Phänomen Marine Le Pen: Madame hetzt höflicher als der Papa

Von Stefan Simons, Paris

Die Chefin des "Front National" macht die braune Schmuddelpartei salonfähig: Marine Le Pen, Tochter des Parteigründers, verbindet volksnahe Sozial-Parolen mit demagogischer Propaganda gegen Migranten. In Umfragen feiert sie so große Erfolge. 

Phänomen Marine Le Pen: Blaue Woge Fotos
AP

Es wäre der ultimative Ritterschlag gewesen, die klinisch reine Befreiung des Front National (FN) von den Altlasten seiner braunen Vergangenheit: Am Sonntag wollte der jüdische Pariser Sender Radio J Parteichefin Marine Le Pen zum Interview einladen - eine Premiere für eine Station, die es bislang abgelehnt hatte, die Führer der rechtsradikalen Formation an ihre Mikrofone zu bitten.

Allein, die Sendung ist abgesagt. Nach einer wahren Protestwelle jüdischer Organisationen und Intellektueller verzichtete die Redaktion des Senders auf das Rendezvous mit der Tochter des ehemaligen FN-Bosses Jean-Marie, der mehrfach wegen antisemitischer Hetze oder geschichtsklitternder Ausfälle verurteilt worden war.

Das Resultat ist freilich eher kontraproduktiv: Marine Le Pen, die Anfang der Woche in Meinungsumfragen zur Präsidentenwahl 2012 erstmals Präsident Nicolas Sarkozy überholte,, hat damit erst recht medialen Kultstatus erreicht. Das Magazin "Le Nouvel Observateur" hob Marine Le Pen ("Die Falle") auf die Titelseite, das Modeblatt "Elle" widmet ihr Hochglanzseiten und die FN-Chefin macht die Runde bei Talkshows und Fernsehdebatten.

Marine Le Pen, ein Phänomen.

Überrascht hat nicht nur der knappe erste Platz in den Erhebungen, die Madame mal mit 23, mal mit 24 Prozent vor dem amtierenden Staatschef und der sozialistischen Oppositionschefin Martine Aubry (jeweils 21 Prozent) in die politische Pole-Position brachten; 14 Monate vor dem Urnengang im nächsten Jahr wird sich die Volksmeinung noch dutzendfach drehen. Bedeutender hingegen bleibt, dass der "Front National" offenbar in einem festen Segment der Bevölkerung endgültig gesellschaftsfähig geworden ist.

Hatten die Konservativen nach dem Sieg Sarkozys 2007 von einer "blauen Welle" gesprochen, spricht Papa Le Pen angesichts der Umfrageerfolge seiner Tochter jetzt wortspielerisch von einer "Marine-blauen Woge". Und richtig: Sarkozys Jagd auf die Sympathisanten des "Front National" misslang ebenso wie das Kalkül der der Linken, Marine Le Pen als Abschaum der Demokratie zu diffamieren. Tatsächlich hat die platte Verteuflung Marine Le Pen zum Idol gemacht.

Le Pen gibt die Fürsprecherin der Unterklasse

Den Erfolg verdankt die gelernte Rechtsanwältin, die erst im Januar die Führung der Partei von ihrem Vater übernahm, der von ihr betriebenen Neuausrichtung: Die nationalistischen Plattitüden hat Marine Le Pen um soziale und beinahe antikapitalistische Appelle ergänzt; neben dem hohen Lied auf Patriotismus, Souveränität und die tief verwurzelten christlichen Traditionen Frankreichs, gibt sie sich jetzt als Fürsprecherin der sozialen Unterklassen. Steigende Preise, Kaufkraftverlust, Arbeitslosigkeit, Abwanderung von heimischen Investoren - und immer wieder Seitenhiebe auf den Euro - gehören jetzt zum basisnahen Vokabular der FN-Kader.

Zugleich hat es Madame geschickt verstanden, den "Front National" aus der braunen Ecke zu führen. Die plumpen Parolen ihres Vaters, oft gespickt mit antisemitischen Hasstiraden, wurden gesäubert. Die Judenvernichtung ist nicht länger "eine Nebensache der Geschichte", so Vater Jean-Marie; Tochter Marine nennt die Shoah "das schlimmste Verbrechen der Vergangenheit".

Der Schachzug ist politisch korrekt und erweist sich als taktisch klug. Demagogisch bleibt der Diskurs der FN-Chefin dennoch. Nur dass es jetzt nicht um die jüdische Minderheit geht, sondern um die Ausgrenzung von andersgläubigen Franzosen - Muslimen vor allem. Jüngstes Beispiel: die Ausfälle gegen Mitbürger, die ihr Freitagsgebet aus Platzmangel auf der Straße abhalten. Das sei, so Marine Le Pen, eine Besetzung öffentlichen Raums, vergleichbar mit der Okkupation der Deutschen.

Sarkozy machte die FN-Themen hoffähig

Mit solcher Rhetorik zeigt die Erbin, dass sie den alten Reflexen des "Front National" verhaftet bleibt. Freilich profitiert Madame davon, dass derartige Parolen auch zu den propagandistischen Versatzstücken des amtierenden Präsidenten gehören. Denn Sarkozy, der 2007 auch dank der rechtsextremen Wählerstimmen in den Élysée einzog, hat selbst FN-Lieblingsthemen zum Refrain seiner Amtszeit erkoren. Mit Verve setzt auch der Präsident auf die Mobilmachung der Angst - gegen eine Überflutung durch illegale Zuwanderer, gegen Unterwanderung durch islamische Immigranten, gegen kulturelle Überfremdung, Kriminalität und Terrorismus.

Nur, dass die Sympathisanten des "Front National", so wie es Papa Le Pen stets suggerierte, mittlerweile das Original der Kopie vorziehen. Und sich in Sarkozys eigener Partei die Stimmen mehren, die die rechtslastige Strategie des Präsidenten in Frage stellen.

Kein Trost bietet daher eine weitere Umfrage vom Samstag, die Marine Le Pen bei der Sonntagsfrage auf Platz Zwei zurückstufte - hinter Sozialist und Währungsfondschef Dominique Strauss-Kahn. Denn dies bedeutet, dass der amtierende Präsident nicht einmal den zweiten Wahlgang erreichen würde.

Als letzte Hoffnung für Regierung und Linksparteien bleibt nur, dass der "Front National", den Jean Marie Le Pen 1972 aus der Taufe hob, finanziell ein Fiasko droht. Weil die Organisation 200.000 Euro Sozialbeiträge schuldig ist, tauchte vergangene Woche ein Gerichtsvollzieher am Parteisitz auf. Er versprach, Anfang April wiederzukommen.

Also noch vor den Präsidentenwahlen.

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