Polizeigewalt auf den Philippinen Kian, 17 Jahre alt. Von hinten erschossen

Ein Schüler wird von Polizisten in eine Ecke gedrängt, dann fallen Schüsse: Der Fall des getöteten Jungen sorgt auf den Philippinen zum ersten Mal für lauten Protest gegen Präsident Dutertes Anti-Drogen-Krieg.

Demonstranten gegen die Tötungen auf den Philippinen
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Demonstranten gegen die Tötungen auf den Philippinen

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Kian Loyd Delos Santos war ein 17-jähriger Schüler aus den Slums von Caloocan, einer Stadt aus der Region um die philippinische Hauptstadt Manila. Der Junge, der die elfte Klasse einer Highschool besuchte, soll davon geträumt haben, Polizist zu werden. Nun ist er zum Gesicht der Polizeigewalt in seinem Land geworden.

Beamten erschossen den Jugendlichen im Zuge des sogenannten Anti-Drogen-Kriegs von Präsident Rodrigo Duterte in der Nacht vom 17. auf den 18. August. Im ganzen Land wurden vergangene Woche binnen weniger Tage mehr als 80 Menschen getötet.

Tötungen in Manila und Umgebung in der vergangenen Woche
SPIEGEL ONLINE

Tötungen in Manila und Umgebung in der vergangenen Woche


Seit Präsident Duterte vor 13 Monaten vereidigt worden war und Drogenkriminelle öffentlich zum Abschuss freigegeben hatte, wurden mehr als 7000 Menschen bei Polizeirazzien und durch Auftragskiller ermordet.

Die Erklärungen nach den fatalen Polizeieinsätzen sind meist die gleichen: Die Getöteten seien Drogenkriminelle gewesen, die sich bei der Festnahme zur Wehr setzten und den Polizisten keine andere Wahl ließen als zurückzuschießen. Fast immer findet man neben den Toten noch eine Pistole. So auch bei dem 17-Jährigen Kian, der als Erster auf die Beamten geschossen haben soll. Doch es gibt erhebliche Zweifel an der Darstellung der Polizisten.

Da sind zum einen die Videoaufnahmen einer Überwachungskamera. Darauf ist zu sehen, wie der Junge von zwei Beamten an den Schultern gepackt und in eine dunkle Ecke gezerrt wird. Ein dritter Polizist läuft hinterher, Passanten stehen untätig wenige Meter daneben. Lokale Medien berichten, auf den Aufnahmen sei zu hören, wie Kian weint und die Polizisten anfleht: "Ich muss morgen zur Schule". Dann fallen Schüsse, die Polizisten verlassen den Tatort. Wenig später wird die Leiche des Schülers von seinem Vater gefunden.

Aufnahmen einer Überwachungskamera: Vorne rechts sind die Polizisten und Kian zu sehen
REUTERS/ CALOOCAN CITY BARANGAY 160

Aufnahmen einer Überwachungskamera: Vorne rechts sind die Polizisten und Kian zu sehen

Zum anderen ist da die Autopsie, die Kians Eltern durchführen ließen. Sie zeigt, dass der 17-Jährige von drei Kugeln getötet wurde: Eine traf ihn am Hinterkopf, eine zweite hinter dem linken Ohr und die dritte durch sein linkes Ohr in den Kopf. Bei mindestens zwei der Schüsse lag Kian der Autopsie zufolge auf dem Bauch.

Kians Fall sorgt nun zum ersten Mal für einen echten Aufschrei in der Bevölkerung. Hunderte Demonstranten - zumeist Nachbarn und Aktivisten - zogen mit Bannern an den Ort, an dem der 17-Jährige erschossen wurde. Vertreter der katholischen Kirche, der ein Großteil der Philippiner angehören, wollen in den kommenden Monaten jeweils um Mitternacht die Glocken ihrer Kirchen läuten lassen, um an die Verbrechen zu erinnern.

Duterte räumt Verfehlungen ein

"Das ist so traurig. Kian gibt ihm (dem Anti-Drogen-Kampf - d. Red.) ein menschliches Gesicht", sagte Vizepräsidentin und Duterte-Gegenspielerin Leni Robredo dem "Syndey Morning Herald" zufolge. "Wie viele Kians gab es schon? Wie viele werden ihm folgen? Wenn so etwas passiert, müssen wir es verdammen." Auch Polizeichef Ronald dela Rosa, einer der wichtigsten Verbündeten des Präsidenten, sagte: "Überlegen Sie mal, er war nur ein Kind. Was, wenn das Ihren Geschwistern passiert wäre?" Der Fall werde untersucht, "das versichere ich Ihnen".

Philippinischer Präsident Rodrigo Duterte
REUTERS

Philippinischer Präsident Rodrigo Duterte

Inzwischen hat sich auch Duterte persönlich in den Fall eingeschaltet. Er ließ die beteiligten Polizisten festnehmen. In einer Pressekonferenz sagte er, dass sie für ihre Tat bestraft würden, wenn sich die Vorwürfe als wahr herausstellten. "Es ist möglich, dass es bei einigen Polizeieinsätzen Verfehlungen gibt, das räume ich ein", sagte er. Es gebe einige "harsche Elemente" in der Polizei, die das Image der Regierung beschädigen würden. Sie müssten sich dem Rechtssystem stellen.

Wenige Tage zuvor hatte er noch anders geklungen. Als Reaktion auf die hohen Todeszahlen der vergangene Woche zeigte Duterte sich erfreut. Er sagte: "Wenn es solche Todeszahlen jeden Tag gebe, würden die Krankheiten dieses Landes geheilt." Bei der Bevölkerung ist er nach wie vor extrem beliebt: Einer Umfrage von Pulse Asia zufolge liegen seine Zustimmungswerte derzeit bei 83 Prozent.

Saldy Delos Santos, Vater des getöteten 17-jährigen, steht am Sarg des Sohns
AFP

Saldy Delos Santos, Vater des getöteten 17-jährigen, steht am Sarg des Sohns

Der Fall Kian könnte aber Widerstand auslösen. "Was diesen Fall besonders schockierend macht, ist, dass es sich bei dem Opfer um ein Kind handelt", sagt Phelim Kine von Human Rights Watch. Kians Tod sei nicht nur eine Erinnerung daran, dass der Anti-Drogen-Krieg auf den Philippinen weiter Opfer fordere, auch wenn weniger darüber berichtet werde. Er werfe auch ein Schlaglicht auf die Tatsache, dass dabei immer wieder Kinder getötet werden. "Manche erst wenige Jahre alt", sagt Kine.

Einer Untersuchung des Children's Legal Rights and Development Center zufolge sind zwischen Juli 2016 und April 2017 mindestens 40 Kinder und Jugendliche bei Polizeieinsätzen gegen mutmaßliche Drogenkriminelle getötet worden. Sie gelten der Regierung bislang als "Kollateralschäden", verantworten muss sich dafür niemand. Staatsanwältin Persida Acosta versprach nun, die Polizisten im Fall Kian wegen Mordes anzuklagen.

Dass es wirklich zu einem Prozess kommen wird, glaubt Menschenrechtler Kine nicht. "Die vergangenen 13 Monate haben gezeigt, dass weder die Justiz noch die Regierung willens oder in der Lage sind, die Tausenden Tötungen untersuchen zu lassen." Dabei sei es dringend nötig, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Ein Prozess um den Tod des Schülers Kian jetzt oder in absehbarer Zeit? "Sehr unwahrscheinlich", sagt Kine.

Mit Material von Reuters



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