Blitzanalyse zur Griechen-Wahl: Athen droht politischer Stillstand

Die Griechen haben zum zweiten Mal binnen sechs Wochen über die Zukunft ihres Landes entschieden - doch klare Mehrheiten sind nicht absehbar. Was bedeutet die Parlamentswahl für Griechenland, den Euro und Deutschland? SPIEGEL ONLINE beantwortet die wichtigsten Fragen in einer Blitzanalyse.

DPA

Berlin/Athen - Die Wahl in Griechenland wird zur Zitterpartie für die Griechen, Europa und die Finanzmärkte: Prognosen zufolge liegen die konservative Nea Dimokratia und das Bündnis der radikalen Linken fast gleichauf. Erste verlässliche Hochrechnungen werden im Laufe des Abends erwartet. Die Parlamentswahl gilt als Votum über die Frage, ob Athen in der Euro-Zone bleibt oder zur Drachme zurückkehrt.

Was bedeutet die Parlamentswahl für Griechenland, den Euro und Deutschland? SPIEGEL ONLINE beantwortet die wichtigsten Fragen in einer Blitzanalyse.

Kann Griechenland sein politisches Koma aufbrechen?

Am Ende der Wahlnacht könnte die konservative Nea Dimokratia (ND) oder die linke Syriza als stärkste Partei hervorgehen. Diese bekommt 50 Bonussitze im 300-köpfigen Parlament und das Mandat zur Regierungsbildung - doch die ist kompliziert, und die Pattsituation macht die Lage nicht einfacher. Scheitert die stärkste Partei mit der Regierungsbildung, geht der Auftrag an den Vorsitzenden der zweitstärksten, dann an den der drittstärksten über. Hilft selbst ein Vermittlungsversuch des Präsidenten nicht, müsste Griechenland erneut wählen.

Was bedeutet die Wahl für die Euro-Zone?

Ein Sieg der radikalen Linken Syriza und deren Verbündeten wäre eine Hiobsbotschaft für die Euro-Zone. Denn die Syriza will das mit den Geldgebern vereinbarte Sparpaket kippen - die Kredite des Euro-Krisenfonds EFSF und des Internationalen Währungsfonds IWF sind an strenge Sparauflagen geknüpft. Sollte Griechenland diese nicht erfüllen, könnten keine weiteren Gelder nach Athen überwiesen werden. Dann droht der Staatsbankrott. Das könnte noch vor Jahresende dazu führen, dass Griechenland die Euro-Zone verlassen muss. Selbst wenn sich die Sparkurs-Befürworter der ND um Antonis Samaras durchsetzen, kann es schwierig werden: Die proeuropäischen Konservativen fordern Nachverhandlungen am Sparpakt, was für erheblichen Unmut bei den Geldgebern sorgt. Schon jetzt sind die Auflagen aus dem zweiten Rettungsprogramm, auch wegen des politischen Chaos, nicht ansatzweise umgesetzt. Es ist aber nicht unwahrscheinlich, dass man den Griechen aus Furcht vor einem sogenannten Grexit, dem Einführen einer eigenen Währung, noch einmal entgegenkommt, etwa mit längeren Laufzeiten für das Athener Sparprogramm.

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Athen: Schicksalswahl in Griechenland
Wie reagieren die Märkte?

Die Nervosität an den Finanzmärkten ist nicht nur wegen Griechenland, sondern auch angesichts der Probleme in Spanien und Italien extrem hoch. Hinzu kommt die Furcht vor einem sogenannten Bank-Run: Ein unklares Wahlergebnis könnte am Montagmorgen dafür sorgen, dass massenhaft Griechen die Banken stürmen und ihre Konten leerräumen, um ihr Erspartes zu retten. Möglicherweise verständigen sich die Euro-Spitzenpolitiker und Notenbanker kurzfristig über entsprechende Gegenmaßnahmen, die kurzfristig das Vertrauen an den Märkten sichern sollen. Steigt Griechenland mittelfristig aus dem Euro aus, wären die Folgen ohnehin unkalkulierbar. Die Krisenstimmung eines griechischen Austritts würde auf ganz Europa überschwappen, warnen Volkswirte. Investoren könnten das Vertrauen in andere gebeutelte Länder wie Spanien, Italien oder Portugal verlieren.

Was kann die Bundesregierung tun?

Die Kanzlerin steckt in der Zwickmühle. Im Vorfeld der Schicksalswahl machte sie klar, dass weitere Kompromisse oder ein Aufweichen des Sparprogramms mit ihr nicht zu machen sind. Doch auf internationaler Bühne wächst der Druck auf die Regierungschefin, noch mehr Geld in die Bekämpfung der Krise zu pumpen. Die USA, Frankreich, Großbritannien oder Italien fordern, dass die Deutschen noch mehr Finanzlasten schultern. Doch weitere Hilfen könnte Angela Merkel ihren Wählern nur schwer verkaufen, die Anti-Griechen-Stimmung setzt sich hartnäckig fest: Zwei Drittel der Bundesbürger sind Umfragen zufolge dagegen, dass Deutschland weitere Risiken übernimmt. Und auch in den eigenen Reihen gibt es Rufe nach Vorbereitungen auf den Ausstieg Athens aus dem Euro. Ein drittes Hilfspaket für Griechenland wäre im Bundestag und auch in der schwarz-gelben Koalition wohl nicht durchsetzbar.

amz/AFP/dpa/dapd

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insgesamt 62 Beiträge
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1. optional
nic 17.06.2012
Hoffentlich machen die Linken das Rennen.
2. Noch nie hab ich mir gewünscht,
adam68161 17.06.2012
dass die Linken gewinnen.Heute wünsche ich mir dies in Griechenland. Schluss mit dem wankelmütigen, unzuverlässigen "Europartner"!
3.
twister13 17.06.2012
Zitat von nicHoffentlich machen die Linken das Rennen.
Und was soll dann tolles Ihrer Meinung nach passieren?
4. J,
G-Kid 17.06.2012
Zitat von nicHoffentlich machen die Linken das Rennen.
das ist für die Griechen und uns alle am Besten!
5. Schrecken ohne Ende
wikö 17.06.2012
Zitat von nicHoffentlich machen die Linken das Rennen.
Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.
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Euro-Krise: Warum Griechenland die Wahl nicht fürchtet

Griechische Tragödie - der Rettungsplan für Griechenland
Das erste Hilfspaket 2010
Im April 2010 beschloss der EU-Gipfel das erste Rettungspaket in Höhe von 110 Milliarden Euro für drei Jahre. Im Gegenzug verpflichtete sich Athen zu einem strikten Spar- und Reformkurs, der Privatisierungen und Stellenabbau im Öffentlichen Dienst umfasste. Doch die Auflagen wurden von Beginn an nicht planmäßig umgesetzt, die Privatisierung kam überhaupt nicht voran. Parallel schmierte die Wirtschaft weiter ab.
Das zweite Hilfspaket 2011
Im Sommer 2011 beschlossen die Regierungschefs ein zweites Rettungspaket, an dem sich die privaten Gläubiger mit einem Forderungsverzicht beteiligen sollten. Im Oktober wurde mit den Banken ein Schuldenschnitt von 50 Prozent ausgehandelt. Mit dem beispiellosen Paket sollte erreicht werden, dass die Gesamtverschuldung der Griechen von weit über 160 Prozent der Wirtschaftskraft bis 2020 auf 117 Prozent abgebaut wird. Als Gegenleistung mussten die Hellenen Haushaltskürzungen von 3,2 Milliarden Euro und heftige Sparmaßnahmen akzeptieren: Ein Abbau von 150.000 Stellen im öffentlichen Dienst, eine Absenkung des Mindestlohnes um 22 Prozent, Privatisierungen von 50 Milliarden Euro, Anhebung der Nahverkehrspreise um 25 Prozent. Doch auch das zweite Programm wurde wegen des politischen Chaos bislang nicht ansatzweise umgesetzt.
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Euro-Krise, EM-Freude: Griechenland vor der Parlamentswahl