US-Bürger Whelan in russischer Haft Der angebliche Agent

In Moskau sitzt der Amerikaner Paul Whelan in U-Haft. Er muss dort bis zu seinem Prozess bleiben, hat das Gericht nun entschieden. Whelan wird Spionage vorgeworfen. Ist der Mann in eine Falle getappt?

Paul Whelan im Gericht
YURI KOCHETKOV/ EPA-EFE/ REX

Paul Whelan im Gericht

Von , Moskau


Paul Whelan wirkt verloren in dem großen Glaskasten, in den sie ihn gesperrt haben. Aquarium wird der Käfig genannt, in dem Angeklagte Platz nehmen müssen. Davor steht ein Wächter mit Sturmmaske und Handschellen am Gürtel.

"Sind Sie okay?", ruft eine Journalistin dem Amerikaner im Gerichtssaal zu. Whelan versucht ein Lächeln, es hält nur wenige Sekunden. "Keine Fragen", geht einer der Gerichtsbeamten dazwischen. Was er sagt, versteht Whelan nicht, aber er weiß, dass er nichts sagen darf.

Dienstag im Stadtgericht im Nordosten von Moskau. Es ist das erste Mal, dass Whelan vor Gericht erscheint, nachdem er Ende Dezember vom Inlandsgeheimdienst FSB festgenommen wurde. Die russischen Behörden werfen ihm nach Artikel 276 des Strafgesetzes Spionage vor. Ihm drohen zehn bis 20 Jahre Haft.

Den Antrag seines Anwalts, ihn gegen eine Kaution von mehreren Millionen Rubel aus der Untersuchungshaft zu entlassen und unter Hausarrest zu stellen, lehnt der Richter ab. Überraschend kommt die Entscheidung nicht, zu schwer wiegen die Vorwürfe gegen Whelan, die seine Familie und Anwalt zurückweisen.

Selbst äußern konnte er sich bisher nicht. Fälle, in denen es um Spionage geht, werden in Russland als "Staatsgeheimnis" eingestuft. In die Öffentlichkeit dringen nur wenige Informationen - übermittelt werden sie vor allem durch einen: Anwalt Wladimir Scherebenkow. Und der erscheint wie der ganze Whelan-Fall undurchsichtig.

Paul Whelan mit seinem Anwalt Wladimir Scherebenkow (r.)
AFP

Paul Whelan mit seinem Anwalt Wladimir Scherebenkow (r.)

Scherebenkow arbeitete 16 Jahre für das Ermittlungskomitee. Die russische Strafverfolgungsbehörde wird bei allen wichtigen Untersuchungen eingesetzt. Der Jurist verfügt also über gute Kontakte in den Sicherheitsbehörden. Mit zwei Kollegen verteidigt er Wehlan. Befragt danach, wer ihm das Mandat für Whelan gegeben habe, will Scherebenkow nur so viel sagen: "Ich habe am 2. Januar eine Vereinbarung mit Paul Whelan geschlossen."

In der Öffentlichkeit macht der Anwalt eine eher unglückliche Figur: So kündigt er unter anderem an, dass Whelans Verwandte nach Russland kommen. Die reisten aber gar nicht an.

Festnahme im Nobelhotel

Bisher lässt sich der Fall Whelan Folgendes so rekonstruieren: Der 48-Jährige reist mit seinem US-Pass am 22. Dezember nach Russland ein. Er will zu einer Hochzeit von Freunden. Sechs Tage später wird er in seinem Zimmer im Nobelhotel Metropol im Zentrums Moskaus vom FSB festgenommen. Bei ihm sei ein USB-Stick mit sensiblem Material gefunden worden, sagt sein Anwalt. Dabei soll es sich nach einem russischen Medienbericht um die Liste von Mitarbeitern einer Behörde oder eines Geheimdienstes handeln. Um welchen, ist nicht klar. Auch nicht, wer Whelan den Datenträger übergeben hat.

"Eine Zivilperson", sagt sein Verteidiger auf Nachfrage schließlich, er dürfe nicht konkreter werden, habe eine Geheimhaltungsklausel unterschreiben müssen. Whelan habe nicht gewusst, was sich genau auf dem Stick befinde und geglaubt, es handele sich um Fotos und Videos von Sehenswürdigkeiten Russlands.

Wurde Whelan also reingelegt? Der Anwalt deutet das an. Der Amerikaner sei bereits seit Frühjahr überwacht worden. Doch warum?

Nach Russland flog Whelan seit 2006 nach Aussagen seines Bruders regelmäßig, er wollte das Land erkunden, das in Zeiten des Kalten Kriegs als Feind galt. Er reiste mit der Bahn umher, sammelte sowjetische Teeglashalter, lernte sogar etwas Russisch. Auf seiner Internetseite benutzt er den Namen Pawlik, die russische Koseform für Paul.

Über das soziale Netzwerk VKontakte hielt er Kontakt zu 70 russischen Bekannten, darunter auch einem Offizier. Seinen russischen Freunden gratulierte er regelmäßig auf Russisch, etwa zum 9. Mai, den Tag des Sieges. Als Donald Trump die US-Präsidentschaftswahlen gewann, postete er auf Russisch: "Vorwärts Präsident Trump!!"

Ex-US-Marine mit vier Pässen

Das alles passt wenig zum Verhalten eines angeblichen Agenten. Zumal Whelan 2008 trotz zweier Auszeichnungen die US-Marine nach 14 Jahren verlassen musste. Er hatte nach Medienberichten die Sozialversicherungsnummer eines Kollegen gestohlen und Scheckbetrug begangen. Zuletzt arbeitete Whelan beim Autozulieferer BorgWarner in Michigan, er war für die Sicherheit der Produktionsanlagen verantwortlich.

Für die russischen Behörden ist sein Fall kompliziert: Whelan ist nicht nur Bürger der USA, wo er seit seiner Kindheit lebt, sondern er besitzt drei weitere Pässe: den kanadischen, er ist in dem nordamerikanischen Land geboren; den britischen, seine Eltern stammen aus Großbritannien; und den irischen, seine Großeltern sind Iren. Die Botschaften verlangen Zugang zu Whelan.

Austausch gegen russische Studentin?

Politische Gründe für die Festnahme seines Mandaten will Whelans Anwalt nicht erkennen, nennt das Verfahren sogar "konstruktiv" und "professionell". Dabei ist es Scherebenkow selbst, der Anfang Januar einen möglichen Austausch ins Spiel bringt, auch wenn noch gar kein Urteil gegen Whelan gefallen ist.

Maria Butina
FreedomFest/via REUTERS

Maria Butina

In diesem Zusammenhang fällt der Name der russischen Studentin Maria Butina. Mit Whelan verbindet die Russin eines: die Begeisterung für das andere Land. Interessiert sich der Amerikaner für die russische Kultur und Traditionen, zeigt sich Butina als Fan von Waffen und den liberalen Umgang mit ihnen in den USA.

Ihr wird vorgeworfen, im Auftrag russischer Stellen versucht zu haben, Einfluss auf politische Organisationen in den USA zu nehmen - was Moskau bestreitet. Butina hat ihre Schuld eingeräumt, aber nur um ihr Strafmaß zu verringern, heißt es in Russland. Das Außenministerium in Moskau nutzt das Bild der jungen Frau inzwischen als Profilbild in seinem Twitter-Account.

Eigentlich könnte die russische Seite den Whelan-Fall gut inszenieren, um Druck zu erzeugen. Doch bisher sind keine Videos seiner Festnahme in den Staatsmedien aufgetaucht.

Dem US-Amerikaner bleibt nun nichts anderes als abzuwarten. Sein Anwalt rechnet damit, dass die Ermittlungen mindestens ein halbes Jahr dauern werden. "Nächster Stopp Moskau", ist der Status, den Whelan auf seiner VKontakte-Seite hinterlegt hat. Es wird ein längerer Stopp werden.

Mitarbeit: Tatiana Sutkovaja

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