Vom Zeugenschutzprogramm ins Parlament Italiens schwarze Witwe zeigt ihr Gesicht

Piera Aiello hat gegen die Mafia ausgepackt. Das kommt in Italien einem Todesurteil gleich. Doch jetzt sitzt sie für die Fünf Sterne im Parlament - und lässt zum ersten Mal seit Jahrzehnten ihr Gesicht fotografieren.

Piera Aiello (am 13. Juni 2018)
Max Firreri /ROPI

Piera Aiello (am 13. Juni 2018)

Von , Rom


Sie war das Phantom des italienischen Parlaments - nun hat Piera Aiello genug von dem Versteckspiel. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten zeigte die 51-Jährige der Öffentlichkeit ihr Gesicht. "Es ist, als würde mein Leben von vorne anfangen", sagte sie dem britischen "Guardian": "Genau in diesem Moment fühle ich mich komplett frei."

Bisher wussten nur wenige Eingeweihte, wie die Abgeordnete von der Fünf-Sterne-Bewegung (M5S) aussieht. Denn die "Frau ohne Gesicht" lebte 27 Jahre lang als Kronzeugin der Justiz unter Polizeischutz. 1967 auf Sizilien geboren, ist die Antimafia-Kämpferin nun unter ihrem alten Namen ins Parlament eingezogen. In Wirklichkeit heißt sie mittlerweile anders, doch dieser Name bleibt zu ihrer Sicherheit geheim.

Fotografen und Kameraleute waren bisher angewiesen, keine Bilder von ihr zu veröffentlichen. Aiellos Abgeordnetenausweis, ausgestellt am 22. März, blieb genauso ohne Foto wie der Eintrag auf der Website des italienischen Parlaments. Die wenigen öffentlichen Auftritte während des Wahlkampfs absolvierte die M5S-Kandidatin mit einem dunklen Schal über dem Kopf, der nur die Augenpartie frei ließ.

Piera Aiello
Francesco Bellina/ ROPI

Piera Aiello

Ab jetzt soll das anders werden, so Aiello zum "Guardian": "Nach all den Jahren hinter den Kulissen kann ich nun der Welt ins Gesicht sehen, ohne Angst zu haben, mein eigenes zu zeigen." Sie wage diesen Schritt auch, um Menschen, die sich gegen die Mafia stellen, zu bestärken.

Die Frau aus dem sizilianischen Partanna schwebt in Lebensgefahr, seit sie sich am 30. Juli 1991 entschloss, bei Polizei und Staatsanwaltschaft auszupacken. Über die Geschäfte ihres Mannes Nicolò, der kurz zuvor mit einer abgesägten Schrotflinte erschossen worden war - ein ortsbekannter Mafioso, aktiv im Drogenhandel; über ihren Schwiegervater Vito, den Mafiapaten, ermordet neun Tage nach Pieras Hochzeit; und über all die anderen, die im Haus ein- und ausgingen.

Der Mann, der die damals 24-jährige Piera unter seine Fittiche nahm, der sie ermutigte, ihr Wissen weiterzugeben und unter falschem Namen ein neues Leben anzufangen, war Staatsanwalt Paolo Borsellino. "Onkel Paolo", wie sie ihn zärtlich nannte. Borsellino erklärte ihr, was sie zu tun habe. Dass ihr nun Geld vom Staat zustünde. Und dass der Kampf für "den frischen Duft der Freiheit" in Italien jedes Opfer wert sei.

Piera Aiello
Francesco Bellina/ROPI

Piera Aiello

Am 19. Juli 1992, auf dem Höhepunkt einer jahrelangen Serie von Mafiamorden, wurde Paolo Borsellino zusammen mit fünf Leibwächtern in Palermo von einer Autobombe in Stücke zerrissen. Piera Aiello war ab da ohne ihren väterlichen Freund und Beschützer. (DER SPIEGEL berichtete.)

Video: Mafia-Attentat auf Richter Giovanni Falcone (1992)

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Die Entscheidung, zu kandidieren, hat sie heimlich getroffen

Wenn sie jetzt, 26 Jahre später, im Palazzo Montecitorio sitzt und hört, wie der neue Regierungschef Giuseppe Conte fordert, im Kampf gegen die Mafia in Italien müssten "alle vereint" sein, dann hat das für sie einen Klang wie für keinen anderen der 630 Abgeordneten im Halbrund des Parlaments. "Der Premier", sagt Aiello, "hat mich ermutigt. Es ist ein neues, starkes Gefühl, diese Worte von ihm zu hören, gerade hier. Für mich ist das Parlament ein heiliger Ort, wo über die Schicksale der Italiener entschieden wird, ein unantastbarer Ort."

Piera Aiello zeigt ihr Gesicht nicht, aber sie antwortet - auf schriftliche Fragen des SPIEGEL. Sie sagt, sie habe sich mittlerweile den meisten Parlamentariern vorgestellt, weil das die Höflichkeit gebiete, auch werde sie sich im Plenum bis auf Weiteres nicht verschleiern. Die Scherze einer sizilianischen Radiomoderatorin über die mutmaßlich erste Abgeordnete in einer Burka haben ihr zugesetzt. Das Leben ist schon so kompliziert genug. "Natürlich hat dieses neue Dasein als Parlamentarierin nicht nur mein persönliches Umfeld verändert, sondern auch mein Privatleben und das meiner Familie umgekrempelt", sagt Aiello.

Die Entscheidung, zu kandidieren, hat sie heimlich getroffen - ohne Zustimmung ihrer vom Staat bestellten Sicherheitsleute. Sie bekam daraufhin noch intensiveren Personenschutz verordnet und nimmt es in Kauf. "Ein historischer Tag für unsere Nation", twittert Aiello, als Regierungschef Conte die Vertrauensabstimmung im Parlament überstanden hatte.

"Dieses Parlament ist ein geschändeter Ort"

Die Werte, für die sie seit 27 Jahren kämpft, "Wahrheit, Gerechtigkeit, Transparenz", sagt Aiello, will sie auch als Parlamentarierin hochhalten. Und zwar bewusst in der Fraktion des M5S, das sich innerhalb von zehn Jahren von einer schrillen, viel belächelten Bürgerbewegung zur stärksten Partei des Landes entwickelt hat.

Piera Aiello
Francesco Bellina/ ROPI

Piera Aiello

Erste Zweifel allerdings haben Aiello schon nach wenigen Tagen befallen. "Wenn ich die Kollegen von der Opposition sehe, die offenbar mit Rechtsfragen wenig am Hut haben, dann beginne ich zu zweifeln, ob ich im Parlamentsausschuss für Justiz richtig bin", sagt sie. Und schildert in einem Interview mit der Wochenzeitschrift "Espresso" erste Eindrücke aus dem Plenum: "Man debattiert, aber keiner hört zu, einige lesen, andere bohren in der Nase, wieder andere plaudern miteinander - als ich das gesehen habe, bin ich nach Hause und habe mich erst einmal übergeben müssen; dieses Parlament ist ein geschändeter Ort."

Ans Rednerpult wollte Aiello selbst bisher nicht treten. Ihre Debattenbeiträge sollen von Fraktionskollegen verlesen werden. Und doch wird sie jedesmal dann, wenn es heißt: "Das Wort hat Onorevole (die Abgeordnete) Piera Aiello", wieder auf ihr altes Ich zurückgeworfen werden. Auf all das, was sich mit ihrem früheren Namen verbindet und was sie hinter sich ließ.

Aus ihrem alten Leben hat sie einen Pass, ein Bankkonto und einen Rucksack voll düsterer Erinnerungen behalten. In ihrem neuen Leben ist sie wiederverheiratet, hat drei Kinder und einen festen Platz im Parlament. Im "Guardian" sagt sie nun: "Ich wollte mein Gesicht zurück. Jetzt habe ich es."

Video: Die Ndrangheta - Leben im Schatten der Mafia



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