Russland und Ukraine Patriarch von Konstantinopel erkennt Spaltung der orthodoxen Kirche an

Die Ukraine ist seit Samstag kirchlich formal von Moskau unabhängig - zum ersten Mal seit Jahrhunderten. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko spricht von einem großen Tag für sein Land.

Patriarch Bartholomäus I. bei der Unterzeichnung
AP

Patriarch Bartholomäus I. bei der Unterzeichnung


Alle Proteste aus Moskau waren vergebens: Der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel hat die Unabhängigkeit der neuen Orthodoxen Kirche der Ukraine anerkannt. Bei einer Zeremonie im Patriarchat in Istanbul unterzeichnete Bartholomäus I. im Beisein des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko ein Dokument über die Eigenständigkeit der neuen Kirche, deren Oberhaupt der ukrainische Metropolit Epiphanius ist.

Am 15. Dezember hatten sich in Kiew zwei orthodoxe ukrainische Kirchen vereinigt, die sich 1921 und 1992 von dem orthodoxen Patriarchat in Moskau abgespalten hatten. Mit ihrem Zusammenschluss zu der neuen Orthodoxen Kirche der Ukraine ebneten die beiden bis dahin nicht anerkannten Kirchen den Weg für ihre Anerkennung durch Bartholomäus I.

Anders als der Papst, der über eine geeinte katholische Kirche herrscht, ist der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel bloß der angesehenste von einem Dutzend orthodoxen Kirchenführern, ein Erster unter Gleichen. Deshalb bestreitet der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill, dass Bartholomäus das Recht habe, über die Unabhängigkeit der ukrainischen Kirche zu entscheiden, da diese in den vergangenen Jahrhunderten Moskau unterstellt war. Allerdings war es Konstantinopel, das einst auch Moskaus kirchliche Unabhängigkeit bestätigt hat und später die Unterordnung Kiews unter den Moskauer Patriarchen.

Wahlkampf mit Kirchenpolitik

Petro Poroschenko, Bartholomäus, Epiphanius (v.l.n.r.)
ERDEM SAHIN/EPA-EFE/REX

Petro Poroschenko, Bartholomäus, Epiphanius (v.l.n.r.)

Der seit langem schwelende Streit in der orthodoxen Kirche wurde in den vergangenen Jahren durch die Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland und den Konflikt im Osten der Ukraine verschärft. Moskau unterstützt dort die prorussischen Separatisten.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko setzte sich zuletzt mit Nachdruck für die Abspaltung der ukrainischen Kirche von Moskau ein. Er trieb die Pläne auch als Teil seines Wahlkampfes voran. Ende März wird in der Ukraine ein neuer Präsident gewählt, Poroschenko erhofft sich durch seinen Einsatz für die kirchliche Unabhängigkeit eine Verbesserung seiner schlechten Umfragewerte. (Lesen Sie hier mehr über die politischen Hintergründe des Schismas)

"Endlich hat der Herr uns eine Orthodoxe Kirche der Ukraine gesandt", sagte der Präsident in Istanbul unter dem Applaus der Zuhörer. "Die Ukraine ist nun in Liebe und Gebet vereint." Er dankte Bartholomäus im "Namen der ukrainischen Nation" und erklärte, die Ukraine werde "allein mit Liebe und Glauben" handeln.

Das russisch-orthodoxe Patriarchat in Moskau kritisierte dagegen die Entscheidung zur Anerkennung der neuen Kirche. Das am Samstag unterzeichnete Dokument sei "das Ergebnis politischer und persönlicher Ambitionen" und verstoße gegen das kanonische Recht, weshalb es keinerlei Gültigkeit habe, sagte der russische Kirchensprecher Wladimir Legoida.

syd/dpa/AFP

insgesamt 71 Beiträge
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Crom 05.01.2019
1.
Jetzt hat's Putin geschafft, nicht nur die ehemaligen Brudervölker Ukrainer und Russen hat er auseinander gebracht sondern sogar die Orthodoxen Kirche ist jetzt gespalten. Applaus, Herr Putin!
BettyB. 05.01.2019
2. Toll(haus)
20. Jh. und die Christen spalten ihre Sektengemeinschaft in immer mehr unabhängige Gruppen, wobei die römische-katholische ja nur sich selbst als Kirche anerkennt. Zu dieser neuen Sekte kann man Herrn Poroschenko nur gratulieren.
mbert 05.01.2019
3. Spaltung? Hier wird es missverständlich.
Soweit ist mit dem Artikel ja alles in Ordnung - bis auf die Überschrift. Die neue ukrainische Kirche vereinigt sogar die beiden bisherigen von Moskau unabhängigen ukrainischen orthodoxen Kirchen, das wäre ja schon einmal genau das Gegenteil. Dadurch, dass sich die neue ukrainische Kirche einem anderen Patriarchen unterstellt, spaltet sie schon einmal auch nichts, da ja alle Patriarchen Teil der selben Kirche sind. Warum also "Spaltung"? Tatsächlich kann von einer Spaltung nur bei der Reaktion Moskaus die Rede sein: durch die Aufkündigung der Kommunikation mit Konstantinopel hat Moskau nun einen Keil in die Weltorthodoxie getrieben, den man mit Fug und Recht als Spaltung bezeichnen kann. Darauf geht der Artikel aber leider nicht ein.
neue_mitte 05.01.2019
4.
Das ist eine traurige, aber wohl unumwendbare Entwicklung. Zwei Länder mit ähnlicher Sprache, ähnlicher Schrift und ähnlicher Geschichte hätten nach 1991 die Chance gehabt, ohne Joch der UdSSR zusammen zu existieren. Aber leider braucht der Große einen Sicherheitspuffer um sich herum, in dem die Kleinen nix zu melden haben. Nun wollte sich der Kleine nach Westen orientieren, aber das wollte eben der Große nicht. Und hat durch Annexion eines Landesteil und de-facto Abtrennung durch Bürgerkrieg eines anderen die Völker vollkommen entzweit. Die Kirchentrennung ist ein weiterer Sargnagel in dieser Entfremdung. Das ist schade, sehr schade. Ohne diese beiden kriegerischen Akte durch Russland, hätte auch eine westlich orientierte Ukraine gute Beziehungen und Geschäfte zu Russland gehabt und Russland hätte die Ukraine als exklusiven Zugang zur EU gehabt. Die Ukraine als Brücke. Der kürzlich bis 2042 verlängerte Vertrag für Sewastopol wäre noch aktiv und ein Poroschenko gar nicht mehr im Amt. Nur durch die russische Aggression werden die Ukrainer zusammengeschweißt und wenden sich an so einen Politiker, mit dem sie in Friedenszeiten evtl. gar nix zu tun haben wollen.
espet3 05.01.2019
5.
Zitat von CromJetzt hat's Putin geschafft, nicht nur die ehemaligen Brudervölker Ukrainer und Russen hat er auseinander gebracht sondern sogar die Orthodoxen Kirche ist jetzt gespalten. Applaus, Herr Putin!
Warum nicht auch Trump, der für die Trennung schuldig ist. Wer den Artikel gelesen hat, weiß, dass Poroschenko aus politischen Erwägungen die Hand im Spiel hat.
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