Philippinische Auftragsmörderin "Für mich ist es nur ein Job"

Dem Krieg von Präsident Duterte gegen Drogendealer fallen Tausende Philippiner zum Opfer. Sie werden von Killern ermordet - von Leuten wie Sheila. Hier erzählt sie, warum sie tötet und woher ihre Aufträge kommen.

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Tatort in Manila
AFP

Tatort in Manila

"Ich bin 25 Jahre alt. Ich töte Drogendealer gegen Geld. Vor drei Jahren habe ich damit angefangen. Sieben Menschen habe ich seitdem umgebracht."

Der SPIEGEL hat Sheila in einem Motel in Manila getroffen und noch ein weiteres Mal unter einer Brücke im Slumviertel Navotas. Sie ist eine zierliche, höfliche Frau, die fast ein bisschen schüchtern wirkt. Sheila ist nicht ihr wirklicher Name. Der Kontakt zu ihr wurde über einen sogenannten Stringer hergestellt, eine Person, die vor Ort lebt, wichtige Leute kennt und Reportern bei der Recherche hilft. Sheila hat kein Geld dafür bekommen, dass sie dem SPIEGEL und SPIEGEL TV ihre Geschichte erzählt hat.

Verifizieren lassen sich ihre Angaben nur durch den Abgleich mit Schilderungen anderer Täter und Zeugen. Ihr Mann beschreibt das Vorgehen in einem separaten Interview ebenso.

"In letzter Zeit haben wir mehr Aufträge bekommen. Das hängt mit dem Drogenkrieg der Regierung zusammen. Die Hintergründe interessieren uns aber nicht, solange wir für unsere Arbeit bezahlt werden. Für mich ist es wirklich nur ein Job. Ich verdiene so mein Geld. Ich sage mir selbst, du hast damit angefangen, also musst du es auch zu Ende bringen.

Mein Mann ist schon länger in diesem Geschäft. Er ist der Anführer unserer Gruppe. Einmal hatten sie Probleme, an eine Person heranzukommen, die sie umbringen sollten. Das musste eine Frau machen. Also habe ich meinem Mann angeboten, das zu übernehmen."

Der Krieg gegen Drogendealer ist das wichtigste Ziel des philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte, der im Juni das Amt übernommen hat. Er hat seinen Wählern versprochen, innerhalb eines halben Jahres die Kriminalität in dem südostasiatischen Land auszurotten. Einen harten Kurs gegen Verbrecher hatte er auch schon in Davao verfolgt, wo er lange Zeit Bürgermeister war. Menschenrechtsorganisationen werfen ihm vor, dort regelrechte Todesschwadronen geduldet zu haben, die mehr als 1400 Menschen umgebracht haben sollen.

Nach seiner Amtsübernahme erklärte der Präsident Drogendealer für vogelfrei und rief auch zu Morden an Drogenabhängigen auf. Mehr als 2400 Menschen wurden zwischen dem 1. Juli und dem 31. August nach Polizeiangaben getötet. Sheila erzählt:

SPIEGEL TV
"Wir haben einen Boss, der uns sagt, wen wir umbringen sollen. Und wenn wir alle Details zu dieser Person gesammelt haben, fahren wir zu ihr und bringen sie um. Den Namen unseres Auftraggebers kann ich nicht sagen, aber er ist ein Polizist. Einige der Personen, auf die er uns ansetzt, haben sich bereits ergeben. Aber mein Boss will, dass sie trotzdem getötet werden, damit sie nicht über ihre Beschützer bei der Polizei auspacken.

Wenn du zum Beispiel ein großes Drogenlabor hast, gibst du Polizisten Geld, damit sie dich beschützen. Dann warnen sie dich vor Razzien."

Auch bei den Todesschwadronen in Davao sollen nach Erkenntnissen von Human Rights Watch Aufträge von der Polizei gekommen sein. Die Behörde spielt bei der Erfüllung von Dutertes Plänen eine zentrale Rolle. Die Polizisten erschießen in vielen Fällen mutmaßliche Drogendealer, weil die Verdächtigen angeblich zuerst eine Waffe gezogen hätten.

Auf der anderen Seite hat der Präsident ein nicht minder hartes Vorgehen gegen diejenigen Beamten angekündigt, die mit den Drogendealern zusammenarbeiten. Eingeschüchtert sind aber auch die möglichen Opfer: Mehr als 670.000 Drogenkonsumenten und Händler haben sich nach Polizeiangaben freiwillig ergeben, knapp 12.000 Verdächtige wurden festgenommen.

"Wir warten auf die richtige Gelegenheit, um eine Person zu töten. Wir finden heraus, wo sie häufig hingeht. Aber es ist trotzdem oft schwierig, an sie heranzukommen. Deswegen müssen die Frauen oft das Töten übernehmen. Wir geben uns dann als Tänzerinnen aus, die vor Bars herumlungern.

Wenn viele Menschen in der Nähe sind, benutzen wir keine Pistolen, sondern Messer. Wenn wir die Person allein bekommen, erschießen wir sie eher. Zu den Leichen der Dealer legen wir noch ein Schild: 'Dealer: Ahmt diesen Typen nicht nach'. Bei den Süchtigen schreiben wir: 'Drogenabhängiger: Tretet nicht in seine Fußstapfen'."

Weniger als die Hälfte der seit Juli getöteten mutmaßlichen Kriminellen sind bei angeblichen Feuergefechten mit der Polizei ums Leben gekommen. Diese hätten sich der Festnahme widersetzt, sagte Polizeichef Ronald Dela Rosa bei einer Anhörung vor dem philippinischen Senat im August. "Wenn sie das nicht getan hätten, wären sie noch am Leben." Bei 1160 der insgesamt fast 2000 Tötungen seien die Täter Dela Rosa zufolge nicht bekannt, Hunderte Kleinkriminelle könnten durch Auftragsmörder ums Leben gekommen sein. Häufig ist in Berichten allerdings von Drive-by-Shootings von Motorrollern aus die Rede, seltener von direkten Angriffen. Einige Opfer seien laut Polizeichef gefesselt und mit Schildern aufgefunden worden, die ihre angebliche Verwicklung in den Drogenhandel beschreiben.

"Ich bereue nicht, was ich getan habe. Wenn wir sie am Leben gelassen hätten, wären noch viel mehr Menschen von ihrem Weg abgekommen. Je weniger Dealer es gibt, desto weniger Süchtige gibt es auch. Und wenn es niemanden mehr gibt, von dem sie die Drogen kaufen können, wird es auch keine Drogenabhängigen mehr geben. Ich denke schon, dass das eine Lösung für das Problem sein kann."

Vor allem in philippinischen Slums ist die Droge Shabu sehr verbreitet - Crystal Meth. Es hemmt den Hunger und macht wach. Tatsächlich hat das Land mit Suchtproblemen und organisierter Kriminalität zu kämpfen. Deshalb bekommt Duterte viel Zustimmung für seinen harten Kurs in der Bevölkerung. Juristen und Menschenrechtler hingegen sind alarmiert und warnen vor Gewaltexzessen und Selbstjustiz. Faire Prozesse zu den Tötungen gibt es kaum, die Familien der Verdächtigen haben praktisch keine Handhabe, um die Morde an ihren Angehörigen aufklären zu lassen.

"Ich gehe nicht mehr in die Kirche, seitdem ich das mache. Ich habe zwei Kinder, und natürlich mache ich mir Sorgen um sie. Vor allem habe ich Angst vor meinem Boss. Vielleicht lässt er uns auch umbringen, weil wir zu viel von ihm wissen.

Ich bin auch nervös, dass etwas bei den Jobs passieren kann. Vielleicht bin ich einmal nicht vorsichtig genug. Dann könnte ich diejenige sein, die am Ende tot ist."

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