Ein Jahr nach Taifun "Haiyan" Ein Schiff zwischen den Häusern

Vor einem Jahr wütete der Taifun "Haiyan" auf den Philippinen. Der Wiederaufbau geht kaum voran, Hunderttausende hausen in notdürftig zusammengezimmerten Hütten. Zwischen Trümmern richten sich die Menschen ihr Leben neu ein.

Aus Tacloban, Philippinen, berichtet Till Mayer


Das große Unglück kommt für Domingo Ursabia erst nach der Katastrophe. Taifun "Haiyan" rast am 8. November 2013 durch sein philippinisches Dorf. Reißt die halbe Hütte mit. Wirbelt Blechdächer durch die Luft, als wären sie aus Pappe. Splitter, Metall, Palmwedel, alles saust durch die Luft. Zerfetzt, was im Weg steht. Nach dem Sturm steht der Mann wie betäubt vor den Trümmern. Dann packt er an. Räumt Schutt beiseite, biegt Blech zurecht, sucht nach heilen Holzplanken. Eine wird ihm zum Verhängnis. Domingo Ursabia sieht den rostigen Nagel nicht, der aus dem Holz ragt. Das Eisen bohrt sich durch die Sandale in den nackten Fuß. Eine schmerzhafte Wunde. "Aber kein Weltuntergang", denkt er sich.

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Heft 47/2013
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Ein Jahr später sitzt der 59-Jährige im Dämmerlicht seiner kleinen Hütte, der alte Röhrenfernseher rauscht. "Ein Bein zu verlieren, weil ich in einen Nagel getreten bin. Ich kann es bis heute einfach nicht glauben", sagt er und greift unter seinem linken Knie ins Leere. Er erzählt leise, wie die Wunde damals eitert, das Bein sich bald anfühlt, als würde es von innen brennen. Wie er es nicht ins Krankenhaus schafft, weil Trümmer die Straße aus dem Dorf blockieren.

Als der Weg endlich frei ist, fehlt der Sprit fürs Moped. Tage verstreichen, der Wundbrand breitet sich aus. Domingo Ursabia fiebert, als er mit seiner Frau das Hospital erreicht. Die Chirurgen können das Bein nur noch abnehmen. "Jetzt ist alles gut ein Jahr vorüber. Ich weiß noch immer nicht, wie es weitergehen soll. Womit meine Frau Tag für Tag Reis kaufen soll", so Ursabia.

Nicht, dass er früher ein wohlhabender Mann gewesen wäre. Als Subunternehmer mietete er jeden Tag einen Jeepney. Jene qualmenden Eigenbau-Ungetüme mit Jeep-Schnauze, auf den Philippinen die Nummer eins im öffentlichen Nahverkehr. Jeden Tag tingelte er von San Jose nach Tacloban hin und zurück, eine gewaltige Qualmwolke hinter sich. Seine Fahrgäste zahlten ein paar Pesos. Es reichte für den Röhrenfernseher und Schweinefleisch zum Reis. "Das alles ist nun vorbei", sagt er.

Trotz ihrer Not: Undankbar wollen die Ursabias nicht wirken. "Niemand in unserer Familie kam bei dem Taifun ums Leben. Dafür danke ich", sagt Vilma Ursabia. Sie hat dabei Tränen in den Augen. Ihr Ehemann Domingo lobt Handicap International, dass sie ihm Krücken gegeben haben und für eine medizinische Nachbetreuung sorgen. Für die Matratzen, Moskitonetze und Hygieneartikel, die seine Familie nach dem Taifun von der Hilfsorganisation bekam. Vor allem aber, dass sich die Helfer bemühen, eine Prothese für ihn aufzutreiben. Eine philippinische Ärztevereinigung hat ihm versprochen: Bis zum Jahrestag des Unglücks soll die Prothese da sein. Noch muss er warten.

"Aber wenn am Flughafen wieder die ganz großen Flugzeuge landen, kommen die Prothesen. Das haben sie versprochen", sagt Domingo Ursabia. Er versucht, sich nicht in zu viel Hoffnung zu verlieren. Einen Rückschlag hat er schon hinnehmen müssen: Vor Monaten, als er zum ersten Mal von der Prothese hört, hinkt er auf seinen Krücken zu dem Jeepney-Besitzer. "Der glaubte nicht, dass ich wieder mit dem Wagen fahren kann. Nach all den Jahren, die wir uns kennen, gab er mir nicht einmal eine Chance", sagt Domingo Ursabia heute.

Bis zu 8000 Tote forderte der Taifun

In den alten Job kommt er nicht zurück, der Sturm hat die Lebensgrundlage seiner Familie geraubt. So wie in rund 700.000 weiteren Haushalten. Helfer schätzen, dass kaum mehr als 30 Prozent der 1,1 Millionen zerstörten und beschädigten Häuser wieder errichtet oder ausgebessert sind. In Tacloban stehen überall windschiefe Gebäude, nach der Naturkatastrophe notdürftig zusammengezimmert.

Bis zu 8000 Tote forderte "Haiyan", oder "Yolanda", wie er auf den Philippinen auch genannt wird. 400 wurden allein in Palo verscharrt, einem Städtchen in der Nähe von Tacloban. Direkt vor der Kirche in der Ortsmitte hatten die Angehörigen die Opfer nach dem Taifun hastig vergraben.

An der Friedhofsmauer lehnen jetzt die Grabkreuze, sie erzählen ihre traurigen Geschichten. Von kleinen Kindern und ganzen Familien, die der Sturm in den Tod gerissen hat. Auf den weiß gestrichenen Kreuzen, mit Filzstiften aufgemalt, steht der immergleiche Todestag: 8. November 2013. Jetzt stellen Arbeiter ein kleines Denkmal fertig, das über dem Massengrab stehen wird. "Dann haben die Familien endlich einen würdigen Ort zum Trauern", sagt einer der Arbeiter. Viele der Toten kannte er selber gut.

1000 einfache Häuser aus Zement, Bambus, Holz und Wellblech

In solchen Momenten ist Oscar Borer ganz glücklich, dass er nicht immer alles sehen muss. Als Kleinkind verlor er durch eine Infektion sein Augenlicht. Aber bald entdeckte er seine Gabe: ein feines Gehör. Oscar Borer brachte sich selbst das Gitarrespielen bei, schulte seine Stimme. 16 Kinder hat er als Musikant ernähren können, seine dritte Frau erwartet gerade Nummer 17. Der 65-Jährige gibt vor seiner Hütte eine Kostprobe seines musikalischen Könnens, spielt ein Liebeslied. Seine ebenfalls blinde Frau Bebleyn (35) setzt sich neben ihn und strahlt wie ein verliebter Teenager.

"Ausgerechnet auf meine alte Gitarre ist während des Sturms eine Palme gefallen. Ich war verzweifelt, wie sollte ich meine Familie ernähren", sagt Oscar Borer. Aber dann gab es ein neues Instrument, von Handicap International. "Sogar besser als die alte Gitarre", sagt Oscar Borer und lacht. Ein ungewöhnliches Hilfsgut von der Organisation, die ansonsten, auf den Philippinen etwa die Errichtung von über 1000 einfachen Häusern aus Zement, Bambus, Holz und Wellblech ermöglicht. Oder Zuchtschweine verteilt, damit die Überlebenden sich ihre Existenz als Bauern sichern können. Traditionell unterstützt Handicap International dabei gerade Menschen mit Behinderung.

"Die Geschäfte gehen schlechter als vor ,Yolanda'. Die Menschen haben weniger Geld", erklärt Musiker Borer. Mit seiner Gitarre spielt er oft in Tacloban bei Hochzeiten und Geburtstagen. Normalerweise singt er fröhliche Lieder, Trümmer und Leid kommen darin nicht vor. Ebensowenig wie das Schiff "Eva Joceyln", das der Taifun zwischen die Hütten eines Armenviertels geworfen hat. Jetzt zerlegen Arbeiter das Schiff Stück für Stück mit dem Schweißbrenner. "Schwer, sich das vorzustellen. Ein Schiff zwischen Häusern", so Oscar Borer.

Doch nun hat der 65-Jährige, den alle nur als "Pedro mit der Gitarre" kennen, für die Taifun-Überlebenden doch noch ein Stück geschrieben: "Es ist ein einfaches Weihnachtslied. Ich glaube, das gibt allen hier am meisten Hoffnung, die noch Hilfe brauchen."



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