschen zum "massivsten Widerstand aller Zeiten" mobilisieren - mit friedlichen und auch weniger friedlichen Mitteln. "Wir werden Grenzen übertreten", kündigt Ana ominös an, "die wir noch nie in unserem Leben übertreten haben."

Ordentliche Revoluzzer

In der Demokraten-Hochburg New York, wo Bushs Rivale John Kerry in allen Umfragen bequem führt, betrachten 83 Prozent der Leute den Parteitag als Affront oder zumindest als Ärgernis, das ihren Alltag durcheinander bringt. Wenn also die Republikaner anrücken, um sich in der Stadt des 9/11-Terrors zum Wahlsieg aufzuputschen, sind nicht nur ordentlich angemeldete Gegendemos zu erwarten, etwa ein Massenumzug von rund 500.000 Menschen am Vortag des Parteitags. Sondern auch unzählige Anarcho-Aktionen - ein unberechenbarer, doch zentral koordinierter Ausbruch gesellschaftlichen Protests, wie es ihn nach Ansicht von Historikern seit der Bürgerrechtsbewegung nicht gegeben hat.

Mit einem kräftigen "Nein" wollen die Demonstranten Bush in New York begrüßen

Mit einem kräftigen "Nein" wollen die Demonstranten Bush in New York begrüßen

Hunderte Gruppen haben Störfeuer angekündigt: Mütter, Senioren, Aidskranke, Kirchenleute, Immigranten, Tierschützer, Globalisierungsgegner, Friedensbewegte, Künstler, Transsexuelle. "Bei vielen Demonstranten herrscht das Gefühl, dass die klassischen Taktiken abgestanden sind", sagt der Soziologe Todd Gitlin, einst selbst ein Anführer der Vietnamproteste. "Die jungen Leute wollen was Neues."

Dass dies neue Zeiten sind, zeigte sich neulich auch in der St. Mark's Church-in-the-Bowery, einer beliebten Revoluzzer-Enklave im East Village: Da gab der radikale Untergrund auf einer ganz ordentlichen Pressekonferenz seine Tagesordnung für die Protestwoche bekannt - wohl wissend, dass heutzutage nichts mehr Wirkung hat, wenn es nicht für die Kameras inszeniert ist. Brav und artig saßen die Anarchos da vor den Journalisten. "Wir werden die Straßen in Bühnen des Widerstands verwandeln", sprach der Aktivist Tim Doody. "Und wir werden keinen um Erlaubnis bitten."

Wie die alten Römer

Anders als beim Bostoner Parteitag der Demokraten, wo sich die Protestler in einem elenden Stacheldraht-Verhau in Schach halten ließen, wollen sie diesmal überall aufkreuzen. Auch und vor allem "an den Barrikaden" des Madison Square Gardens, des hermetisch abgeschotteten Versammlungsorts - und das bewusst ohne Demonstrationsgenehmigung. "Die Versammlungsfreiheit ist keine", sagt Doody, "wenn du die Regierung bitten musst."

Bürgermeister Bloomberg auf einer Pressekonferenz im Vorfeld des Parteitags der Republikaner
AP

Bürgermeister Bloomberg auf einer Pressekonferenz im Vorfeld des Parteitags der Republikaner

So ganz neu ist das alles dann eben doch nicht. "Ziviler Ungehorsam" ist auf einmal wieder das Wort der Stunde - wie zur Zeit der Achtundsechziger: Krach, Musik, Straßenkunst, Sitzblockaden. Daneben bedrohen die neuen Blumenkinder aber auch ganz spezifisch "Bush-nahe" Firmen, prominente Wahlkampfspender und Parteitags-Randveranstaltungen mit einer "Aktionswelle", darunter ein "Stadtrundgang zu den Kriegsprofiteuren" samt Mini-Demos. Mit im Visier: der Ölkonzern Chevron und die Bank of America, die im Nobelrestaurant "Tavern on the Green" zum runden Tisch der Hochfinanz geladen haben.

Andere greifen zu unkonventionelleren Mitteln. Zum Beispiel Wettkotzen gegen Bush: Drei Performance-Künstlerinnen wollen mit freiwilligen Gästen eine römische Fress-Orgie nachstellen, um Parallelen zwischen der Dekadenz des Römischen Reiches und den heutigen USA herzustellen. "Sobald die Gäste genug zu sich genommen haben", verspricht Organisatorin Wendy Tremayne, "können sie in einen Trog kotzen wie die alten Römer."

Erhöhtes Gewaltniveau

Eine andere Damengruppe hat 100 Dessous und Büstenhalter mit Anti-Bush-Slogans verziert. Die wollen sie sich dann telegen von der Brust reißen. Um damit aber nicht mit dem Sittengesetz zu kollidieren, werden sie drunter züchtige, fleischfarbene Leibchen tragen.

Homepage der Aktivistengruppe Not in our name

Homepage der Aktivistengruppe Not in our name

Auch anderswo sollen Rechtsbruch und Gewalt möglichst vermieden werden - offiziell jedenfalls. "Anarchisten haben nie Unbeteiligte verletzt", heißt es auf der Planungs-Website des Untergrunds, www.anarco-nyc.net. "Das Letzte, was wir wollen, ist es, denen Schaden zuzufügen."

Die Stadtväter unter Bürgermeister Mike Bloomberg rechnen trotz solcher Verlautbarungen mit Krawall - und ließen New York zur Festung hochrüsten. Denn die "Hardcore-Gruppen", ahnt Polizeichef Ray Kelly, hätten "ihr Gewaltniveau" spürbar "erhöht" - mit dem Ziel, während des Parteitags "die Öffentlichkeit zu gefährden".

Mit Rabatt ins Sexmuseum

76 Millionen Dollar hat die Polizei zum Schutz des Parteitags und seiner Delegierten veranschlagt. 10.000 Beamte werden allein um den Madison Square Garden Stellung beziehen. Ein 35-seitiges Handbuch, eigens hierzu vom Police Department gedruckt, bereitet die Cops auf allerhand Gegenwehr vor: mit Metallsplittern gefüllte Luftballons, von Dächern fallende Billiardkugeln, Hockeypuck-Katapulte, Murmeln auf der Straße. Alles Unsinn, beteuern die Protestler: "So was sind moderne Legenden", lacht Eric Laursen von der Anarchistendachgruppe A31 Coalition. Es sei die Polizei, die mit solcher Panikmache Unruhe und Chaos schüre, behauptet er.

Trotzdem hat auch das FBI jetzt schon Dutzende potenzieller Parteitags-Protestler präventiv verhört. Dazu drängte das US-Justizministerium die kommunalen Polizeibehörden in einem internen Memo, "verdächtige Aktivitäten" nach oben weiter zu melden - etwa auch Fundraising und Demo-Werbung via Internet. "Diese Art von Druck hat schlimme Auswirkungen auf legitime politische Aktivitäten", sagt der Bürgerrechtler Mark Silverstein. "Irgendwann haben die Leute Angst, zu einer Demonstration zu gehen."

Um friedlichen Protest zu ermuntern, hat sich Bürgermeister Bloomberg außerdem etwas ganz Besonderes ausgedacht: Demonstranten sollen erstmals die gleichen Rabatte und Coupon-Heftchen für New Yorker Restaurants, Museen und Theater bekommen wie die Parteitagsdelegierten. "Mit leerem Magen demonstriert sich schlecht", sagt Bloomberg. Bei näherem Hinsehen variieren die Sonderangebote jedoch leicht: Während die Republikaner reduzierten Eintritt für das Museum of Natural History erhalten, in dem Dinosaurierskellete ausgestellt sind, wird den Anarchos das Museum of Sex empfohlen.

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