Erster schwarzer Bürgermeister in Slowenien Das Erbe von "Osteuropas Obama"

Peter Bossman wurde als "Obama Sloweniens" international berühmt. Nun scheidet er als Bürgermeister von Piran aus - und spricht über die Folgen der Flüchtlingskrise, rechte Kräfte und Opferfeste in Vorgärten.

Peter Bossman
AFP

Peter Bossman

Ein Interview von Denise Hruby, Piran


Als Peter Bossman zum Bürgermeister der Hafenstadt Piran gewählt wurde, feierte man ihn als "Obama Sloweniens". Dann kam die Flüchtlingskrise, Hunderttausende Migranten zogen durch Slowenien. Obwohl die allermeisten nach Deutschland unterwegs waren, haben die Bilder von 2015 Eindruck hinterlassen. Auch in Slowenien registrieren rechtspopulistische Parteien immer größeren Zulauf. In diesem Herbst gab Bossman sein Amt ab.

SPIEGEL ONLINE: Herr Bossman, warum sind Sie nach acht Jahren als Bürgermeister nicht mehr angetreten?

Peter Bossman: Ich glaube, dass gerade Bürgermeister sehr viel Macht haben, und dass es nicht gut ist, wenn diese Macht zu lange bei der gleichen Person bleibt. Acht Jahre, das reicht.

Zur Person
    Peter Bossman, geboren 1955 in Ghana, kam 1977 nach Jugoslawien und studierte dort Medizin. 2010 trat er für die sozialdemokratische SD-Partei an - und wurde Bürgermeister seines Wohnorts Piran.

SPIEGEL ONLINE: Wie würde es 2018 einem Migranten ergehen, der zur Bürgermeisterwahl antritt?

Bossman: Europa und auch die Slowenen haben eine Identitätskrise, das macht es für Nicht-Europäer sehr schwierig, irgendwas zu erreichen. Vor zehn Jahren war es für mich möglich, Bürgermeister zu werden, auch vor fünf. Heute wäre es wirklich sehr schwer.

SPIEGEL ONLINE: Bei der slowenischen Nationalratswahl diesen Sommer gewann eine migrationsfeindliche Partei die meisten Stimmen. Was hat das politische Klima so schnell verändert?

Bossman: Die Flüchtlingskrise hat eine fundamentale Wende für Europa bedeutet und den rechten und extremen Parteien viel Zulauf beschert. Der Zustrom von so vielen Menschen sowie die Angst vor Terrorattacken und um die eigene Sicherheit haben den Rechten zugespielt. Sie haben sich dieser Angst bedient.

SPIEGEL ONLINE: Slowenien hat im Jahr 2017 etwa 150 Flüchtlinge aufgenommen. Da fragt man sich: Welche migrationsbedingten Probleme gibt es denn?

Bossman: Die meisten Slowenen wissen nicht einmal, wie viele Flüchtlinge aufgenommen wurden. Dass 200.000 Menschen durch Slowenien gezogen sind, hat viele Menschen verunsichert. Die rechte Partei inszeniert sich als Wächter der slowenischen Identität und unterstellt liberalen und linken Parteien, Tausende Flüchtlinge aufnehmen zu wollen, was das gesamte soziale Gefüge ändern würde. Sie streben nach einer Politik wie von Ungarns Premier Viktor Orbán mit einer Mauer rund um unser Land, die alle Probleme lösen würde.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie noch an die europäische Lösung in der Flüchtlingsfrage?

Bossman: Ich glaube nicht daran, Zäune aufzustellen und Mauern zu bauen. Wir müssen Wege finden, damit Migranten legal einwandern können. Ein Land allein wird diese Herausforderung nicht schaffen. Ich weiß, wir kritisieren Länder wie Polen. Aber Polen nimmt aktuell Flüchtlinge aus der Ukraine auf. Das schaffen sie im Moment, aber auch sie werden vielleicht bald Solidarität von anderen Staaten brauchen.

Bürgermeister Bossman mit seiner Frau
EPA/ REX/ SHUTTERSTOCK

Bürgermeister Bossman mit seiner Frau

SPIEGEL ONLINE: Sie sind 1977 ganz legal nach Slowenien gekommen, das damals noch Teil Jugoslawiens war. Was führte Sie ins Land?

Bossman: Ich hatte das Problem, dass es aufgrund der politischen Entwicklung in meiner Heimat sehr schnell gehen musste. Jugoslawien und Ghana waren Teil der blockfreien Staaten, deshalb bekam ich sehr schnell ein Visum.

SPIEGEL ONLINE: Wie schwer fiel Ihnen die Integration?

Bossman: Ich habe zunächst die Sprache gelernt und dann Medizin studiert. Als ich in den Achtzigerjahren angefangen habe, hier zu arbeiten, gab es einen Mangel an Ärzten in Slowenien. Dennoch war ich anfangs "der schwarze Arzt". Nach etwa zwei Jahren haben die Menschen nicht mehr gesagt, dass sie zum "schwarzen Arzt" gehen, sie gingen einfach nur zu "ihrem Arzt". Da wusste ich, dass ich endgültig akzeptiert bin. Ein paar Jahre später wollte ich zurück nach Ghana, wo mein Vater Kliniken aufgebaut hatte. Da haben meine Patienten eine Petition gestartet. Sie wollten, dass ich bleibe. Also blieb ich.

SPIEGEL ONLINE: Als wir mit Menschen in Piran über Sie gesprochen haben, hieß es sofort: "Ja, unser Bürgermeister. Er ist aus Ghana, müssen Sie wissen." Ihre Herkunft scheint noch immer Thema zu sein.

Bossman: Die Menschen sind sehr stolz. Es war eine große Geschichte, die international für Aufsehen gesorgt hat. Also erzählen sie, dass ich aus Ghana bin. Vor meiner Zeit als Bürgermeister ist es vorgekommen, dass ich mich in ein Restaurant gesetzt habe und jemand gesagt hat, dass er neben mir nicht sitzen wolle. Jetzt kennt man mich aber in ganz Slowenien als den Bürgermeister Pirans.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben oft davon gesprochen, dass Integration nur gelingt, wenn man auch bereit ist, sich anzupassen. Wie mussten Sie sich anpassen?

Bossman: Als Beispiel: In Ghana ist der Tod eine wichtige Feier, bei der wir lebendige Tiere in Gedenken an den Verstorbenen opfern. In Europa wird das niemand verstehen, wenn ein Migrant aus Ghana in seinem Garten ein Tier tötet. Es ist nicht Teil der Kultur, und es gibt etwa sehr strenge Hygienestandards. Diese Unabhängigkeit muss man zum Beispiel aufgeben. Trotzdem kann man in Europa ein Afrikaner bleiben.

Panorama aus Piran, Westslowenien
REUTERS

Panorama aus Piran, Westslowenien

SPIEGEL ONLINE: Ihr Vater war Diplomat, Sie kommen aus einer sehr wohlhabenden Familie. Fällt es da nicht leichter, gewisse Dinge aufzugeben?

Bossman: Mein Privileg ist mir bewusst. In Ghana, ein paar Kilometer von unserem Haus, gab es einen Slum ohne fließendes Wasser. Da hat meine Familie immer versucht zu helfen, und das wollte ich auch tun. Ich hatte immer Glück im Leben, und ich hatte immer Leute, die mir geholfen haben.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt sind Sie ein Vorbild - ein Migrant, der nicht nur beliebter Arzt ist, sondern sich auch politisch engagiert. Wie wichtig ist diese Vorbildrolle?

Bossman: Wir vergessen immer, wie viele erfolgreiche Migranten es gibt, nicht nur von Afrika oder Asien aber auch innerhalb Europas, sei es im Sport, in der Kultur oder der Wissenschaft. Und über diese Erfolgsgeschichten müssen wir auch sprechen, über die, die einen Beitrag leisten und ihre neue Heimat erfolgreich machen. Ich war in einem Dorf in Finnland, dort ist einer der beliebtesten Einwohner ein Flüchtling aus Iran, der eine Fabrik betreibt und Leute einstellt. Das inspiriert andere Flüchtlinge, und niemand hat dort Angst vor Migranten.

SPIEGEL ONLINE: Was kommt für sie nach dem Amt?

Bossman: Ich würde gern auf EU-Ebene weiter an Integration und Migration arbeiten. Vielleicht trete ich auch für die Europaparlamentswahlen an, obwohl das natürlich von der Partei abhängt. Und ich will wieder in meiner Klinik sein, bei meinen Patienten.



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