Partystimmung in Kenia: "Good luck, Barack!"

Aus Kogelo berichtet Horand Knaup

Techniker verkabeln das Dorf, ein riesiger TV-Bildschirm wird aufgebaut: Im Westen Kenias, in der Heimat von Barack Obamas afrikanischer Oma, fiebern Fans und Verwandte seinem erhofften Triumph entgegen. Sogar ein Ochse steht bereit - bei einem Sieg des Kandidaten wird er geschlachtet.

Kogelo - Sie sind nicht rechtzeitig fertig geworden. Noch am Dienstagnachmittag sind mächtige Bulldozer und Lastwagen im Einsatz, um den acht Kilometer langen Feldweg zu Kenias bekanntester Familie neu zu planieren. Große Walzen und Trucks sind im Einsatz, so modern, wie man sie in Kenia sonst nicht sieht. Die Polizei hat sich in zwei Zelten auf dem Gelände der Familie niedergelassen. Der Zaun, der erst kürzlich gegen Einbrecher und Diebe errichtet worden ist, hat noch ein Rolltor bekommen.

Sarah Hussein Obama: Wer der Großmutter Sarah auf dem Weg zur Dorfapotheke zu nahe kommt, wird festgehalten
REUTERS

Sarah Hussein Obama: Wer der Großmutter Sarah auf dem Weg zur Dorfapotheke zu nahe kommt, wird festgehalten

Davor, auf dem Areal der Größe eines Fußballfeldes, campiert nun die Weltpresse. Aus Südafrika und Angola sind Journalisten gekommen, die BBC schaltet morgens gleich mehrfach live zum Zaun, CNN ist mit zwei Teams vertreten, um ganz sicher nichts zu verpassen, und auch das deutsche Fernsehen ist da.

Das kleine Streudörfchen Kogelo, eine Autostunde von Kisumu ganz im Westen Kenias gelegen, ist im Belagerungszustand. In Kogelo wohnt Sarah Obama, die Großmutter von US-Präsidentschaftskandidat Barack Obama. Und die ganze Welt will dabei sein, wenn ihr Enkel zu Amerikas neuem Präsidenten gewählt wird. 86 Jahre alt sei sie, sagt man, aber weil sie sich noch an den Kampf von Briten und Deutschen in Ostafrika erinnert, können es auch ein paar Jahre mehr sein.

Nun ist es nicht so, dass der kenianische Zweig besonders innige Verbindungen zum Kandidaten und möglichen künftigen Präsidenten hätte. Sarah war die dritte Frau von Obamas Großvater, sein Vater war nicht ihr Sohn, aber weil Sarah ihn groß gezogen hat und der, 1982 bei einem Autounfall ums Leben gekommen, neben ihrem Haus begraben liegt, fällt nun auch auf Kogelo ein langer prominenter Schatten. Außerdem nennt Obama sie Grandy - Großmutter.

Zuletzt war der Senator vor zwei Jahren hier

Auch Halbschwester Auma, die lange in Deutschland gelebt hat, hat Barack Obama erst in den achziger Jahren kennen gelernt. Immerhin, ein paar Mal war der Senator schon in Kogelo, zuletzt vor zwei Jahren, eine knappe Stunde lang. Er hat den Strom aus Solarzellen spendiert, den es seither für einige Häuser gibt, die zwei Schulen sind inzwischen nach ihm benannt – und jetzt hat auch die holprige Straße eine neue Decke bekommen.

Die Familie, von Halbschwester Auma organisiert, sagt schon seit Wochen nichts mehr. Es soll eine entsprechende Bitte aus der Kampagnentruppe des Wahlkämpfers in den USA gegeben haben. Interviews werden nicht mehr gegeben, alle zwei Tage mal vor dem Haus ein nichts sagendes Pressestatement von Halbbruder Malick – aber was sollen sie auch sagen? Immerhin, so viel ist durchgesickert, für den Fall des Sieges haben sie Nachbarn eingeladen, und ein Ochse soll geschlachtet werden.

Gelegentlich verlassen sie in einem abgedunkelten Jeep das Gelände, besichtigen den seltsamen Medienauftrieb und verschwinden in einer Staubwolke. Polizisten patrouillieren durch das Dörfchen, in das sich früher nie Polizisten verirrt hatten, und wer Großmutter Sarah auf dem Weg zur Dorfapotheke zu nahe kommt, wird festgehalten.

"Die Amerikaner sind gute Leute"

Nur sie selbst bleibt bemerkenswert gelassen. Sie nimmt das Handy immer noch ab, plaudert fröhlich hinein, und fragende Stimmen im Hintergrund, wer denn die Anrufer seien, bescheidet sie mit "Freunde!" Und manchmal schleicht sie sich durch den Hinterausgang aus dem Haus. Das einzige aber, was sie sich über ihren Enkel entlocken lässt: "Good luck, Barack!" Dabei hat sie es nicht leicht in diesen Tagen. Das Laufen ist beschwerlich, das Knie ist dick angeschwollen, jeden Morgen kommt ein Arzt um es zu punktieren.

Es ist Dienstagnachmittag, und der Medientrupp hat sich auf dem Dorfplatz versammelt. Es gibt Obama-Hüte und Obama-T-Shirts, eine Handy-Firma hat ihre Banner aufgehängt, die Reporter machen ihre Aufsager. Ein Frauenchor singt, eine Band spielt auf, die gesamte Kirchenspitze der Region ist gekommen, um für den fernen Sohn zu beten. Grandy und Auma werden fast erdrückt, als sie zu ihren Plätzen geleitet werden. Sagen wollen sie nichts.

Dafür schreit der Reverend in sein Mikrophon, was er denkt. Es ist, was sich in Kogelo, was sich im Westen Kenias alle wünschen: "Ich will, dass mein Bruder morgen früh, wenn ich aufwache, im Weißen Haus sitzt." Und der Erzbischof sagt: Die Amerikaner sind gute Leute – sie werden schon richtig wählen."

Nicht nur in Kogelo, überall im Land sind die Erwartungen an den möglichen neuen US-Präsidenten ins Unermessliche gestiegen - absehbare Enttäuschungen inbegriffen. Seit Monaten gibt es ein "Senator"-Bier, das jetzt allerdings in "Citizen"-Bier umbenannt wurde, und am vergangenen Wochenende wurde "Obama – The Musical" uraufgeführt. "Wenn der Senator gewinnt, wird die Welt nicht mehr die gleiche sein", schrieb am Montag die auflagenstärkste Zeitung, "The Nation". "Länder, die die krudesten Formen des menschenverachtenden Kapitalismus blind übernommen haben, wie Kenia, werden ihre Politik überdenken müssen."

Ganz besonders aber die Luos, der zweitgrößte Volksstamm des Landes und überwiegend im Westen Kenias zu Hause, werden im Falle des Wahlsieges jubeln. "Wenn Obama, unzweifelhaft vom Stamm der Luo, zum US-Präsidenten gewählt wird", notierte der "Standard", kann dann noch irgendjemand behaupten, ein Luo könne nicht Kenia regieren"? Das weiß auch Kenias Premier Raila Odinga, ein Mann mit populistischer Spürnase, ganz genau. Für den Mittwoch hat er sich schon einmal in Kogelo angekündigt. Auch er kommt aus dem Westen Kenias, auch er ist ein Luo.

Große Siege haben viele Sieger.

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