Pinochet-Beerdigung Enkel eines Regime-Opfers spuckt auf Sarg

Der Tod des chilenischen Militärdiktators Pinochet wühlt die Gefühle vieler Chilenen auf. Der Enkel eines Regime-Opfers spuckte auf den Sarg des Verstorbenen. Anhänger des Tyrannen dagegen heben zum letzten Gruß die rechte Hand.


Santiago - Francisco Cuadrados Prats wurde kurz nach seiner Festnahme wieder freigelassen. Nach Militärangaben war es der einzige Zwischenfall bei den Trauerfeierlichkeiten, bei denen von Montag bis gestern 60.000 Menschen am Sarg des im Alter von 91 Jahren verstorbenen Augusto Pinochet vorbei defilierten. Nicht als Zwischenfall wurden Gesten von Anhängern Pinochets gewertet, die faschistische Überzeugungen an den Tag brachten. Junge Männer standen mit dem Hitlergruß am Sarg des ehemaligen Diktators.

Tribut für einen Toten: Hitlergruß über dem Leichnam Pinochets
DPA

Tribut für einen Toten: Hitlergruß über dem Leichnam Pinochets

Cuadrados ist der Enkel von General Carlos Prats, der vor dem von Pinochet 1973 geführten Putsch gegen Präsident Salvador Allende Generalstabschef war. Prats wurde 1974 im argentinischen Exil ermordet. Er war Gegner der Junta und ein argentinisches Gericht hatte den chilenischen Geheimdienst für seine Ermordung verantwortlich gemacht. Ein argentinischer Auslieferungsantrag gegen Pinochet blieb erfolglos. Cuadrados sagte, er mache Pinochet für den Mord an seinem Großvater verantwortlich.

Die Zerrissenheit der chilenischen Gesellschaft wurde am Tag des Begräbnisses erneut deutlich, als Verteidigungsministerin Vivianne Blanlot ausgebuht wurde. Nach der Trauerfeier wurde der Sarg Pinochets mit einem Hubschrauber nach Vina del Mar überführt. Der Tote wurde nach Angaben von Beobachtern vor Ort in der 130 Kilometer nordwestlich von Santiago de Chile gelegenen Küstenstadt Concon verbrannt.

Nach der Einäscherung habe ein Trauerkonvoi aus acht Fahrzeugen den Friedhof verlassen und die Urne mit Pinochets sterblichen Überresten an einen unbekannten Ort gebracht. Nicht bestätigten Berichten zufolge wollte Pinochets Familie die Asche auf dem Landsitz Los Boldos aufbewahren, wo der Ex-Diktator in den Sommermonaten die Wochenenden verbrachte.

Während die Anhänger Pinochets trauerten, feierten die Gegner und Opfer des Regimes in den Straßen der Hauptstadt. Chiles Verteidigungministerin Vivianne Blanlot äußerte sich empört über Bemerkungen eines Enkels des ehemaligen Machthabers. Der Armeeoffizier Augusto Pinochet Molina hatte während der Beisetzung seines Großvaters gesagt, der Sturz des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende durch das Militär sei einem "Wechsel durch Wahlen" vorzuziehen gewesen. Pinochet habe "auf der Höhe des Kalten Krieges das marxistische Modell" besiegt. Banlot bezeichnete die Äußerungen als nicht akzeptabel für ein aktives Mitglied der Armee. Sie kämen in dieser Form "einer Beleidigung des Staates" gleich.

Pinochet war am Sonntag im Alter von 91 Jahren gestorben. Am Dienstag wurde er im Beisein von rund 7000 Anhängern mit militärischen Ehren beigesetzt. Ein Staatsbegräbnis hatte Präsidentin Michelle Bachelet abgelehnt. Während Pinochets Herrschaft von 1973 bis 1990 wurden in Chile nach Schätzungen mindestens 3000 Menschen getötet. Nachweislich wurden mindestens 28.000 Menschen gefoltert, vermutlich ist die Zahl der Folteropfer jedoch wesentlich höher. Zehntausende wurden ins Exil getrieben.

asc/AP/AFP



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