Von Sebastian Fischer, Washington
Mitt Romney mag Paul Ryan. Ein "intellektueller Anführer" sei sein Vize, sagt der republikanische Präsidentschaftskandidat. Einer, der da "eine Kerze anzündet", wo es dunkel sei. Fein. Doch hat Romney Ryan deshalb ausgewählt? Wohl kaum.
Welchen Vize sich ein Bewerber letztlich aussucht - dafür gibt es mannigfaltige Gründe. Ein Ostküsten-Kandidat sucht sich seine Nummer zwei möglicherweise in den Südstaaten, um dort Stimmen abzugreifen. So hat es John F. Kennedy mit Lyndon B. Johnson gemacht. Oder man bindet einen früheren parteiinternen Gegner ein, wie es Ronald Reagan mit dem älteren George Bush getan hat. Oder ein Junger sucht sich als Ergänzung einen Alten, der Erfahrung in der Außenpolitik mitbringt - so wie bei Barack Obama und Joe Biden.
Bei Mitt Romney aber geht es um Profil-Schärfung. Der blasse Republikaner-Kandidat, der in seiner Karriere schon für dies und jenes und das Gegenteil davon stand, hat sich mit Paul Ryan einen Mann mit glasklarer Agenda an die Seite geholt: Sozialkürzungen, Steuersenkungen, mehr Militärausgaben. Das hat der 42-jährige Chef des Haushaltsausschusses im Repräsentantenhaus nicht nur gesagt; er hat es sogar detailliert niedergeschrieben im "Ryan-Plan" - eigentlich: "Der Weg zum Wohlstand".
Heißt: Ryans Plan ist jetzt auch Romneys Plan. Und plötzlich hat der Obama-Rivale ein Thema.
"Schuldenkrise, Wohlfahrtstaat, Nation im Niedergang"
Tatsächlich war das anders geplant. Team Romney wollte vornehmlich über den vermeintlich gescheiterten Amtsinhaber reden - bei einer Arbeitslosenquote von über acht Prozent - statt über den eigenen Kandidaten und seine Alternativen. Auf diese Weise wollte man sich unangreifbar machen. Allein: Diese Taktik ist nicht aufgegangen, in den letzten Wochen ist Romney sowohl in den landesweiten Umfragen als auch in den entscheidenden Swing States hinter Obama zurückgefallen.
Ryan selbst gehörte von Beginn an zu den Kritikern dieser Strategie: "Wir können nicht gewinnen, indem wir einfach nur standardmäßig auf Obama einschlagen", sagte er laut "Washington Post" schon vor Monaten. Romney müsse vor seine Landsleute treten, so Ryan damals, und ihnen die Wahl zwischen zwei Wegen in die Zukunft anbieten. So ist es nun gekommen. Auffällig, wie Ryan genau dieses Motiv seit seiner Vorstellung als Vizekandidat am Samstag wieder und wieder gespielt hat: "Wir bieten euch, liebe Landsleute, die Wahl. Wollt ihr die amerikanische Idee, die Chancen-Gesellschaft mit einem Sicherheitsnetz? Oder wollt ihr eine Schuldenkrise, den Wohlfahrtstaat und eine Nation im Niedergang?"
Romney also geht mit Ryan jetzt auf Risiko, um aus der Defensive herauszukommen. Das konservative "Wall Street Journal" feiert die Entscheidung: Romney habe sich damit "vom Stereotyp befreit, ein vorsichtiger Technokrat zu sein". Auch die andere Seite jubiliert. Die Demokraten meinen, Romney jetzt besser denn je packen zu können: Ryan sei ein "Ideologe vom rechten Flügel", stellte Obamas Chefstratege David Axelrod auf CNN fest. Und die "New York Times" kommentiert: Romney habe den "extremsten Vize-Kandidaten unter allen möglichen Kandidaten" ausgewählt. Den Ryan-Plan nennt die Zeitung eine "extremistische Vision".
Steuern, Gesundheitsreform, Waffengesetze - der "Ryan-Plan"
Tatsächlich? Wie radikal ist Paul Ryan wirklich? Hier sind die Fakten:
Auf diese sieben Punkte setzen sie jetzt im Obama-Lager. Sie werden Ryan als finanz- und sozialpolitischen Hardliner zu zeichnen versuchen, seine Konzepte in allen Details durchleuchten. Zudem hat Ryan - genau wie Romney - keinerlei Erfahrung in der Außen- und Sicherheitspolitik. Wollen die Amerikaner solch ein Team? Romney könnte seine Entscheidung für Ryan noch bitter bereuen. Einerseits.
Die republikanische Basis wirkt elektrisiert
Andererseits hat Ryan schon jetzt Bewegung in den bisher so statischen Romney-Wahlkampf gebracht. Plötzlich scheint die republikanische Basis elektrisiert. Romney mag für einen strammen Rechtskurs stehen - da aber ist die Basis unter dem Einfluss der radikalen Tea-Party-Bewegung schon längst angekommen. Noch nie waren Romneys Veranstaltungen derart gut besucht wie in den letzten drei Tagen. Der römisch-katholische Ryan könnte auch Katholiken in wichtigen Swing States wie Ohio für die Republikaner gewinnen.
Am Ende wird es auf eines ankommen: Kommt das Duo Romney-Ryan im Lager der unabhängigen Wähler an? Goutiert man dort sein Ryan-Risiko als "Leadership", dann kann er Punkte sammeln. Das Magazin "Politico" führt das Beispiel Bill Clintons von 1992 an. Der habe als Präsidentschaftskandidat nach den demokratischen Vorwahlen als reichlich skandalöse Person gegolten. Dann aber habe Clinton sich den jungen und seriösen Al Gore als Vize ausgesucht - "und dies hat den Wählern einiges über Clintons Werte vermittelt".
Klar ist aber auch: Rücken die grausamen Details von Ryans Wirtschaftsplänen in den Vordergrund, sieht es düster aus für Romney. Denn die Mehrheit der Amerikaner hält laut Umfragen rein gar nichts von großen Veränderungen in den Sozialsystemen.
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